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Letzte Aktualisierung: 30.09.2020

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55 Reden zur Demokratie in der Frankfurter Paulskirche

von Ilse Romahn

(03.09.2020) Trotz Corona große Namen in der Frankfurter Pauskirche: Das Thomas Mann House, Los Angeles, und die Stadt Frankfurt präsentierten am Mittwoch, 2. September, die Ansprachen-Reihe „55 Voices for Democracy“.

Die Soziologin Jutta Allmendinger sowie der Politikwissenschaftler und Philosoph Rainer Forst riefen als zwei neue Stimmen der 55 Stimmen zur „Erneuerung [der Demokratie] in Gedanken und im Gefühl“ (Thomas Mann 1938) auf. Der Schriftsteller Frido Mann knüpfte mit seinem Beitrag „Democracy will win“ an das politische Engagement seines Großvaters an. Stadträtin Nargess Eskandari-Grünberg eröffnete die Medienstation „55 Voices for Democracy“, die ab dem 3. September den Besuchern der Paulskirche frei zugänglich sein wird. Der Festakt am 2. September wurde zudem als Live-Stream übertragen.

„Die Paulskirche ist ein Ort Deutscher Demokratie-Geschichte“, sagte Stadträtin Nargess Eskandari-Grünberg in ihrem Grußwort. „In drei Jahren feiern wir hier 175 Jahre Paulskirchen-Parlament. Die Paulskirche ist aber auch ein Ort Deutscher und Europäischer Demokratie-Gegenwart. Hier wird nicht nur erinnert und gedacht, hier greifen wir die Fragen der Zeit auf. Es wird diskutiert und debattiert“, so die ehrenamtliche Stadträtin.

Auch aus Sicht von Oberbürgermeister Peter Feldmann ist die Reihe „55 Voices for Democracy“ wie geschaffen für den Veranstaltungsort, betonte das Stadtoberhaupt im Vorfeld – nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Stadt Frankfurt gemeinsam mit Bund und Land an einer Aufwertung des des geschichtsträchtigen Gebäudes hinarbeitet. „Wir möchten diesen Ort für jedermann zugänglich und seine demokratische Natur einem noch größeren Personenkreis erlebbar machen. Daher ist diese Veranstaltung mehr als ein Fingerzeig, in welche Richtung die konzeptionelle Neuausrichtung der Paulskirche gehen sollte“, so Feldmann.

Die Serie „55 Voices for Democracy“ knüpft an die 55 BBC-Radioan¬sprachen an, in denen sich Thomas Mann während des Zweiten Weltkrieges von seinem Haus in Kalifornien aus an Hörer in Deutsch¬land, der Schweiz, Schweden, den besetzten Niederlanden und der Tschechoslowakei wandte. Von 1940 bis Mai 1945 appellierte er monatlich an tausende Hörer, sich dem nationalsozialistischen Regime zu widersetzen und wurde so zur bedeutendsten deutschen Stimme im Exil.

55 renommierte internationale Intellektuelle, Wissenschaftler und Künstler wie Francis Fukuyama, Ananya Roy, Timothy Snyder, Orhan Pamuk und Ngũgĩ wa Thiong'o senden vom Thomas Mann House und historisch bedeutenden Orten der Demokratie – wie die Paulskirche – aus ihre Ansprachen, in denen sie ihre Ideen für die Erneuerung der Demokratie vorstellen.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation des Thomas Mann House und des Magistrats der Stadt Frankfurt am Main. Die Medienstation wird großzügig gefördert von der Berthold Leibinger Stiftung.

Weitere Informationen und die Beiträge der Redner gibt es unter https://www.vatmh.org/de/eventreader/200902_55_voices.html im Internet.

Hintergrund und weitere Informationen
Jutta Allmendinger ist eine deutsche Soziologin. Nach Stationen unter anderen an der Harvard University, der LMU und dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, ist sie seit April 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. 2013 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland. 2014 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der Universität Tampere verliehen. Seit 2017 ist sie Mitherausgeberin der Wochenzeitung Die Zeit. Im Jahr 2018 gehörte Jutta Allmendinger zu den ersten Thomas Mann Fellows im eben eröffneten Thomas Mann House in Los Angeles.

