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Letzte Aktualisierung: 30.09.2020

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Auf den Spuren von Mythen, Sagen und Legenden

Neun sonderbare Geschichten für die Urlaubsneugier

von Ilse Romahn

(31.08.2020) Schaurige Hexentreffen, verschrobene Einsiedler, nachtragende Ritter oder heilige Geburtshelfer: Überlieferte Kuriositäten gelten fast überall als Kulturgut. Noch heute zeugen vielerorts rätselhafte Monumente, Naturschauspiele und schräge Traditionen von vermeintlich wahren Phänomenen.

Fliegende Hexen unterwegs – noch heute lebt die Legende der magischen Schwestern im Hexenwasser Söll/Wilder Kaiser.
Foto: TVB Wilder Kaiser
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Die folgenden neun Mythen, Sagen und Legenden können Neugierige auf Reisen zwischen bayerischen Burgen und kanarischen Feuerbergen genauer unter die Lupe nehmen. www.hermann-meier.de 

Berchtesgadener Land/Oberbayern. Die Sage der Schlafenden Hexe
Erst braucht es etwas Fantasie, aber dann ist sie schnell entdeckt: die „Schlafende Hexe“ im Berchtesgadener Lattengebirge. Die drei Türme des Rotofen bilden die Silhouette einer schlummernden Frau – vom Busen bis zur spitzen Nase. Und wie bei vielen Felsformationen ranken sich auch um diese zahlreiche Sagen: War sie eine Hexe, die vor über tausend Jahren ihr Unwesen gegen Christen trieb und zur Strafe versteinert wurde? Oder doch vielmehr eine alte, tüchtige Magd, die dem Zetern ihres Herrn überdrüssig wurde und sich für immer schlafen legte? Heute jedenfalls verläuft genau zwischen Hexenbusen und -nase der „Steinerne Agnes Rundweg“. Die neun Kilometer lange, mittelschwere Wanderung zum gleichnamigen (ebenso mythenreichen) Naturdenkmal, einem 15 Meter hohen Obelisken, ist ein abgeschiedener Geheimtipp. Dort lässt sich die oberbayerische Landschaft meist noch allein genießen. Im Herbst wird die Strecke mit ihren kleinen Steigen durch lichten Laub- und Lärchenwald zur farbenfrohen Tour. www.berchtesgaden.de 

Lanzarote/Kanarische Inseln. Ein Feigenbaum im Lavameer
Lanzarotes Nationalpark Timanfaya mit seinen mehr als 30 Feuerbergen entstand während der Vulkanausbrüche von 1730 bis 1736. Inmitten des Lavameers erhebt sich der Aussichtspunkt Islote de Hilario, wo in sechs Metern Tiefe nach wie vor Temperaturen von rund 400 Grad herrschen. Die Benennung des Orts geht laut der gleichnamigen Volkssage auf den Einsiedler Hilario zurück, der dort zusammen mit seinem Kamel gut 50 Jahre lang gelebt haben soll. Ernährt habe er sich ausschließlich von Feigen. Sie waren die einzigen Früchte, die auf dem unwirtlichen Boden wuchsen. Heute befindet sich an dieser Stelle das Restaurant El Diablo, von Lanzarotes bedeutendstem Künstler César Manrique gestaltet. In dessen Mitte steht nach wie vor – hinter Panoramafenstern und unter freiem Himmel – ein Feigenbaum, der von der Pflanze des Hilario abstammen soll. www.turismolanzarote.com
Hinweis für Reisen nach Lanzarote: Die Kanareninsel hat für Touristen eine Corona-Versicherung abgeschlossen, die im Falle einer Ansteckung mit dem Covid-19-Virus greift. 

Lebensspur Lech/Tirol und Allgäu. Wenn der Drache erwacht
Ein mysteriöses Naturphänomen zeigt sich regelmäßig im unteren Tiroler Lechtal: Jedes Jahr um den 11. November versiegt dort der Doser Wasserfall bei Häselgehr und beginnt erst wieder um den 23. April zu sprudeln. Wild schäumend tritt dann der Tuoserbach aus einer Felsengrotte hervor und wälzt sich in die Tiefe. Dem Sprühnebel, den der Wasserfall dabei erzeugt, wird eine heilende Wirkung für die Atemwege nachgesagt. Laut Legende ist ein Drache für die sonderbare Erscheinung verantwortlich. Während die Volkssage erzählt, dass dieser im Frühjahr aus seinem Winterschlaf in der Höhle erwacht und den Weg wieder für das Wasser freigibt, denken Wissenschaftler eher über einen unterirdischen See und dessen Überlauf durch die Schneeschmelze nach. Der wahre Grund für das rätselhafte Verschwinden ist allerdings nicht endgültig geklärt. Der Doser Wasserfall ist nur einer von zahlreichen magischen Orten entlang der Lebensspur Lech, dem gesundheitstouristischen Erlebnisraum zwischen Tirol/Österreich und dem bayerischen Allgäu. www.lebensspur-lech.com 

