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Letzte Aktualisierung: 19.04.2024

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150 Jahre Zoo im Ostend: Ein Tiergarten im Wandel der Zeit

von Laura Bicker

(25.03.2024) 1874 zog der Frankfurter Zoo mit Tieren und Gehegen an seinen jetzigen Standort um – seitdem haben sich seine Wahrnehmung und Aufgaben grundlegend geändert.

Bildergalerie
Eine Zeichnung des maurischen Elefantenhauses aus dem Jahre 1874, kurz nachdem es vom Westend auf die Pfingstweide umzog
Foto: Zoo Frankfurt
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Auch heute erkennt man die Volieren noch an ihren markanten Bögen
Foto: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Chris Christes
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Petra hat trotz strahlendem Sonnenschein wenig Lust darauf, im Freien zu sein. Die 47 Jahre alte Flusspferddame döst lieber unter Wasser in ihrem Pool im ehemaligen Elefantenhaus des Zoos, das sie mittlerweile alleine bewohnt. Nur ein kleiner Teil ihres breiten Rückens ragt aus dem Wasser hervor, der Kopf dümpelt schläfrig unter der Oberfläche. Ein kleines Mädchen kommt trotzdem aus dem Staunen nicht heraus, wie groß die betagte Dickhäuterin ist.

Petras Zuhause kommt aus einer anderen Zeit. Dicke Gitterstäbe trennen die Tiere von den Menschen, ein vergilbtes Schild warnt die Besucherinnen und Besucher davor, dass Nashörner – die früher ebenfalls dort lebten – sie beim Markieren eventuell mit Urin vollspritzen könnten. Neben den Flusspferden und Nashörnern beherbergte das Haus vor Jahrzehnten auch noch drei Elefanten auf engem Raum; unvorstellbar für heutige Standards der Tierhaltung. Der Zoo Frankfurt möchte die alte Dame aber nicht aus ihrem gewohnten Umfeld reißen, zudem hat sie alleine ausreichend Platz. Nach ihrem Ableben wird in das Haus kein Flusspferd mehr einziehen.

Ein Zoo auf Probe
Wie alt das Haus – oder zumindest seine ursprüngliche Form – wirklich ist, lässt sich an einem Zoo-Modell im Vogelhaus erkennen. Zwischen den parkähnlich angelegten Gehegen wandeln winzige Figuren mit Hüten und Sonnenschirmen. In der Mitte ein gelbes Haus mit auffälligen Verzierungen im maurischen Stil: Petras Zuhause. Identisch sieht es heute nicht mehr aus, denn wie so viele Gebäude in Frankfurt fielen auch die meisten Tierhäuser im Zoo den Bombenangriffen während des Zweiten Weltkriegs zum Opfer. Die Form des Hauses lässt sich jedoch auch heute noch erkennen; das ursprüngliche Aussehen ist durch den pragmatischen Baustil der Nachkriegszeit ersetzt worden.

Wenn man das Modell genauer betrachtet, fällt jedoch schnell auf: Das ist gar nicht das Gelände des Zoos im Ostend. Denn tatsächlich ist der Zoo erst seit 1874 an der Pfingstweide angesiedelt. Vorher besuchten die Frankfurterinnen und Frankfurter die Zootiere auf der anderen Seite der Stadt im Westend. „Der Impuls zur Zoogründung kam, wie so vieles in Frankfurt, von der Bürgerschaft – in den 1850er Jahren gründeten Bürgerinnen und Bürger der Stadt ein Komitee, das sich mit einem möglichen Zoo in Frankfurt beschäftigte und schnell zu Ergebnissen führte. Auch heute noch ist der Zoo eng mit dem Bürgertum dieser Stadt verbunden und lebt auch durch dessen Engagement“, sagt die für den Zoo zuständige Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig.

1855 erwarb Hermann Mumm als Vertreter dieses Komitees bei einer öffentlichen Versteigerung den Leers’schen Garten an der Bockenheimer Landstraße. Das 15 Morgen (entspricht etwa 37.500 Quadratmetern) große Gelände wurde jedoch nicht gekauft, sondern gepachtet – denn im Komitee war man sich bei weitem nicht sicher, ob der Zoo von der Bürgerschaft wirklich angenommen werden würde. Man einigte sich auf einen Mietpreis von 2400 Gulden – knapp 40.000 Euro – pro Jahr für eine Dauer von zehn Jahren.

So entstand der „Probezoo“ im Westend. Das Modell im heutigen Vogelhaus zeigt eine Parkanlage, auf Bildern von damals sind im Hintergrund Felder und der Taunus zu sehen, denn dieser Teil der Stadt war zu dieser Zeit noch nicht besiedelt. Für die Finanzierung konnte sich das Komitee die Unterstützung wohlhabender Frankfurterinnen und Frankfurter sichern, darunter die Rothschilds, der Graf von Bose und seine Frau sowie eine Tochter des Kurfürsten Wilhelm I. von Hessen. Sie und viele weitere Bürgerinnen und Bürger sicherten sich durch Aktienkauf Anteile am neuen Zooprojekt und ließen den Frankfurter Traum eines Tiergartens damit Wirklichkeit werden. Der Zoo wurde im August 1858 eröffnet.

