Das Online-Gesellschaftsmagazin aus Frankfurt am Main

Letzte Aktualisierung: 12.08.2020

Werbung
Werbung

Bücherzettel Sommer 2020

von Ilse Romahn

(17.07.2020) Wenn man derzeit im Urlaub schon nicht reisen kann, wohin man möchte, so kann man dennoch durch das Medium Buch in seiner Fantasie jedes beliebige Ziel in Raum und Zeit ansteuern.

Bei den sommerlichen Neuerscheinungen der Verlage steht einmal mehr Frankfurts Geschichte selbst in den immer beliebteren Regionalkrimis hoch im Kurs. Und dies nicht von ungefähr: Wie die Auswahl zeigt, waren und sind es immer wieder Institutionen und Ereignisse in der Mainmetropole, die Entwicklungen der deutschen Gesamtgesellschaft vorweggenommen, bestimmt oder gebündelt haben – und derer sich Autoren offenbar ebenso gern annehmen wie hoffentlich auch viele Leser.

Zwischen Wahnsinn, Mord und Untergang
Frankfurt 1939. Die junge Halbjüdin Hannah Bloch muss sich in der Schule der Schikanen rassistisch angebräunter Mitschüler und Lehrer erwehren. Gleichzeitig wird auch im Rhein-Main-Gebiet die „Aktion T4“ in die Wege geleitet, mit der das NS-Regime psychisch kranke Menschen als „lebensunwertes Leben“ aus dem Volkskörper eliminieren will. Unter Vorwänden werden psychiatrische Fälle in Heilanstalten wie in Hadamar zusammengefasst und dort umgebracht. Als Hannah in der Schule mit einem Anfall ihrer lange verheimlichten Epilepsie zusammenklappt, gerät auch sie ins Visier der Mordmaschine, die hier von dem opportunistischen Gutachterarztes Lubeck auf Touren gebracht wird. Obendrein gerät ihre Mutter durch ihre Verwicklung in den Widerstand in die Fänge der Gestapo… Für Hannah beginnt ein verzweifelter Kampf ums Überleben.

Der Verfasser setzt die Instrumente eines versierten Krimi- und Thrillerautors ein: drastische Szenen von Verfolgung und Gewalt, zynische, gebrochene, verzweifelte, schwankende, aber auch integre Charaktere, die versuchen, in einer immer brutaleren Welt zu überleben, temporeiche Actionszenen gibt es ebenso wie in Dialoge verpackte Reflexionen. Wie alle historischen Romane enthält auch dieser eine Anzahl realer Figuren, andere, die solchen nachgebildet sind, und die fiktiven Protagonisten der Romanhandlung; dies und einige wenige Freiheiten im Umgang mit geschichtlichen Details werden im Nachwort belegt und erläutert.

Darin beschreibt der Autor auch seine Motivation, ausgerechnet die Verbrechen der Euthanasie zum Thema für einen Roman zu wählen: „Um Menschen schwierige Themen nahezubringen, ist der erhobene Zeigefinger meines Erachtens kein gutes Mittel. Warum nicht die zeitgeschichtlichen Aspekte und Hintergründe in eine spannende Geschichte verpacken und damit den Leser zur Beschäftigung mit diesen Inhalten anregen? Schließlich geht es im Roman wie in der Realität um Menschen und deren Lebenswege.“

Die dokumentarischen Passagen zeugen von intensiver Recherche und präziser Ortkenntnis des in der Nähe von Hadamar lebenden Autors. Darin wurden Elemente des Krimis, Thrillers und historischen Romans zu einem Buch verwoben, das von der ersten Seite an fesselt, unter die Haut geht, und das man vor dem fulminanten Ende kaum mehr aus der Hand legen möchte.

Volker Dützer: Die Unwerten, Gmeiner Verlag 2020, 473 Seiten, 15 Euro

Sechzig war mehr als nur Achtundsechzig
Die 1960er Jahre waren für ganz Deutschland, besonders aber für Frankfurt, eine Zeit massiver Veränderungen. Die Großerzählung von der Studentenrevolte 1968 verdeckt, wieviele Grundlagen für unsere heutige Lebenswelt im Erscheinungsbild der Stadt, ihrer Infrastruktur und Stadtgesellschaft, aber auch unserer Lebensweise in diesem Jahrzehnt geschaffen wurden. Der Begleitband zu der gleichnamigen Ausstellung will an diese „Bewegte Zeiten“ erinnern.

