„Amor Vien Dal Destino“ in der Oper Frankfurt
Die Götter mischen immer mit – vor allem Amor
Die Musik ist der Star der Oper von Agostino Steffani (1654-1728), der nicht nur Komponist, sondern auch katholischer Priester, Titularbischof und Diplomat, war. Er hatte Italien, Frankreich und Deutschland bereist und kannte die Musikstile dieser Länder.
Vom „musikalischen Eintopf seiner Zeit“ spricht der Prager Dirigent Václav Luks, auf Alte Musik spezialisiert, im Gespräch mit Dramaturgin Mareike Wink. Er leitete die Frankfurter Erstaufführung am 25. Januar 2026.
Amor vien dal destino (Die Liebe kommt durch das Schicksal) ist ein Barockmeisterwerk eigener Art: mal glanzvoll wie eine französische Barockoper, mal virtuos wie eine italienische Oper, mal streng nach deutschem Satzbau. Lebendig, frisch, experimentierfreudig, mal tänzerisch ist die Musik. Die Instrumentation führt tief in die Musikgeschichte: Cembali, eine Truhenorgel, Lauten, Harfe, ein Salterio (Hackbrett), Pauken und andere Perkussionsinstrumente, Zimbeln, Windmaschine, Barockoboen, Fagotte, dazu gleich vier Chalumeaux – klanglicher Vorfahre der modernen Klarinette, und viele Streichinstrumente.
Und bestimmte Instrumente sind mit Figuren verbunden: zum Beispiel Lavinia mit dem Klang der Laute. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester wieder in Höchstform.
Für die Sängerinnen und Sänger war es ein Heimspiel. Alle hatten ein Rollendebüt zu bewältigen. Eine wahre Stimmenpracht. Der gebildete, in Venetien geborene Steffani, der bei der Durchreise in Frankfurt starb und im Kaiserdom St. Bartholomäus begraben ist, wo ein Marmorepitaph an ihn erinnert, hatte ein einfühlsames Sprachgefühl. Der italienische Schriftsteller und Librettist Ortensio Mauro (1634-1725) schrieb die meisten Texte für die 14 dreiaktigen Opern Steffanis. Die Dialoge sind geschärft und lassen die für einander bestimmten Paare quasi aneinander vorbeireden. Ständig Missverständnisse. Mauro stützt seinen Text auf Motive aus Vergils Aeneis.
Mal wieder herrscht zwischen den Göttern Streit: soll der trojanische Held Aeneas nach seinen Irrfahrten in Latium stranden dürfen oder nicht? Jupiter stimmt zu, nachdem Venus (Venere), die Mutter von Aeneas, ihn darum inständig bat. Aber da gibt es Schwierigkeiten und neue Fakten müssen geschaffen werden, denn die Prinzessin Lavinia wäre zwar eine ideale Frau für ihn, ist aber König Turnus versprochen. Amor soll den politischen Zwiespalt lösen.
Aeneas ist Lavinia im Traum erschienen und nun ist sie auf ihn fixiert. Nur ihn will sie heiraten und nicht Turnus. Als sich die beiden begegnen, sind sie zueinander hingezogen. Lavinia deutet Aeneas Worte aber falsch und vermutet, dass er eine andere liebt. Sie zieht sich zurück. Lavinias Schwester Giuturna hat dagegen Gefühle für Turnus. König Latinus, Vater der beiden Prinzessinnen, will die Hochzeit von Lavinia und Turnus durchsetzen. Lavinia widerspricht, Vernunft herrsche nicht über Gefühle. Das Schicksal habe eine andere Liebe für sie bestimmt und sie denkt an Suizid. Faunus, der Gott des Waldes, erscheint nun König Latinus im Traum und beschwört ihn, Lavinias Hochzeit mit Turnus zu verhindern. Natürlich kommt es zum Duell zwischen Aeneas und Turnus, der in der Mythologie von Aeneas, später Stammvater der Römer, getötet wird, aber in der Oper überlebt. Ende gut, alles gut. Eine Doppelhochzeit steht an.