Roter Hahn/Südtirol. Südtirols „Stonehenge“ im Sarntal
Niemand weiß, was es mit ihnen auf sich hat und wann sie entstanden sind: die „Steinernen Männchen“ auf der Hohen Reisch im Sarntal in Südtirols Süden. Die willkürlich arrangierten Skulpturen geben jede Menge Rätsel auf. Vom Zeitvertreib einiger Hirten bis hin zu schaurigen Hexentreffen im Mittelalter reichen die Spekulationen – eine Gerichtsschrift von 1540 untermauert diese obskure Theorie sogar. Felsgravuren deuten außerdem darauf hin, dass die übermannshohen Figuren, auch als Südtirols „Stonehenge“ bekannt, bereits von den Kelten errichtet wurden. Kein Zweifel besteht an der Tatsache, dass es sich bei den „Stoanernen Mandln“ um den sagenumwobensten Ort der Sarntaler Alpen handelt. In einer der ursprünglichsten Ecken des Landes gelegen, bietet sich Wanderern von dem geheimnisumwitterten Almrücken Fernsicht bis zu den Dolomiten. Rund um die Hohe Reisch gibt es derzeit 22 bäuerliche Urlaubs-Unterkünfte der Marke „Roter Hahn“, von denen Wandertouren direkt ab Hof zu den „Stoanernen Mandln“ führen. www.roterhahn.it 

Bodenmaiser Hof/Bayerischer Wald. Spuk auf Burg Weißenstein
Rau, abweisend, karg: Der lange Zeit dünn besiedelte Bayerische Wald mit seinem nebligen Buckelland erwies sich geradezu als Biotop für Spuk und Übersinnliches. Eine dieser schaurigen Geschichten ist die „Sage von Burg Weißenstein“: Ein Ritter des Hauses musste für lange Zeit in den Krieg ziehen und seine Frau zurücklassen. In seiner Abwesenheit gebar sie sieben Söhne, die eine Hebamme im Fluss ertränken sollte. Der wiederkehrende Ritter konnte die Buben gerade noch rechtzeitig retten und heimlich im nahegelegenen Kloster Rinchnach in Sicherheit bringen. Viele Jahre später fragte er seine Frau, was wohl mit einer Mutter passieren solle, die ihren Kindern den Tod wünsche. Sie bekräftigte, dass man eine Kindsmörderin lebendig einmauern müsse. Genau das sollte ihr Schicksal werden, denn der Ritter nahm sie beim Wort. Noch heute soll die „weiße Frau“ nachts durch die Ruine wandeln. Gäste des Bodenmaiser Hof wohnen nur 20 Fahrminuten entfernt von Burg Weißenstein, nächtigen aber deutlich komfortabler. www.bodenmaiser-hof.de 

Region Wilder Kaiser/Tirol. Die Hexenschwestern von Söll
Vor rund 500 Jahren lebten zwei einfache Bauerntöchter, Barbara und Kathrein, in der Gegend von Söll am Wilden Kaiser in Tirol. Beide hatten der Legende zufolge ein umfangreiches Wissen über Pflanzen, kannten jedes Kraut und dessen Wirksamkeit zur Heilung von Wunden. So kamen die Menschen von weit her, um ihren Rat zu suchen. Doch aufgrund ihrer vermeintlich ungewöhnlichen Lebensweise wurden die Schwestern der Hexerei bezichtigt und mussten fliehen, um dem Scheiterhaufen zu entkommen. 300 Jahre später sprudelte plötzlich frisches Quellwasser vom Berg bis hinunter ins Tal, was laut den Einheimischen dem Hexenwerk der beiden zu verdanken ist. Wo einst die Schwestern lebten, begeistert heute die „BergErlebnisWelt“ Hexenwasser Söll. Seit August 2020 freuen sich große und kleine Besucher dort über die Fahrt mit einer der 72 „erzählenden“ Gondeln. Jede von ihnen unterhält die Gäste mit eigenem Motiv und Kurzgeschichten sowie schräger Musik, der sogenannten „Hexophonie“. www.wilderkaiser.info

