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Letzte Aktualisierung: 25.10.2021

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Ausstellung `Paula Modesohn-Becker´ in der Schirn Kunsthalle

von Schirn

(11.10.2021) Mit einer umfassenden Retrospektive beleuchtet die Schirn, wie Paula Modersohn-Becker Tendenzen der Moderne vorwegnahm.

Ausstellungsansicht Schirn Kunsthalle Frankfurt 2021
Foto: Schirnkunsthalle Frankfurt / Foto: Norbert Miguletz
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­Keine andere deutsche Künstlerin der Klassischen Moderne hat in der öffentlichen Wahrnehmung einen solch legendären Status erreicht wie Paula Modersohn-Becker (1876–1907). In ihrem kurzen Leben schuf sie ein umfassendes und facettenreiches Œuvre, das über 100 Jahre zur Projektionsfläche wurde und bis heute fasziniert. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet sich vom 8. Oktober 2021 bis 6. Februar 2022 dem Gesamtwerk Paula Modersohn-Beckers und zeigt in einer umfassenden Retrospektive, wie entschieden sie sich über gesellschaftliche und künstlerische Konventionen ihrer Zeit hinwegsetzte und zentrale Tendenzen der Moderne vorwegnahm. Die Ausstellung versammelt in Frankfurt 116 ihrer Gemälde und Zeichnungen aus allen Schaffensphasen, darunter Hauptwerke, die heute als Ikonen der Kunstgeschichte gelten, etwa das Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag (1906). Präsentiert wird ein aktueller Blick auf das Werk dieser frühen Vertreterin der Avantgarde. In der nach prägnanten Serien und Bildmotiven gegliederten Präsentation stehen insbesondere auch Modersohn-Beckers außergewöhnlicher Malduktus und ihre künstlerischen Methoden im Fokus, die zu einer vielfältigen Rezeption ihres Schaffens beitrugen.
 
Ab 1898 lebte Paula Modersohn-Becker in der Künstlerkolonie Worpswede, unterbrochen durch vier längere Aufenthalte in Paris. Ihr umfangreiches Œuvre aus rund 734 Gemälden und etwa 1500 Arbeiten auf Papier spiegelt die Einflüsse dieser beiden gegensätzlichen Orte deutlich wider. Trotz fehlender weiblicher Vorbilder und auch während ihrer Ehe mit dem Worpsweder Landschaftsmaler Otto Modersohn verfolgte sie mit großer Disziplin ihre eigenständige künstlerische Entwicklung. Ihre Werke entstanden in oft einsamer Auseinandersetzung mit der älteren Kunstgeschichte und aktuellen Tendenzen der Kunst, die sie in der französischen Metropole studierte. In großen Werkserien umkreist sie ein wiederkehrendes Repertoire von Bildmotiven: Einen besonderen Schwerpunkt stellen Porträts und Selbstporträts dar, weitere zentrale Werkkomplexe sind Kinderbildnisse, Darstellungen von Mutter mit Kind, Bäuerinnen und Bauern, Akte, Landschaften aus Worpswede und Paris sowie Stillleben. Dabei fand sie zu überzeitlichen, allgemeingültigen Bildern und unabhängigen Darstellungen. Ihre Arbeiten sind rigoros, bisweilen radikal anders als die ihrer Zeitgenossen. Dem hohen eigenen Anspruch der Künstlerin steht ihr zu Lebzeiten völlig ausbleibender äußerer Erfolg gegenüber. Erst nach ihrem Tod wurde ihr Werk als Entdeckung gefeiert, gesammelt und ausgestellt, dabei in seiner Ambivalenz vielfach vereinnahmt.


Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, erläutert: „Paula Modersohn-Becker fasziniert bis heute: Während die einen sie als populäre Malerin von Kinderbildnissen, Müttern, Bauern und norddeutscher Landschaft schätzen, wird sie von anderen als Ausnahmekünstlerin der Moderne gefeiert und neben Cézanne und Picasso gestellt. Gerade diese Vielstimmigkeit ihrer Rezeption war für die Schirn Anlass, unser Publikum einzuladen, ihr Werk in Frankfurt in seiner Gesamtheit neu zu betrachten.“
 