Rainer Forst ist Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, war über zehn Jahre hinweg Mitherausgeber von Ethics, ist Teil des Redaktionsausschusses von Political Theory, und ist im Vorstand zahlreicher internationaler Fachzeitschriften. Er ist Mitherausgeber der Serien “Theorie und Gesellschaft” und “Normative Orders” des Campus-Verlags Frankfurt. Rainer Forst wird sich im Jahr 2021 als Thomas Mann Fellow in Los Angeles aufhalten.

Frido Mann, in Kalifornien geboren und Enkel von Thomas Mann, arbeitete nach dem Studium der Musik, der Katholischen Theologie und der Psychologie viele Jahre als klinischer Psychologe in Münster, Leipzig und Prag. Er lebt heute als freier Schriftsteller in München. Zuletzt sind von ihm erschienen „An die Musik. Ein autobiographischer Essay“ und, zusammen mit Christine Mann, „Es werde Licht. Die Einheit von Geist und Materie in der Quantenphysik“. Im August 2018 ist „Das Weiße Haus des Exils“ über das Thomas Mann House in Los Angeles im Fischer Verlag erscheinen.

Das Thomas Mann House in Los Angeles hat zum Ziel, einen lebendigen transatlantischen Debattenort zu schaffen, an dem herausragende Persönlichkeiten im Austausch untereinander und mit dem Gastland grundlegenden politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Gegenwarts- und Zukunftsfragen nachgehen.

Das Thomas Mann House ist ein Residenzhaus der Bundesrepublik Deutschland. Die Thomas Mann Fellowships ermöglichen Wissenschaftler*innen, Vordenker*innen sowie Intellektuellen, die in Deutschland leben oder gelebt haben, sich den drängenden Herausforderungen unserer Zeit zu stellen und den geistigen und kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den USA zu pflegen.
Das Thomas Mann House ist mit seinem interdisziplinären Programm dem Geist Thomas Manns verpflichtet. Während seiner Zeit in Amerika hat sich der Schriftsteller in seinem literarischen Werk, in Vorträgen und Essays intensiv mit Fragen nach den Wurzeln des Faschismus, nach demokratischer Erneuerung, Freiheit, Migration und Exil auseinandergesetzt. In der Tradition von Thomas Manns Radioansprachen an „Deutsche Hörer!“ widmet sich das Thomas Mann House als zentralen Bestandteil seiner Arbeit den großen Fragen unserer Zeit.

Das Thomas Mann House knüpft an das gesellschaftspolitische Wirken des Literaturnobelpreisträgers an. Es bringt deutsche und amerikanische Gesprächspartner aus verschiedenen Fachrichtungen, intellektuellen und künstlerischen Traditionen und mit unterschiedlichen politischen Ansichten ins Gespräch. Fellowships und Veranstaltungen ermöglichen Begegnungen und intellektuellen Austausch. Unterschiedliche mediale Formate verschaffen Persönlichkeiten aus Deutschland und den USA Gehör und bringen sie in einen offenen Dialog mit einer breiten Öffentlichkeit.

Das Thomas Mann House trägt der Diversität der deutschen Einwanderungsgesellschaft Rechnung. Sein Programm bezieht insbesondere auch Positionen aus dem Pazifikraum und Lateinamerika mit ein. Von Pacific Palisades aus soll das Programm auch über Vortragsreisen, Workshops und Symposien sowie Beiträge in Rundfunk und digitalen Medien sowohl in andere Bundesstaaten der USA als auch nach Deutschland ausstrahlen. Als Teil der kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Netzwerke in Südkalifornien ist das Thomas Mann House ein Ort, an dem die deutsch-amerikanischen Beziehungen wichtige Impulse erhalten.

Der Verein Villa Aurora & Thomas Mann House wird vom Auswärtigen Amt und von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.

Die Thomas Mann Fellowships werden großzügig gefördert durch die Berthold Leibinger Stiftung, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und die Robert Bosch Stiftung.

 Medienpartner von „55 Voices for Democracy“ sind Los Angeles Review of Books, Deutschlandfunk und Süddeutsche Zeitung. (ffm)