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Letzte Aktualisierung: 21.05.2024

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50. Jahrestag des VHS-Kurses „Bewältigung der Umwelt“

von Ilse Romahn

(10.05.2024) „Eine Fahrkarte nach Hanau, bitte“ – so fing sie an, die Bahnfahrt von Autorin Christa Schlett. Doch statt auf den Main blickte die Rollstuhlfahrerin auf Koffer. Weil sie ins Gepäckabteil musste. 50 Jahre ist diese denkwürdige Bahnfahrt her. 50 Jahre, in denen sich viel getan hat im Kampf um Würde und Selbstbestimmung behinderter Menschen.

Christa Schlett und Georg Gabler, ehemalige Kurs-Teilnehmende
Foto: VHS Frankfurt
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Weil die sich das Kleinmachen und in die Ecke drängen lassen nicht mehr gefallen ließen. Auch Schlett nicht, die sich im damals neuen VHS-Kurs „Bewältigung der Umwelt“ engagierte – und im Historischen Museum gemeinsam mit anderen auf den 50. Jahrestag dieses ganz besonderen Kurses zurückblickte.
 
Im Januar 1974 ging das von Sozialarbeiter Gusti Steiner, der selbst im Rollstuhl saß, und dem Journalisten Ernst Klee konzipierte Angebot „Bewältigung der Umwelt“ an den Start. Im Kampf um Selbstbestimmung setzten sie auf öffentlichkeitswirksame Proteste wie Straßenbahnblockaden. Vielen Frankfurterinnen und Frankfurtern wurde dadurch erstmals bewusst, mit welchen Barrieren behinderte Menschen im Alltag zu kämpfen hatten.
 
Was hat sich seitdem verändert? Wo wirkt die Kraft und Energie, die aus dieser Bewegung entstand, bis heute nach? Und vor allem: Was bleibt noch zu tun? Über Themenmangel konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Selbstvertretung damals und heute“ wahrlich nicht beklagen. Neben Schlett waren dabei: Sozialarbeiter Georg Gabler, Hannes Heiler, FBAG Frankfurter Behindertenarbeitsgemeinschaft/Verein Selbst, Ulrike Holler, Journalistin beim Hessischen Rundfunk, Ottmar Miles-Paul von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben, Kobinet-Nachrichten, Journalistin Annedore Smith und Björn Schneider vom Selbstvertreterrat Lebenshilfe. Moderiert wurde die Runde von Katja Lüke.
 
„Kreative Aktionen des zivilen Ungehorsams“ hätten die Anfangsphase des Kurses geprägt, so Journalistin Smith. Ein Ziel: die Zentrale der Post auf der Zeil. Die sträubte sich lange gegen eine Rollstuhlrampe. Smith sagte: „Die erste Antwort war: Haben Behinderte denn postalische Bedürfnisse?“
 
Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg erinnerte in ihrem Grußwort an den Slogan „Sprecht mit uns, nicht über uns“, den die Pionierinnen und Pioniere der Behindertenrechtsbewegung geprägt haben: „Sie haben damals das Wort ergriffen. Sie haben die Diskussion an sich gezogen und aktiv deutlich gemacht, wo Ausgrenzung stattfand und woran Teilhabe scheiterte.“ Die Proteste markierten eine Zäsur, ohne die der Fortschritt beim Thema Barrierefreiheit nicht möglich gewesen wäre. Auch in Zukunft gelte: „Ihre Selbstvertretung ist und bleibt wichtig.“
 
VHS-Direktor Danijel Dejanovic sagte: „Gusti Steiner und Ernst Klee haben sich damals bewusst dafür entschieden, mit ihrem Kurs an die Volkshochschule zu gehen. Es steht mir nicht zu, zu beurteilen, ob die Selbstvertretung behinderter Menschen von der VHS profitiert hat. Was ich jedoch sagen kann: Wir als VHS haben von diesem Kurs profitiert. Er hat uns sensibilisiert für Inklusion. Inklusion ist Teil unserer Identität geworden. Sie hat uns besser gemacht. Sie hat unserem Anspruch, Bildungsinstitution für alle zu sein, mit Leben gefüllt.“

Der Direktor des Historischen Museums, Jan Gerchow, spannte einen Bogen von den frühen Kämpferinnen und Kämpfern für Selbstbestimmung zur Studentenbewegung 1968 – und zur Geschichte des Hauses. So wie die Sichtbeton-Architektur des Neubaus 1972 für das Abschneiden alter Zöpfe gestanden hätte, sei das Thema Inklusion in die Umgestaltung der 2010er Jahre eingeflossen.
 
In einem waren sich alle einig: Zum inklusiven Frankfurt ist es noch ein weiter Weg. So kritisierte Heiler den langsamen Umbau von Haltestellen: „In dieser Geschwindigkeit dauert es noch 20 Jahre.“
 
Bildungsdezernentin Sylvia Weber sagte: „Behindertengerecht ist menschengerecht – dieser Satz des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker bringt es auf den Punkt. Inklusion ist keine mildtätige Geste, sie ist ein Recht. Genauer gesagt: ein Menschenrecht. Inklusion als Recht zu benennen und es einzufordern war anno 1974 noch eine Provokation. Die Teilnehmenden des VHS-Kurses ‚Bewältigung der Umwelt‘ haben es dennoch getan. Dazu gehörte jede Menge Mut, aber auch der Glaube, dass es sich lohnt für dieses Recht zu kämpfen.“
 
Weitere Informationen und Hintergründe zum VHS-Kurs „Bewältigung der Umwelt“ finden sich auf der Webseite der VHS unter vhs.frankfurt.de/selbstvertretung. (ffm)