Dr. Ingrid Pfeiffer, Kuratorin der Ausstellung, betont: „Das erstaunliche Werk der Paula Modersohn-Becker, welches in nur knapp zehn Jahren ihres kurzen Lebens entstand, wirkt wie ein Brennglas auf die formalen und inhaltlichen Debatten ihrer Zeit, insbesondere zur Kunst einer Malerin in einer für Frauen äußerst schwierigen Epoche. Immer wieder überrascht ihre künstlerische Eigenständigkeit und ihr Mut, Motive zu malen, die praktisch nicht ausstellbar waren, weil sie ihre Umgebung überfordert hätten.“
 
Peter Gatzemeier, Stiftungsvorstand der Dr. Marschner Stiftung, unterstreicht: „Paula Modersohn-Becker ist einem breiten Publikum zwar bekannt, dennoch steckt ihr Werk voller ungewöhnlicher Aspekte. In einer großartigen Schau schafft es die Schirn uns diese zu vermitteln. Die Dr. Marschner Stiftung freut sich, erneut ein sehr ambitioniertes Projekt der Frankfurter Kunsthalle zu fördern. Wir haben dieses Ausstellungshighlight insbesondere deshalb unterstützt, um zu zeigen, dass wir auch in den aktuell schwierigen Zeiten verlässlich hinter der kulturellen Szene unserer Stadt stehen.“
 
Themen und Werke der Ausstellung
Ein besonderer Fokus im Schaffen Paula Modersohn-Beckers liegt auf der Darstellung des Menschen, dem Porträt. Insbesondere ihre Selbstporträts sind eines ihrer wichtigsten künstlerischen Experimentierfelder und bilden den Auftakt der Ausstellung in der Schirn. Zu sehen ist eine Auswahl dieser malerisch und stilistisch höchst unterschiedlichen Werkgruppe, die ihre gesamte Entwicklung spiegelt und als fortwährender Akt der künstlerischen Selbstvergewisserung diente. Bereits in dem frühen Selbstbildnis (um 1898) wird ihre zentrale malerische Methode sichtbar: die Nahsicht. Das Bildfeld wird komplett ausgefüllt, indem das Gesicht der Künstlerin nah herangerückt ist. Während ihres zweiten Aufenthalts in Paris 1903 fand Modersohn-Becker in der Frontalität römisch-ägyptischer Mumienporträts im Louvre eine Form der Verallgemeinerung, die in der Verbindung von direkter Nähe und zeitlosen Elementen ihren künstlerischen Bestrebungen entsprach und die sie u.a. in Selbstbildnis mit weißer Perlenkette (1906), Selbstbildnis mit rotem Blütenkranz und Kette (1906/07) oder Selbstbildnis mit Zitrone (1906/07) aufgriff. Auch die pastose Malweise der in der Technik der Enkaustik angefertigten und mit dem Spachtel aufgetragenen antiken Vorbilder prägte Modersohn-Beckers Schaffen. Ab 1898 und vermehrt ab 1902 bevorzugte sie eine besonders matte Tempera, deren Oberfläche sie in einigen Fällen mit dem Pinselstiel bearbeitete. Mehr als die Hälfte ihrer Selbstporträts entstand 1906/07, als sie sich – getrennt von Otto Modersohn – in Paris aufhielt und ihren Weg als Künstlerin suchte. Sieben davon zeigen die Malerin halb oder ganz entkleidet. Eine Sonderrolle nimmt das Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag (1906) ein, der erste bekannte Selbstakt einer Künstlerin und zum Zeitpunkt der Entstehung nicht ausstellbar. Das komplexe Werk liefert zahlreiche Anspielungen auf kunsthistorische Vorläufer und deutet diese zu einer um 1900 äußerst gewagten Selbstdarstellung um. Nackt und mit angedeuteter Schwangerschaft stellt sich Modersohn-Becker selbstbewusst und feminin dar – doppelt potent als Künstlerin und als Frau.

Neben den Selbstbildnissen zeigt die Ausstellung Porträts von Personen aus dem persönlichen Umfeld der Künstlerin in Worpswede und Paris, u.a. von Otto Modersohn, Rainer Maria Rilke, der zu den wenigen und wichtigen Unterstützern der Künstlerin zu Lebzeiten zählte, von der Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff oder der befreundeten Helene Hoetger.
 