Natürlich kommen die politischen Ereignisse der Studentenrevolte nicht zu kurz. Aber auch anderweitig hat die Politik nachhaltige Prozesse in Gang gesetzt. So markiert der Auschwitzprozess zu Beginn der Dekade einen ersten Höhepunkt in der Aufarbeitung des NS-Unrechts, stehen Gastarbeiterzuwanderung und sexuelle Befreiung am Beginn tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen oder bringen Popkultur und höhere Löhne im Zusammenwirken mit der Verwandlung von Luxus- in erschwingliche Massengüter Konsum, Freizeitbeschäftigung, Sport und Wirtschaft in ungeahnter Weise in Schwung. Es entstehen Stadtviertel, in denen die Frankfurter bis heute wohnen und die sie bis heute in den damals gebauten U-Bahnstrecken erreichen können.

Der Autor hat keinen durchlaufenden Geschichtsband vorgelegt, sondern – der Ausstellung entsprechend – eher eine Kollage von Themen, die jedes für sich mit einem knappen, aber immer inhaltsreichen und gründlich recherchierten Text vorgestellt und zahlreichen, aussagekräftigen Bildern illustriert werden. Zusammengebunden werden die Kapitel am Ende zur Orientierung durch eine tabellarische Chronologie. Der Band muss nicht von vorn bis hinten durchgelesen werden, sondern lädt vielmehr förmlich zum kapitelweisen Schmökern oder gezielten Nachschlagen ein, nachdem man sich einmal an die politisch korrekte Gendersternorthographie gewöhnt hat – und wer dann noch tiefer graben möchte, kann sich im Literaturverzeichnis nach weiterem Lesefutter umsehen.

Markus Häfner: Bewegte Zeiten. Frankfurt in den 1960er Jahren, Societäts-Verlag 2020, 190 Seiten, 18 Euro

Bruno Müller – ‚Stadtrat gegen Stiftungen‘
Bei der Entrechtung ihrer jüdischen Bevölkerung und der Plünderung ihrer Vermögen spielten die deutschen Kommunalverwaltungen in der NS-Zeit eine zentrale Rolle.

Einer zentralen Figur dieses Prozesses hat der Frankfurter Historiker Gunter Stemmler auf der Basis noch verfügbarer Akten eine Studie gewidmet, die die Mechanismen beleuchtet, mit denen sich die Stadt Frankfurt nach und nach die Vermögen der jüdischen Stiftungen einverleibte, ihre Träger marginalisierte und diesen Teil der jüdischen Lebenswelt vernichtete. Bruno Müller, Jurist, NSDAP-Mitglied und von 1928 bis 1945 hauptamtlicher Stadtrat, oblag unter anderem die Aufsicht über Stiftungswesen. Wie er eiskalt und technokratisch die zahlreichen, zum Teil sehr vermögenden Stiftungen des erfolgreichen jüdischen Bürgertums – wie der zynische Begriff dafür lautete – „arisieren“ und den Zielen der nationalsozialistischen Politik dienstbar machen konnte, ist der erste Schwerpunkt dieser Arbeit.

Ein zweiter ist Legendenbildung der Nachkriegszeit. Das eigentlich Erstaunliche, man könnte auch sagen: Skandalöse, daran ist, dass Müller nach dem Krieg nach kurzer „Abkühlungsphase“ ziemlich genau da weitermachen konnte, wo er 1945 aufgehört hatte. Fragen wurde offenbar kaum gestellt, weder von der Stadtpolitik noch in den Medien, und im Entnazifizierungsverfahren wurde er als kaum belastet eingestuft. Zwar wurde er nicht mehr zum Dezernenten gewählt, schaffte es aber 1948 wieder zum kommissarischen Leiter der Rechtsstelle, im Jahr darauf bis zur Pensionierung 1957 zum Leiter der Stiftungsabteilung. Er bekam seine Beschäftigung sogar noch einmal verlängert, um ein Buch über Frankfurter Stiftungen zu schreiben, das in einer Neuauflage bis heute im Handel erhältlich ist und – natürlich – nicht zuletzt der Bemäntelung von Müllers Rolle in der NS-Zeit diente, und das offenbar erfolgreich: Müller erhielt die Ehrenplakette der Stadt ebenso wie das Bundesverdienstkreuz.

