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Letzte Aktualisierung: 24.05.2024

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Auf Schienen von Preungesheim nach Sachsenhausen

Ein Ausflug mit der Tramlinie 18

von Maike Raatz

(18.09.2023) Am Gravensteiner Platz in nordöstlichen Stadtteil Preungesheim scheint die Zeit still zu stehen. Umsäumt von apricot- und cremefarbenen Wohnhäusern und den rötlich gefliesten Säulen des modernen Stadtteilzentrums liegt die große helle Steinfläche ruhig in der frischen Morgenluft.

Garten des Himmlischen Friedens
Foto: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Jan Hassenpflug
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Zwischen grünen Inseln mit Unmengen Lavendel und jungen Kastanienbäumen in der Mitte des Platzes startet hier die Straßenbahnlinie 18 mit Endstation Bahnhof Louisa im Süden der Stadt.

Das „Apfel-Quartier“ im Preungesheimer Osten
Fast unmerklich fährt die Tram in die kleine, schnieke Station ein und wartet geduldig bis all ihre Passagiere die alten Stiegen erklommen und auf den roten, schon etwas abgewetzten Kunstledersitzen platzgenommen haben. Klingeling! Los geht die Fahrt: zuerst durch das „Apfel-Quartier“ – wie das 2020 vollendete Neubaugebiet am Frankfurter Bogen auch genannt wird. Ursprünglich bekannt für wilde Gärten und zahlreiche Obstbäume, zeugen die nach Apfelsorten benannten Straßen und Plätze im Viertel – Gravensteiner, Kantapfel, Alkmene – heute noch von dieser Tradition. Dann wechselt die Aussicht: weite Streuobstwiesen und grüne Felder, am Horizont der Frankfurter Fernsehturm. Die Tram passiert eine Unterführung – das informelle Tor zur „Stadt für alle“. So kündigt es zumindest das Graffiti auf dem massiven Betonbrückenpfeiler links der bewachsenen Schienen an. Die A661 rückt näher und näher, es wird lauter und lauter, und dann ragt in etwa 50 Metern Entfernung schon der Turm des historischen Stadttors – der Friedberger Warte – empor.

Der höchste Punkt Bornheims: die Friedberger Warte
Wie ein historisches Puzzleteil, das aus dem 14. Jahrhundert in die Moderne versetzt wurde, steht die Friedberger Warte auf dem Eulenberg ehrerbietend inmitten regen Treibens: In der Mitte der vierspurigen Friedberger Landstraße – zwei nach Norden, zwei nach Süden – fährt die Tram und bahnt sich ihren Weg durch den Verkehr. Türen auf. raus in die Sonne. Bis die Ampel grün wird, dauert es ein bisschen. Dann ist das historische Gebäude ganz nah: Mit den hohen Bäumen rechts und links, den gelben Margeriten und den romantischen rotweiß gestreiften Holzfensterläden liegen militärische Auseinandersetzungen zwischen dem römisch-deutschen Kaiser und seinen protestantischen Fürsten sehr fern. Ebenso der Dreißigjährige Krieg, dem Turm und Wehrhof durch einen Brandanschlag zum Opfer fielen. Ganz anders heute: Wieder aufgebaut lädt der ehemalige Wehrhof Besucherinnen und Besucher – abgeschirmt vom Lärm der Großstadt – zum gemütlichen Hocken und Babbeln ein. Nach einer kurzen Pause geht es weiter in Richtung City. Nächster Halt: Wasserpark.

Ein Stopp für Familien: der Wasserpark im Nordend
Die Straßenbahn im Rücken und ein Stück den asphaltierten Berg hinauf, erstreckt sich hinter einem unscheinbaren Drahtzaun die weite, sattgrüne Rasenfläche des Wasserparks. Umsäumt von Bäumen und mit vereinzelt elegant anmutenden Sandsteingebäuden wirkt der Garten vornehm, fast königlich. Nicht verwunderlich also, dass die schweren gusseisernen Türen der Pumpenhäuser und Hochbehälter mit kleinen goldenen Löwenkopf-Knäufen geschmückt sind. Gegen Ende der Neorenaissance wurde hier 1872 der erste moderne Trinkwasserbehälter der Stadt errichtet – und ist als Verteilstation bis heute in Betrieb. Beim Flanieren knirschen die kleinen Kiesel unter den Schuhsohlen und die Bienen von der Imkerei nebenan verirren sich hier und da an die kühlen Stellen des Wasserlehrpfads im hinteren, schattigen Teil des Parks. Dort geht es fleißig zur Sache: Während zwei Elternpaare konzentriert die Infotafeln studieren, haben sich die Kinder für die praktische Lernmethode entschieden und probieren nacheinander die interaktiven Stationen zum Frankfurter Wasserkreislauf aus.  Eine kurze, lehrreiche Abkühlung zwischendurch – dann führt der hölzerne Pfad zurück zum Ausgang an die namensgebende Haltestelle. Vorbei an einer breiten Allee nähert sich die Tram der Innenstadt.