Viele Figurenbilder von Paula Modersohn-Becker kennzeichnet eine unverwechselbare Mischung aus Nähe und Distanz, aus Naturalismus und Symbolhaftigkeit, mit der diese auf die Ebene des Überzeitlichen und Allgemeingültigen gehoben werden. Diese Darstellungsweise charakterisiert auch ihre einzigartigen Kinderbildnisse sowie ihre Mutter-Kind-Bilder. Mit insgesamt über 400 Arbeiten von meist bäuerlichen Kindern bilden diese im Werk Modersohn-Beckers die größte Gruppe. Die Auswahl an Kindermotiven in der Schirn verdeutlicht, mit welch großer Intensität sich die Künstlerin diesem im späten 19. Jahrhundert besonders beim bürgerlichen Publikum beliebten Sujet widmete. Allerdings verzichtete Paula Modersohn-Becker vollkommen auf die damals übliche idealisierende Darstellung. Ihre Kinder erscheinen als autonome Individuen, fremd und entrückt, in nah herangerückten Bildausschnitten, präsent und intim. In den letzten Jahren ihres Schaffens werden sie zu überzeitlichen Sinnbildern und mit Beigaben wie Früchten und Blumen in phantastischen Bildräumen zu Repräsentanten einer umfassenden Naturmystik. Diese Stilisierung erreicht in Mädchenakt mit Blumenvasen (1906/07), das geprägt ist von Paul Gauguins Tahiti-Motiven, einen Höhepunkt.In ihren Mutter-Kind-Darstellungen beschäftigte sich Modersohn-Becker mit einem Motiv, das vor ihr kaum systematisch bearbeitet wurde, und entwickelte zahlreiche Varianten. Auf realistische Ausarbeitungen folgte später eine Vereinfachung und Monumentalisierung. Vor dem Hintergrund der Lebensreformbewegung und der auch von der Künstlerin praktizierten Nacktkultur wird der unbekleidete Körper wie in den Selbstbildnissen zum Träger einer pantheistischen und matriarchalen Ideenwelt, die sich wie in Mutter mit Kind auf dem Arm, Halbakt II (Herbst 1906) mit einer ikonenhaften Statuarik verbindet.
 
Paula Modersohn-Becker zeichnete in allen Phasen ihres Schaffens und hinterließ ein umfangreiches grafisches Konvolut. Die teils skizzenhaften Pariser Stadtansichten mit typischen Motiven wie Seine-Brücken, der Kathedrale Notre-Dame und Menschengruppen zeugen von ihrer in jahrelanger Übung erworbenen Routine. In Paris nahm sie regelmäßig Unterricht im Aktzeichnen an den für Frauen zugänglichen Akademien von Colarossi und Julian. Gegen akademische Konventionen und Restriktionen für Künstlerinnen zeichnete sie häufig unbekleidete Männer wie Frauen, wählte ungewöhnliche Posen und bewies schon in frühen Arbeiten ihren eigenwilligen Blick. Bereits 1898 in Worpswede entstanden die zwei lebensgroßen Akte in Kohle Stehender weiblicher Akt im Profil nach rechts und Stehender männlicher Akt nach links.
 
Eine Besonderheit in Modersohn-Beckers Œuvre sind die Porträts der Worpsweder Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner, unter denen sich die Künstlerin neben Kindern und Müttern häufig betagte Bäuerinnen und Bauern als Modelle suchte. Anders als die Künstler der 1889 gegründeten Worpsweder Malerkolonie, bestehend aus Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Hans am Ende, Carl Vinnen und Heinrich Vogeler, die eine genrehafte Darstellung favorisierten, ließ Modersohn-Becker ländliche Umgebung und Tätigkeiten zugunsten einer zeitlos-symbolischen Darstellung in den Hintergrund treten. Dabei verlieh sie den Porträtierten ein hohes Maß an Würde, ohne Alter, Grobheit und Armut zu verklären. Zwischen 1903 und 1907 entstand die Serie der meist großformatigen Armenhäuslerinnen, die zu ihren monumentalen Hauptwerken zählt. Immer wieder griff sie auf dieselben Personen zurück, insbesondere „Mutter Schröder“ wie in Alte Armenhäuslerin (um 1905) oder Armenhäuserin (1906). Schwer, statisch, zeitlos und mit riesigen Händen erscheint sie wie eine Göttin aus einer fernen vorchristlichen Kultur. Die Schirn zeigt als besondere Leihgabe aus dem Detroit Institute of Arts auch das durch seinen farblich ungewöhnlichen Bildaufbau bemerkenswerte Hauptwerk Alte Bäuerin mit auf der Brust gekreuzten Händen (1907), das fünf Jahre nach Modersohn-Beckers Tod 1912 in der ersten großen Avantgardeausstellung in Deutschland gemeinsam mit Werken von Vincent van Gogh und Paul Gauguin gezeigt wurde.
 
