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Letzte Aktualisierung: 06.07.2020

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26 neue ‚Stolpersteine‘ in Frankfurt enthüllt

von Ilse Romahn

(22.06.2020) Oberbürgermeister Feldmann: ‚Wir werden und dürfen die Opfer des Holocausts nicht vergessen‘.

Oberbürgermeister Feldmann bei der Enthüllung der Stolpersteine für Familie Neumann
Foto: Stadt Frankfurt / Bernd Kammerer
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Die Initiative Frankfurter Stolpersteine hat am Samstag, 20., und Sonntag, 21. Juni, in verschiedenen Stadtteilen insgesamt 26 neue Stolpersteine enthüllt: Einer im Bahnhofsviertel, sieben im Westend, vier im Nordend, fünf im Ostend und neun in Niederrad. Stolpersteine sind 10 x 10 x 10 Zentimeter große Betonquader, auf deren Oberseite die Namen und Lebzeiten von Menschen eingraviert sind, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden, aus Deutschland fliehen mussten oder die Lager überlebten. Sie werden vor dem jeweils letzten freiwilligen Wohnsitz des Opfers verlegt.

Oberbürgermeister Peter Feldmann nahm am 20. Juni an der symbolischen Zeremonie für die sechsköpfige Familie Neumann im Grüneburgweg 103 im Westend teil. „Dort lebten die Neumanns bis in die 30er-Jahre, als sie wegen ihrer jüdischen Herkunft unter staatlichem Zwang ihr Haus verkaufen mussten. Vater Paul, Justizrat und promovierter Jurist, Rechtsanwalt und Notar mit eigener Kanzlei in Bockenheim, starb 1941 eines natürlichen Todes und wurde auf dem Hauptfriedhof begraben. Im gleichen Jahr wurden seine Frau Helene und sein Sohn Richard nach Łódź deportiert, beide starben im Januar 1942. Den drei Töchtern Elisabeth, Annemaria und Gertrud gelang die Flucht in die Schweiz, die USA und nach Palästina“, berichtete Feldmann.

„Auch die Familienmitglieder, die nicht Opfer des Holocausts wurden, sind Opfer des Naziregimes“, erinnerte Feldmann. „Wir gedenken heute der gesamten Familie und heben hervor, dass der Terror der Nazis sämtliche Ebenen des gesellschaftlichen Lebens angegriffen und zerstört hat – beruflich, ehrenamtlich, privat.“ Die Neumanns waren Mitglieder im Cäcilienchor, der die sechs Stolpersteine initiiert und finanziert hat. Auftritte mit dem Chor sowie ihr ehrenamtliches Engagement wurden ihnen jedoch nur wenige Monate nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten verboten. „Eine engagierte, große Frankfurter Familie, entwurzelt, ermordet und über die gesamte Welt verteilt. Wir werden und dürfen Familie Neumann nicht vergessen. Und wir werden nie wieder zulassen, dass sich so etwas wiederholt“, machte Feldmann deutlich.

Hartmut Schmidt von der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main sagte: „Endlich können wir wieder Stolpersteine verlegen, nachdem wir die Verlegung von 60 Stolpersteinen im Mai absagen mussten, zu der rund 100 Nachkommen der Opfer aus Israel, USA, Kanada und Argentinien kommen wollten. Wie es weitergehen wird, wird die Zeit zeigen. Gerade in Corona-Zeiten ist es wichtig, durch die Stolpersteine auch ein Zeichen gegen zunehmenden Antisemitismus zu setzen. Die Anwesenheit von Oberbürgermeister Feldmann freut uns deshalb besonders.“

Der Großteil der Menschen, in deren Gedenken die Stolpersteine verlegt wurden, wurden wegen ihres jüdischen Glaubens oder ihrer jüdischen Herkunft verfolgt. Aber auch Behinderungen und von den Nationalsozialisten als verräterisch angesehene Ideologien waren Gründe für Verfolgung und Ermordung. So wurde Erna Poser, der mit einem Stolperstein im Bahnhofsviertel gedacht wird, im Alter von nur zehn Jahren in Hadamar Opfer der sogenannten Euthanasiemorde. Heinrich Schabinger, für den ein Gedenkstein in der Herzogstraße in Niederrad verlegt wurde, wurde verhaftet und in das Konzentrationslager Flossenbürg deportiert, weil er Mitglied der KPD, der Roten Hilfe und des Kampfbundes gegen den Faschismus war. Er wurde bei einem Fluchtversuch aus dem Lager erschossen.

Alexandr Dymkawez, Michail Swiridenko, Alexander Schelakin und Zdenek Svítek mussten Zwangsarbeit für die Deutsche Reichsbahn leisten und waren im Zwangsarbeiterlager auf dem Gelände des Abstellbahnhofs Niederrad inhaftiert. Ab 1944 wurden sie wegen Diebstahl oder Krankheit in verschiedene Konzentrationslager deportiert, wo sie noch im gleichen oder im folgenden Jahr starben. Die Verlegung der Stolpersteine zum Gedenken an die vier Männer aus Weißrussland, Russland, der Ukraine und Tschechien wurde vom Niederräder Stadtteilhistoriker Robert Gilcher initiiert und von ihm, Petra Weber und Julia Schweigart finanziert. Gilcher hat sich ebenfalls für die Gedenksteine für den Unternehmer Carl von Weinberg, dessen Tochter Wera Reiss und Enkel Alexander von Szilvinyi eingesetzt, die in der Waldfriedstraße 11 verlegt und ebenfalls am 21. Juni enthüllt wurden.

Auch Eintracht Frankfurt unterstützt das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus: Der Verein hat die Verlegung des Stolpersteins für den Sportjournalisten Max Behrens initiiert und finanziert. Der gebürtige Hamburger schrieb für die Sportseiten vieler Frankfurter Zeitungen und war dafür bekannt, selbst über die langweiligsten Fußballspiele einen mitreißenden Bericht schreiben zu können. Behrens wurde 1936 wegen „Rassenschande“ verurteilt und verbrachte drei Jahre in Haft. Nach seiner Entlassung wurde ihm mitgeteilt, dass er das Land innerhalb von einer Woche zu verlassen habe – andererseits drohe ihm die Deportation in ein Konzentrationslager. Ihm gelang die Flucht in die USA. In seiner neuen Heimatstadt New York arbeitete er ab 1945 wieder als Sportreporter. Nach Aussagen von Ärzten stand sein Tod im Jahr 1952 in unmittelbarem Zusammenhang mit den Spätfolgen seiner Verfolgung und Inhaftierung in Deutschland.

Eine vollständige Liste sowie die Geschichten aller Opfer finden sich in der beigefügten PDF-Datei.

In Frankfurt finden sich über 2500 Stolpersteine in 29 Stadtteilen, 2003 wurde der erste Stein verlegt. Insgesamt hat Gunter Demnig, Erfinder der Stolpersteine, über 80.000 Steine in mehr als 1200 Städten und Gemeinden in Deutschland und 24 weiteren europäischen Ländern verlegt. Sie gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Weitere Informationen zu den Stolpersteinen in Frankfurt finden sich unter http://www.stolpersteine-frankfurt.de im Internet. (ffm)