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Letzte Aktualisierung: 25.06.2024

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Aktionstag gegen den Schmerz

DGAI setzt sich für Behandlung von Schmerzpatienten ein

von Norbert Dörholt

(07.06.2024) Zum bundesweiten „Aktionstag gegen den Schmerz“ betonte die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI) die bedeutende Rolle der Schmerzmedizin innerhalb des Fachgebiets der Anästhesiologie. Die Schmerzmedizin, eine der fünf Säulen des Fachgebiets, hat eine lange Tradition in der Anästhesiologie, aus der sie maßgeblich entstand und in der sie kontinuierlich weiterentwickelt wird, um den Bedürfnissen von Patienten gerecht zu werden. Dennoch wird das aufgrund der gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen zunehmend schwieriger.

Prof. Dr. Joachim Erlenwein ist Sprecher der Sektion Schmerzmedizin innerhalb der DGAI und Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Göttingen.
Foto: DGAI
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Chronische Schmerzen betreffen in Deutschland Millionen von Menschen und haben erhebliche Auswirkungen auf deren Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und Existenzgrundlage. Konkret berichten 23 Millionen Deutsche, also rund 28 Prozent der Bevölkerung, von chronischen Schmerzen. Legt man den Grad der Beeinträchtigung durch diese Schmerzen als Maßstab an, erfüllen sechs Millionen Deutsche die Kriterien für chronische, nicht tumorbedingte, beeinträchtigende Schmerzen. Immerhin 2,2 Millionen Deutsche sind schmerzbedingt zudem erheblich psychisch belastet.

Nicht zuletzt deshalb erfordern chronische Schmerzen spezialisierte und interdisziplinäre Therapieansätze, die maßgeblich von Fachärzten für Anästhesiologie vorangetrieben werden. In Deutschland stellen sie dementsprechend den größten Anteil der ärztlichen Spezialisten in schmerzmedizinischen Praxen, Schmerzambulanzen sowie in stationärer und teilstationärer Behandlung im Rahmen interdisziplinärer, multimodaler Therapieprogramme. Entscheidend für den Erfolg der Schmerzbehandlung ist dabei das Zusammenwirken der verschiedenen Therapieverfahren und beteiligten Fachdisziplinen. Notwendig ist deshalb ein strukturierter Austausch über jeden Patienten in den Behandlungsteams, um gemeinsame Therapieziele festzulegen und die Behandlung koordiniert und individuell abgestimmt auszurichten.

Schmerztherapeut frühzeitig einbinden, um Chronifizierung zu vermeiden

Ein entscheidender Aspekt bei der Behandlung chronischer Schmerzen ist zudem die frühe Einbindung von Schmerztherapeuten. Die möglichst zeitige Behandlung wiederkehrender Schmerzen, bevor sie chronisch werden, ist entscheidend. Im Idealfall sollten hier präventive Konzepte, die auf einem ganzheitlichen Ansatz aus Medizin, Psychologie und Physiotherapie beruhen, zum Einsatz kommen. „Es ist wichtig, Personen mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer chronischen Schmerzerkrankung frühzeitig zu identifizieren und gezielt schmerzmedizinisch zu behandeln“, betont Prof. Dr. Joachim Erlenwein, Sprecher der Sektion Schmerzmedizin der DGAI.

Die DGAI als Fachgesellschaft, die Sektion Schmerzmedizin sowie der Wissenschaftliche Arbeitskreis Schmerzmedizin innerhalb der DGAI setzen sich gemeinsam mit ihren Partnerverbänden dafür ein, dass Patienten Zugang zu solchen hochwertigen und individualisierten Schmerztherapien haben – und machen auf Probleme aufmerksam: Insgesamt besteht ein erheblicher Bedarf an mehr niedergelassenen Schmerztherapeuten. Bezogen auf die maximale Zahl der Fälle, die durch derzeit ca. 1.200 niedergelassene spezialisierte ärztliche Schmerztherapeuten behandelt werden, ist bestenfalls eine Versorgung von ca. einer halben Million Betroffener gewährleistet.

Der Bedarf ist jedoch deutlich höher. Hinzu kommt, dass gerade die derzeitige gesundheitspolitische Diskussion rund um die Krankenhausreform mit ihrer unklaren Perspektive für die Schmerzmedizin und die Insolvenzwelle von Krankenhäusern dazu führt, dass schmerzmedizinische Versorgungsangebote bedroht sind oder geschlossen werden.

Zu wenige ambulante Angebote in der Fläche

Berücksichtigt man außerdem, dass die Patienten durch ihre Belastung meist auch in der Mobilität eingeschränkt sind, wird besonders deutlich, dass für die zukünftige Planung der Versorgung von Schmerzpatienten auch die realistische Erreichbarkeit der Angebote betrachtet und diskutiert werden muss. Vollstationäre interdisziplinäre multimodale Schmerzbehandlung sei zwar aktuell in ca. 380 Einrichtungen verfügbar, so Professor Erlenwein, es müsse aber bedacht werden, dass für den Großteil der Menschen mit chronischen Schmerzen sicherlich keine medizinischen Gründe eine vollstationäre Behandlung rechtfertigen würden.

Ein Blick auf die Zahlen der alternativen Angebote verdeutlicht das Dilemma: Für Deutschland besteht die größte regionale Versorgungsheterogenität in der Verfügbarkeit von Schmerztageskliniken. Von den etwa gut 90 Schmerztageskliniken liegen immerhin 45 Prozent in Bayern. Für Menschen aus etwa 50 Prozent der Wohnorte in Deutschland ist es schon aufgrund der Entfernung schlicht nicht möglich, täglich eine Schmerztagesklinik zu erreichen. Auch die gesundheitspolitische Diskussion einer Ambulantisierung sei für die schmerzmedizinische Versorgung ein zweischneidiges Schwert, so Professor Erlenwein. Auf der einen Seite könnten mehr regional verteilte Anbieter die Erreichbarkeit verbessern. Allerdings liefe dies sämtlichen Bemühungen anderer medizinischer Bereiche entgegen – und natürlich auch den Zielen der aktuellen Krankenhausreform, für die gilt: Qualität vor Masse.

Politik muss aktiver handeln, um Schmerzpatienten nicht allein zu lassen

„Für mich persönlich ist es völlig widersprüchlich, dass man in einem Versorgungsangebot mit hochkomplexen Patienten und hochkomplexer therapeutischer Versorgung diskutiert, eine Ambulantisierung anzustreben und damit mehr in die Breite zu gehen, während man in anderen Bereichen eher auf Qualität durch Routine und häufige Umsetzung von Therapieverfahren setzt“, erklärt Erlenwein und fragt: „Warum geht man nicht eher den Weg, Lösungen zu finden – zum Beispiel, die Betroffenen in weniger, aber dafür hochspezialisierte und routinierte Zentren zu bringen, um eine möglichst gute Versorgungsqualität zu erreichen?“ Wenn Sektorengrenzen überwunden und Übernachtungen im Krankenhaus reduziert werden sollten, könnte man auch andere Wege gehen, Menschen eine Unterbringung nahe des Behandlungsstandorts zu ermöglichen.

Zudem wäre es sinnvoller, wirklich flächendeckend Schmerztageskliniken anzubieten. Die Politik, so der Schmerzexperte, müsse hier deutlich aktiver handeln, um die vielen betroffenen Menschen nicht mit ihrem Leid alleine zu lassen. idw.-