Der Autor verweist zu Recht darauf, dass in der Geschichte der Frankfurter Kommunalpolitik von 1933 bis 1945 und deren Fortleben nach Kriegsende noch ein riesiges Loch klafft. Eine Lücke immerhin hat er mit dieser exemplarischen biographischen Studie geschlossen.

Gunter Stemmler: Bruno Müller. Frankfurter Stadtrat für Stiftungen. Hamburg: tredition: 2020, 138 S., 9,99 Euro (Tb.), 17,99 Euro (geb.)

‚Wurde er Lump und Banquereteur geheißen…‘
Wer jemals als Zuschauer in einem Gerichtssaal gesessen hat, weiß: Da wird das Unterste zuoberst gekehrt, da werden Fassaden eingerissen, kurz: Da tobt das pralle Menschenleben. Deshalb sind Gerichtsakten auch immer eine gehaltvolle Quelle für Historiker, die sich mit Alltagsleben, familiären und gesellschaftlichen Verhältnissen und Sozialbeziehungen früherer Zeiten befassen. Die Autorin hat Frankfurter Kriminalakten aus der Zeit der Französischen Revolution, eine Phase des Umbruchs auch in der Frankfurter Stadtgeschichte, im Hinblick auf den Umgang der Frankfurter Strafjustiz mit der jüdischen Bevölkerung zur Goethezeit ausgewertet.

Damals waren rund zehn Prozent der Bevölkerung Juden, die trotz mancher Diskriminierungen in vielfacher Weise am Arbeits-, Wirtschafts- und Alltagsleben der Mehrheitsbevölkerung teilnahmen. Daraus ergaben sich unweigerlich Konfliktsituationen, sei es mit anderen Gemeindemitgliedern, sei es mit der nichtjüdischen Mehrheit. Und wie zu allen Zeiten gingen manche davon schief, eskalierten und wenn entweder die Ordnungskräfte einschritten oder von einer der Streitparteien auf den Plan gerufen wurden, landete man damals wie heute vor Gericht.

In ihrer Darstellung greift die preisgekrönte Arbeit weit über das Titelthema hinaus. Der Leser lernt das recht komplizierte Gerichtswesen und den Rechtsstatus der Juden in der Reichsstadt kennen, erfährt wie polizeiliche Untersuchungen auch durch jüdische Ermittler wie den späteren Schriftsteller Ludwig Börne sogar grenzüberschreitend in der deutschen Kleinstaaterei abliefen, und Strafen vollstreckt wurden. Die Fälle reichen von der gequälten Hausangestellten, die eines Tages ihre Dienstherrin mit dem Beil niederstreckte, über zahlreiche Ehrenhändel, die häufig in Handgreiflichkeiten ausarteten, bei denen unter Damen auch schon einmal der Nachttopfinhalt zum Einsatz kam, Betrügereien zu Messezeiten bis hin zu ausgeklügelten Wirtschaftsdelikten und den häufigen Anklagen wegen Diebstahl durch Hauspersonal.

Das Buch ist zwar sehr lesbar und streckenweise durchaus unterhaltsam geschrieben, aber dennoch keine lockere Anekdotensammlung, sondern eine analytische, quellenbasierte wissenschaftliche Arbeit zur Rechts- und Sozialgeschichte, mit der man tief in das Frankfurt einer anderen Zeit und ihrer Lebenswelt einsteigen kann.

Vera Kallenberg: Jüdinnen und Juden in der Frankfurter Strafjustiz 1780 – 1814, Göttingen: Wallstein-Verlag 2018, 464 Seiten, 54 Euro

Zwischen Schrebergarten und Maintower
Sebastian, ein erfolgreicher Geschäftsmann, erfährt, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Schon von der Krankheit gezeichnet, will er noch etwas in Ordnung bringen. Er lädt nach Jahrzehnten zwei Jugendfreunde zu sich nach Frankfurt ein. Alle drei könnten von Herkommen und Lebenslauf verschiedener kaum sein. Was sie vereinte, war die Schulzeit im Groß-Gerau der 80er Jahre, in der alle drei als Außenseiter unterwegs waren.