Der amerikanische Regisseur R.B. Schlather, seit 2019 an der Oper Frankfurt immer wieder zu Gast, hat dieses subtile Intrigen- und Gefühlstheater zeitlos arrangiert. Gefühlsausbrüche, philosophisches Nachdenken, brutale Aktivitäten und humorvolle Momente der 1709 in Düsseldorf uraufgeführten Oper, wechseln sich ab. Dabei lässt das leere Bühnenbild zunächst Zweifel aufkommen, ob drei Stunden lang dem barocken Gesang (italienisch / englische Übertitel) ohne Ermüdungserscheinung zugehört werden kann. Es kann, denn die Personenführung des Regisseurs ist präzis, lebendig, differenziert und das sängerische Team grandios.
Alles spielt sich auf einem schräg ansteigenden Grashügel, der sich manchmal in ein Flammeninferno verwandelt, ab - eine Idee von Bühnenbildnerin Anna-Sofia Kirsch, die zum ersten Mal an der Frankfurter Oper arbeitet. Nur wenige Requisiten sind dabei. Belebt wird das Geschehen durch faszinierende Schattenspiele, die sich Beleuchtungsmeister Jan Hartmann, seit 25 Jahren an der Frankfurter Bühne, ausgedacht hat. Barocker Tradition folgend, hat Katrin Lea Tag, auch am hiesigen Haus schon mehrfach aktiv, ausgefallene Kostüme und tolle Perücken entworfen.
Wie gesagt alle Sängerinnen und Sänger geben ihr Rollendebüt. Zum ersten Mal steht die italienische Altistin Margherita Maria Sala auf der Frankfurter Opernbühne. Die mehrfach ausgezeichnete Spezialistin für Alte Musik verleiht Lavinia ihre bis ins Tenorale differenzierte Stimme. Eine Entdeckung. Ensemblemitglied Michael Porter, gefeiert als Tamino in der Zauberflöte 2022 und als Ken in Blühen des slowenischen Komponisten Vito Žuraj 2023, ist als Eneas mal ganz anders zu hören. Auch diesen barocken Stil beherrscht er, und singt und spielt locker, geradezu sportlich. Ein grandioser Gegenspieler ist Karolina Makuła als Turnus, die ihre virtuose Sopranstimme als tobenden, versetzten Liebhaber und entehrten König voll entfaltet. Daniela Zib, neu im Opernstudio, wurde als Schwester von Lavinia und Venere (Venus) gefeiert. Die amerikanisch-slowakische Sopranistin ist auch eine lebendige Darstellerin – fesselnd die Szene, die sie total entnervt zeigt. Eine Bereicherung für den Frankfurter Opernbetrieb. Ensemblemitglied Thomas Faulkner setzte seinen sonoren, tiefen Bass als älterer, teils ratloser König Latinos überzeugend ein. Der Schweizer Countertenor Constantin Zimmermann, der ein Debüt in Frankfurt gibt, ließ das Publikum vor Begeisterung fast toben. Ein herrliches, amüsantes Paar waren Pete Thanapat als stürmisch liebender Corebo und Theo Lebow als sich sträubende Amme Nicea – Sonderbeifall für die humorvollen Szenen. Tänzerin Julia Alsdorff ist Double für Szenen von Giuturna und Venere.
Diese barocke Opern-Rarität Amor vien dal destino von Agostino Steffani - musikalisch ein Hörgenuss, wird erneut am 5., 7.,15. (mit Kinderbetreuung), am 18. und 28. Februar aufgeführt. Diesen vergnüglichen Opernabend sollte man nicht verpassen.
Trailer: https://oper-frankfurt.de/de/mediathek/?id_media=509
Online-Tickets: oper-frankfurt.de/tickets Telefonischer Vorverkauf: (069)21249494
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