Tessin/Schweiz. Woher die Kinder ihre Namen haben
Am Fuß des Monte Lema im Tessiner Westen liegt das Dorf Miglieglia. Dessen Kirche Santo Stefano al Colle gilt kantonweit nicht zuletzt wegen ihrer spätgotischen Fresken aus dem 16. Jahrhundert als wichtigster Schauplatz eines uralten Mythos: der Anflehung der Apostel. Demnach beteten besorgte Schwangere dort für das leibliche und geistige Wohl ihres Kindes, indem sie vor dem Bildnis der zwölf Jünger Christi ebenso viele Kerzen anzündeten. Während die Messe gelesen wurde, verfolgten die Frauen mit ihren Verwandten das langsame Abbrennen. Der Apostel, vor dem das Licht zuletzt erlosch, bestimmte den Namen des Neugeborenen. Der Ritus der Anflehung war bis ca. 1950 stark verbreitet. Auch in anderen Kirchen finden sich Wachsspuren und Rauchflecken vor Fresken. Noch heute erbitten junge Frauen Beistand im Gotteshaus von Miglieglia – davon zeugt, dass zahlreiche Kinder der Region einen der zwölf Beinamen tragen. www.ticino.ch 

St. Anton am Arlberg/Tirol. Ein Schatz, der nie gefunden wurde
Auf dem Schlosskopf oberhalb von Nasserein, einem Ortsteil von St. Anton am Arlberg in Tirol, thronte bis vor etwa 600 Jahren voller Stolz die Burg Arlen. Gut bewacht lag im Hof ein wertvoller Schatz verborgen, wie es in der Sage heißt. Als eines Tages ein groß gewachsener Wurm zum Bauernhof am Fuß des Burghügels herabgekrochen kam, baumelte an seinem Hals ein goldener Schlüssel. Die neugierige Bäuerin verstand sofort um dessen Bedeutung und erzählte es im ganzen Dorf herum. Einige Burschen beschlossen, den zugehörigen Schatz zu finden, stiegen ins Schloss ein und gruben, bis sie tatsächlich auf ein Kästchen stießen. Doch die Gier war größer als die Kraft. So fiel die Truhe beim Hochziehen unwiederbringlich zurück, während die Buben vor dem zornigen Schatzwächter Reißaus nehmen mussten. Heute finden sich auf dem Buschhügel nur noch Ruinenreste, doch noch immer vermutet man dort unterirdische Gänge bis nach Nasserein und St. Jakob. Im Verwalltal von St. Anton am Arlberg warten auf Entdecker zwischen Kraftplätzen und Wanderwegen vier interaktive Sagenstationen, wo Kinder spielerisch und mit allen Sinnen auch anderen Mythen der Region auf den Zahn fühlen. www.stantonamarlberg.com 

Starnberger See/Oberbayern. Wo Kaiserin Sisi gern mal abtauchte
Sie soll eine magische Anziehungskraft besitzen – um die verwunschene Roseninsel am Westufer des Starnberger Sees ranken sich viele Legenden. Zahlreiche Rosen, teilweise uralte Sorten, verleihen dem denkmal- sowie landschaftsgeschützten Eiland seinen Namen und einen sanften Duft. Auch eine gewisse bayerische Prinzessin schätze den Ort als Ruhepol und geheimen Treffpunkt mit König Ludwig II. Die spätere Kaiserin Elisabeth von Österreich kannte die Gegend gut, hatte sie doch einen großen Teil ihrer Jugend im nahe gelegenen Schloss Possenhofen verbracht. Mythen und Anekdoten zur Historie der Insel, etwa über das von den Wittelsbachern im pompejanisch-bayerischen Stil errichtete „Casino“, erfahren Besucher auf Führungen sowie bei der fünfminütigen Überfahrt vom Feldafinger Steg. Feste Zeiten gibt es dort nicht: Läutet man die Glocke, schiffen die ganz in Tracht gekleideten Fährmänner Besucher auf einer hölzernen „Zille“ hinüber. Acht Kilometer entfernt liegt das Hotel Vier Jahreszeiten Starnberg, von dessen Lobby Gäste bequem per Leih-Bike, E-Scooter oder Vespa zur Anlegestelle gelangen. www.vier-jahreszeiten-starnberg.de