Auf eine Partie Schach im Bethmann-Park
Mit dem Bethmann-Park auf der einen Seite der Tramlinie und dem Hessendenkmal auf der anderen, lädt die gleichnamige Station zu einer Erkundungstour durch Frieden und Krieg, Geschichte und Gegenwart ein: Während der preußische König Wilhelm II. 1793 ein Denkmal für die Befreiung Frankfurts von der französischen Armee errichten ließ, kaufte die Familie von Bethmann nur ein paar Jahre früher – 1783 – den gegenüberliegenden ehemaligen Patriziergarten.

Seit 1941 in Besitz der Stadt, bildet dieser 3,1 Hektar große Park heute einen erholsamen Parallel-Kosmos zum hektischen Verkehr und dem kontinuierlichen Stakkato des Presslufthammers im Neubaugebiet nebenan: Links, an ein rosa Mäuerchen angeschmiegt, sitzen einige Passantinnen auf den leuchtend roten Stühlen und genießen den Nachmittag mit einem Kaffee. Rechts wetteifern zwei Schachspieler um den Triumph – begleitet von rund einem Dutzend Zuschauern, die sich auf den Holzbänken rund ums Spielfeld versammelt haben.

Aber das ist noch nicht alles: Der Bethmann-Park ist ein Garten um den Garten. Ganz still und klammheimlich liegt inmitten des äußeren Blumenmeers der Garten des Himmlischen Friedens, benannt nach dem Massaker auf dem Tian’anmen-Platz 1989. Verborgen hinter einer Art weißgetünchter Lärmschutzmauer schlucken der dichte grüne Bewuchs und das Plätschern des kleinen Wasserfalls nicht nur alle Geräusche, sondern auch die Hast der Menschen. Eben noch gefangen im Alltagstrott, schlendern sie nun mit ansteckender Ruhe und Muse langsam über die mit chinesischen Schriftzeichen verzierten grauen Brücken oder entspannen in einem der asiatischen Pavillons mit Blick auf den Teich. Nach einer Weile machen sie – fast wie abgesprochen – den nächsten Stille-Suchenden Platz und finden den Weg zurück ins Großstadt-Gewimmel.

Von der Konsti über den Main an den Südbahnhof
An der Konstablerwache, liebevoll auch Konsti genannt, tummeln sich die Menschen. Eltern, eisessende Kinder, Kontrolleure, eine Großmutter mit ihrem Enkelkind. Alle drängen in die Straßenbahn, und wer Glück hat, ergattert einen Sitzplatz. Die Tramlinie 18 ist gut besucht und transportiert ihre Passagiere nun in Richtung Süden. Vorbei am Hospital zum Heiligen Geist, geht es über die ehemalige Obermainbrücke – heute Ignatz-Bubis-Brücke – nach Sachsenhausen. Wo 1881 eine Pferdebahn der Frankfurter Tram-Gesellschaft verlief, bietet der Blick aus dem Fenster heute eine freie Sicht auf die Wahrzeichen Frankfurts: die Skyline und den Dom auf der rechten, den EZB-Tower auf der linken Seite. Glänzendes Glas trifft Mainsandstein. Immer höhere Gebäude ragen vor dem flachen, breiten Fluss und seinen grünen Grasufern in den Himmel. Nächstes Mal vielleicht ein Picknick? Die richtige Ausstattung dafür gibt es auf dem nahegelegenen Wochenmarkt am Südbahnhof: Vanillepudding-Schnecken und Körner-Brötchen, rote Äpfel und reife Aprikosen. Ein prüfender Blick auf das große, runde Ziffernblatt am Bahnhofsgebäude: Es ist noch Zeit für einen kurzen Spaziergang.