Zwischen diesen beiden verschränkten Schauplätzen und Zeitebenen schwenken Handlung und Blickpunkt hin und her, wenn die Ereignisse immer aus der Perspektive des jeweiligen Protagonisten geschildert und erst langsam, dann mit immer mehr Tempo dem Finale zugeführt werden. Der Leser beginnt zu ahnen, das in dieser Jugend irgendwann einmal etwas heftig schiefgegangen sein muss, wird am Schluss aber dann doch ziemlich überrascht.

Das Buch ist kein klassischer Kriminalroman mit einer Leiche zu Beginn, dem Kommissar in der Mitte und der Lösung am Schluss. Es ist vielmehr eine Erzählung, in der Elemente von Krimi und Entwicklungsroman miteinander verknüpft werden, wobei die Zeitsprünge die Spannung immer weiter anheizen. Der Autor, der sich bereits mit Regionalkrimis aus dem Rhein-Main-Gebiet einen Namen gemacht hat, verwendet eine klare, schnörkellose, bisweilen drastische Sprache, die mit wenigen Worten viel erzählt und zeichnet sich durch eine gründliche Kenntnis von Ort und Zeit aus; bis hin zu den beschriebenen Klamotten werden Zeitgenossen ihre Schulzeit ebenso wiedererkennen wie das Frankfurt, das sie gerade durchquert haben – natürlich um es sich daheim im Sessel oder auf dem Balkon mit diesem Buch bequem zu machen.

Rolf Schwob: Tod im Gleisdreieck, Frankfurt: mainbook 2020, 250 Seiten, 12 Euro

‚Der bunteste Haufen, den man sich vorstellen kann‘
Heute, 75 Jahre nach Ende von Krieg und NS-Terror, ist eine lebendige, wachsende jüdische Gemeinschaft wieder ein selbstverständlicher Bestandteil der Stadtgesellschaft, die zum ersten Mal seit Ludwig Landmann wieder einen jüdischen Bürgermeister an ihre Spitze gewählt hat. Dass dies alles so selbstverständlich dann doch nicht war, beschreibt der Autor in seiner preisgekrönten Arbeit zur Geschichte des jüdischen Lebens im Frankfurt der „alten“ Bundesrepublik.

Er ist stellvertretender Direktor des Jüdischen Museums und damit einer der Institutionen, die zu den lokalen Frankfurter Besonderheiten zählt, welche diesen Prozess wesentlich begünstigt haben. Es ist Teil einer Stadtkultur, die aus ganz unterschiedlichen Motiven und Ansätzen heraus in ihrem Zusammenwirken diesen Sonderfall der deutschen Nachkriegsgeschichte gefördert haben.

Man kann dieses Buch so lesen, wie es der Titel vorschlägt. Man kann es aber auch als Frankfurter Nachkriegsgeschichte aus dem Blickwinkel eines in sich sehr heterogenen Teils einer vielfältigen Stadtgesellschaft lesen, die daher auch von gesellschaftlichen Wandlungen, politischen Spannungen und kulturellen Konflikten ebenso erschüttert wurde wie die übrige Bevölkerung auch, wofür die Jahre 1968ff nur ein Beispiel sind.

Der Autor kann sich dabei jederzeit auf seine Sprache verlassen. Ihm ist das seltene Kunststück gelungen, ein Stück solider Geschichtsschreibung abzuliefern, das zugleich in reportagehaften Passagen die Ereignisse lebendig werden lässt. Daher kommt das Buch auch ohne Bilder aus. Die lässt der Autor in den Köpfen seiner Leser entstehen: Informationsgewinn durch Lesevergnügen. Ein Meisterwerk.

Tobias Freimüller: Frankfurt und die Juden. Neuanfänge und Fremdheitserfahrung 1945 – 1990, Göttingen: Wallstein-Verlag 2020, 568 S., 44 Euro

Information und Meinung aus Frankfurt für Deutschland
Ungewöhnlich sind an der FAZ nicht nur deren Reichweite und ihre nationale wie internationale Reputation. Ungewöhnlich ist auch die Redaktions- und Unternehmensverfassung. Gelenkt wird die FAZ nicht wie meist üblich von einem Chefredakteur, sondern einem Herausgeberkollegium, von dem jeder sein Ressort weitgehend selbst verantwortet, und das gemeinsam über Neubesetzungen des Gremiums entscheidet. Dies und das Dach der Fazit-Stiftung, unter dem die FAZ sich quasi selbst gehört, sichern der Zeitung ein hohes Maß an Schutz vor äußeren Einflüssen und gleichzeitig eine große Breite der Themen und Meinungen bei Erhalt der liberal-konservativen Grundströmung.