Neben den figürlichen Darstellungen widmete sich Modersohn-Becker der Landschaftsmalerei und dem Stillleben. In ihrer reduzierten und abstrahierten Auffassung von Landschaft zeigt sich ihr künstlerisches Konzept sowie ihr Mut zum „Ungefälligen“ und „Herben“. Trotz der vernichtenden Kritik des konservativen Malers Arthur Fitger zu ihrer ersten Ausstellung 1899 in der Kunsthalle Bremen, bei der sie unter anderem einige Landschaften präsentierte, setzte Modersohn-Becker ihre Sicht und Malweise unbeirrt fort. Während der ersten Ehejahre teilte sie mit Otto Modersohn noch Vorlieben wie die engen Bildausschnitte der Birken im Hochformat, die an japanische Rollbilder erinnern. In der rigorosen Vereinfachung und der kontrastarmen Farbigkeit, die sich besonders in den nächtlichen Mondlandschaften wie Mond über Landschaft (1900) zu fast monochromen Farbflächen steigert, ging sie jedoch weit über zeitgenössische Darstellungen hinaus. So verzichtete sie – anders als Otto Modersohn und Fritz Overbeck in Worpswede oder Walter Leistikow in Berlin – auf sämtliche Details und Binnenstrukturen sowie Lichteffekte und erzielte eine stumpfe Farbigkeit und matte Oberflächen durch die von ihr eingesetzte Temperatechnik.

Mit ihren Stillleben, von denen die meisten zwischen 1905 und 1907 entstanden, wandte sich Modersohn-Becker einem bevorzugten Experimentierfeld der Avantgarde von Gustave Courbet, Odilon Redon, Paul Cézanne oder Henri Matisse zu, das in Worpswede nur vereinzelt von Heinrich Vogeler aufgegriffen wurde. Wie Cézanne wählte sie ein sich wiederholendes Repertoire von Gegenständen. Doch unterscheiden sich ihre statisch monumentalen Kompositionen wie Stillleben mit Kürbis (um 1905) deutlich durch die dichte materielle Malweise. Als neutrale, unverfängliche Motive zählten sie nach ihrem Tod zu den zunächst am häufigsten gesammelten und ausgestellten Werken.
 
Eine ungewöhnliche, in der zeitgenössischen Kunst beispiellose Methode entwickelte Paula Modersohn-Becker durch das extreme Heranrücken und den Anschnitt ihrer Bildmotive. Die Ausstellung versammelt Arbeiten wie Hand mit Blumenstrauß (um 1902), Katze in einem Kinderarm (um 1903) oder Kind an der Mutterbrust (um 1904), bei denen diese Nahsicht geradezu an einen fotografischen „Zoom“ erinnert – obwohl die Fotografie um 1900 noch gar nicht so weit entwickelt war –, womit sie einen Effekt von Unmittelbarkeit und zugleich erzählerisches Potenzial entfaltet.
 
Katalog Paula Modersohn-Becker herausgegeben von Ingrid Pfeiffer. Mit einem Vorwort von Philipp Demandt sowie Beiträgen von Simone Ewald, Anna Havemann, Inge Herold, Ingrid Pfeiffer, Karin Schick, Rainer Stamm und Wolfgang Werner. Deutsche und englische Ausgabe je 220 Seiten, 180 Abb., 24 × 29 cm, Hardcover, Hirmer Verlag, ISBN 978-3-7774-3722-4 (deutsche), ISBN 978-3-7774-3723-1 (englische), 35 € (SCHIRN), 45 € (Buchhandel).
 
Begleitheft Paula Modersohn-Becker. Eine Einführung in die Ausstellung, herausgegeben von der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Auf ca. 40 Seiten werden die wichtigsten Arbeiten der Ausstellung vorgestellt und die kulturhistorischen Zusammenhänge dargelegt. Ab 12 Jahren, 7,50 € einzeln, im Klassensatz 1 € pro Heft (ab 15 Stück).

­Die Ausstellung „Paula Modersohn-Becker“ wird gefördert durch die Art Mentor Foundation Lucerne und die Dr. Marschner Stiftung.

www.schirn.de