Ein Spaziergang durch Sachsenhausen
Gleich hinter den rotgelben Markisen der Markstände lockt ein Straßenschild mit der Aufschrift „Alt-Sachsenhausen“. Gesäumt von weißen, ockergelben und dunkelgrünen Altbauten, die sich mit ihren hohen, länglichen Fenstern bis in die Baumkronen der Allee strecken, führt der Weg vorbei an rosa und roten Balkonblumen in Richtung Main. Dann, halb hinter einem gusseisernen Tor versteckt: ein mit Efeu berankter Innenhof, ein blumiger Rückzugsort in Sichtweite der nächsten Hauptverkehrsader. Zeit für eine kurze Pause.

Dann geht es zurück in den Trubel in Richtung Südbahnhof: Ampel grün. Ampel rot. Ampel grün. Autos, Straßenbahnen und Fußgänger wuseln auf der breiten Straße durcheinander – letztere vor allem in die vielen, mal modernen, mal rustikalen Straßencafés und Restaurants, die sich hier aneinanderreihen. Als am Ende der Straße die großen, rotgelb gefliesten Bogenhallen des Stadtteilzentrums in Sicht kommen, wird es mit einem Mal wieder etwas ruhiger. Im Jahr 1899 erbaut, wurden hier bis 2000 Straßenbahnen gewartet und untergestellt. Heute bietet das denkmalgeschützte Gebäude genug Raum für ein Café, einen Verlag, einen Supermarkt und die Stadtteilbibliothek Sachsenhausens. Nur die silbernen Rohre und schwarzen Metallstreben im Innern erinnern noch an seinen ehemals industriellen Charakter.

Mit Tram 17 von Louisa nach Neu-Isenburg
Benannt nach der Gattin des Barons und Frankfurter Bankiers Simon Moritz von Bethmann, der 1812 in der Nähe der heutigen Tramstation einen Englischen Landschaftsgarten errichtete, erstreckt sich heute auf 2,5 Hektar der gleichnamige Waldspielpark Louisa. Im Schatten der Bäume können sich hier die kleinen Besucher und Besucherinnen in Holzburg und Piratenschiff austoben – und im Sommer sogar in der nahegelegenen Wasserspielanlage abkühlen. Was sich hier schon abzeichnet, ist nach Louisa nicht mehr zu übersehen: Grün und noch mehr Grün. Kurz nach der Haltestelle rauschen rechts und links Bäume, Äste und Blätter am Fenster vorbei, als Tram 17 in den Stadtwald hinein beschleunigt.

Nach einer kurzen Fahrt liegt inmitten dieser grünen Lunge die nächste Station: Oberschweinstiege. Raus aus der Stadt und rein in die Natur – das scheinen sich hier viele zu denken: ein Pärchen auf Fahrrädern, eine Frau mit ihrem Dackel, eine Familie beim Spazierengehen. Alle sind auf der schmalen, einspurigen Straße in Richtung Jakobi-Weiher unterwegs, von der – in fast regelmäßigen Abständen – erdige Pfade und kleine Rinnsale tiefer in den Wald hineinführen. Die Blätter des Laubwalds rascheln im Wind, in der Ferne brummt ein Flugzeug, und dann geben die Bäume den Blick auf das Gewässer frei. Still, friedlich, kühl lädt es zum Rundweg um den Weiher oder zum Aufenthalt auf einer Holzbank am Ufer ein. Über eine moosbewachsene Steinbrücke geht es zurück zur Station und weiter nach Neu-Isenburg.

Am Horizont tauchen wieder die ersten Häuser und Straßen auf, Tram 17 entschleunigt geht es in die Wendeschleife der Endhaltestelle Neu-Isenburg Stadtgrenze. Vor dem Fachwerk-Stationshaus kommt die Bahn schließlich zum Stehen. Leute steigen aus – ein paar machen sich auf zum Bus in die Stadtmitte, ein paar schnuppern in den Kiosk rein oder nehmen gemütlich Platz unterm Sonnenschirm. Dann fährt die Bahn ein Stückchen vor – und klingeling – zurück geht es nach Preungesheim.

Vielen Dank für’s Mitfahren und vielleicht bis bald in der Tramlinie 18. (ffm)