Das Buch betrachtet sein Thema im Wesentlichen auf der Ebene und aus der Perspektive der Frankfurter Führungsgruppe der Herausgeber und Ressortchefs. Weitgehend ausgeblendet bleibt leider die vor Ort in die Politik wie auch in die Zentralredaktion hinein überaus einflussreiche Arbeit der Parlamentsredaktion, der Landesbüros und Auslandskorrespondenten. Nur am Beispiel des früheren Balkankorrespondenten und späteren Herausgebers Johann Georg Reißmüller, der mit seinen über 130 Artikeln dazu die deutsche Anerkennung Sloweniens und Kroatiens und damit der Auflösung Jugoslawiens herbeischrieb, scheint dies indirekt durch. Mangels einer eigenen Konzeption blieb Kanzleramt und Außenministerium am Ende nichts Anderes übrig, als sich der Idee und Agenda der Zeitung anzuschließen.

In welchem Ausmaß aus dieser Redaktion auch auf anderen Gebieten der Innen-, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik die deutsche Meinungsbildung mitgeformt wurde, lässt der Autor im Rückblick auf die grundlegenden gesellschaftlichen Debatten der Bundesrepublik Revue passieren: Der Umgang mit der NS-Vergangenheit auch innerhalb der Redaktion, die Entscheidungen für Westbindung und soziale Marktwirtschaft, die 68er-Auseinandersetzungen, in denen FAZ-Autor Sternberger den bis heute gängigen Begriff des Verfassungspatriotismus prägte, der Historikerstreit der 80er Jahre oder der einsame Kampf des Blattes gegen die Rechtschreibreform und viele mehr.

Dem Autor, Historiker an der Frankfurter Universität, ist eine mit Schwung geschriebene, amüsant zu lesende Biographie einer Zeitung gelungen, in der sich ein gutes Stück Frankfurter und deutscher Geschichte widerspiegelt, und die bei erkennbarer Sympathie für den Gegenstand die nötige kritische Distanz wahrt – und dies, das sei hinzugefügt, zu einem ungewöhnlich günstigen Preis.

Peter Hoeres: Zeitung für Deutschland. Die Geschichte der FAZ, München/Salzburg: Benevento 2019, 597 S., 28 Euro

Nicht immer ist der Mörder ein Gärtner
Ein altes Haus mit Atmosphäre und Geschichte, von denen einiges auf die etwas schrulligen Bewohner abgefärbt hat, ein Gärtchen dahinter mit Blick auf und Zugang zum jüdischen Teil des Frankfurter Hauptfriedhofs – eine perfekte Idylle. Der Leser ahnt natürlich, dass das nicht lange so bleiben kann und wird auch nicht enttäuscht.

Ein zunächst eher harmloser Logiergast, ein polnischer Magnolienexperte, dazu ein verfressener Fuchs auf dem Friedhof und ein unwillkommener Familienbesuch lösen eine Kette von Ereignissen aus, die die Hauptfigur aus ihrem friedlichen geregelten Bibliothekarinnendasein in ein erst undurchsichtiges, dann immer krimineller werdendes und schließlich ausgesprochen gefährliches Geschehen katapultiert, dessen Versuchungen auch sie sich nicht ganz entziehen kann. Das Ende sei natürlich nicht verraten, nur so viel: Es fließt zwar einiges an Blut, aber die einzigen Opfer sind am Schluss zwei Fichten im Garten.

Die Autorin bevölkert ihren Roman mit bisweilen recht kauzigen Gestalten, die sie mit präzisen Strichen und milder Ironie so plastisch und einfühlsam beschreibt, dass man sie förmlich vor sich agieren sieht. Ähnliches gilt für die Schauplätze des Geschehens, insbesondere, wenn es um die Fauna und Flora von Parks und Gärten geht, die nicht nur die Bühne, sondern so etwas wie die heimlichen Hauptfiguren ihrer Romane abgeben. Die Handlung fließt über längere Strecken ruhig dahin, um den Leser dann plötzlich mit Tempo und Action aus der Kontemplation zu reißen. Am besten natürlich im Grünen zu lesen!

Elsemarie Maletzke: Magnolienmord Frankfurt: Schoeffling & Co. 2020, 248 S., 18 Euro  (ffm)