Vom Westen in den Osten: Der Zoo zieht um
Schnell zeigte sich, dass die Frankfurterinnen und Frankfurter den Zoo mit großer Begeisterung annahmen. Da es jedoch keine Möglichkeit gab, das Gelände an der Bockenheimer Warte zu kaufen, sah man sich gezwungen, nach einer neuen Heimat für den Zoo Ausschau zu halten. Nach langen Jahren mit vielen Verhandlungen, die durch verschiedene Meinungen, finanzielle Unsicherheiten und einen Krieg verzögert wurden, einigte sich die Zoologische Gesellschaft 1872 mit der Stadt auf die Pfingstweide, die zu diesem Zeitpunkt noch umgeben von Weinbergen außerhalb der Stadtmauern lag und zur Ochsenmast genutzt wurde.

Dort wurden neue Gehege gebaut, zum Beispiel das damalige Raubtierhaus, andere Gebäude wurden jedoch im Westend abgerissen und am neuen Standort im gleichen Stil wiederaufgebaut, denn das Gelände musste seinem Besitzer, der Städelschen Gesellschaft, ohne Gebäude zurückgegeben werden. So geschah es etwa mit dem Straußenhaus, das heute nicht mehr steht, und Petras damals noch maurischem Zuhause, das den Elefanten Bettsy sowie einige Zebras und Ponys beherbergte. Ein schwieriges Unterfangen, denn die Tiere mussten während des Umzugs in vorübergehenden Gehegen gehalten werden. Erst im Februar 1874 war es so weit: Die rund 1200 Zootiere zogen in ihre neue Heimat im Ostend. Eine Aufgabe, die mit unvorstellbaren Risiken für Tier und Mensch einherging, sollte etwa ein Tier auf der Fahrt mitten durch die Stadt ausbrechen. Zudem litten die Tiere unter enormer Anspannung – allen voran Elefantin Bettsy, die in einem Wagen von sechs Pferden durch die Stadt gezogen wurde.

Die Zoogebäude als Zeitreise durch 150 Jahre
Obwohl erst im Sommer 1874 wirklich alle Tierbehausungen fertig wurden, öffnete der neue Zoo bereits am 29. März 1874 seine Türen für Besucherinnen und Besucher. Das prunkvolle Gesellschaftshaus, das auch heute noch den Eingangsbereich ziert, wurde erst zwei Jahre später fertiggestellt. Ebenfalls der Gründungszeit des Zoos an seinem neuen Standort entstammen die Greifvogelvolieren mit ihren hohen Rundbögen und der Wasserturm des Exotariums oberhalb der heutigen Pinguin-Anlage, auch wenn an diesem nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs viele Änderungen vorgenommen werden mussten. Auch der Erste Weltkrieg hinterließ Spuren im Zoo: 1916 verhungerten zwei Drittel der Tiere. Das konnte auch durch das Eingreifen des Magistrats der Stadt Frankfurt nicht verhindert werden, der 1915 den Zoo übernahm, nachdem die ihn leitende Zoologische Gesellschaft die Kosten nicht mehr tragen konnte.

Wer durch den Zoo läuft, kann neben den imposanten Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert noch andere Epochen der Zoogeschichte entdecken. Da sind die durch viel Beton und gerade Linien geprägten Häuser aus den 1950er bis 1970er Jahren, die vom Pragmatismus und den finanziellen Nöten der Nachkriegszeit erzählen, beispielsweise das Giraffenhaus und das Zuhause der nachtaktiven Tiere. Letzteres trägt den Namen des wohl berühmtesten Zoodirektors Frankfurts: Bernhard Grzimek, der ab 1945 für 29 Jahre dem Zoo vorstand. Unter seiner Leitung gelang nicht nur der Wiederaufbau des zerbombten Zoos sowie dessen Ausbau, er setzte auch das Thema Naturschutz zum ersten Mal auf die Agenda. So wurde von diesem Zeitpunkt an verstärkt Wert darauf gelegt, die Zoogehege so tierfreundlich wie möglich zu gestalten, womit Grzimek den Zoo in den 1950er Jahren zu einem der modernsten seiner Zeit machte – auch wenn einige seiner Methoden heute kritisch betrachtet werden müssen. Zudem gründete er 1950 die Gesellschaft der Freunde und Förderer des Zoologischen Gartens, die heute Zoologische Gesellschaft Frankfurt von 1858 (ZGF) heißt und sich – oft in enger Zusammenarbeit mit dem Zoo Frankfurt – für den Natur- und Artenschutz einsetzt.

„Wer heute das neue Menschenaffenhaus im Zoo betritt oder durch die Anlage der Humboldt-Pinguine schlendert, kann sehen, dass zwischen den auf Hygiene ausgerichteten Anlagen der 50er Jahre und dem heutigen Verständnis davon, was naturgemäß und artgerecht ist, ein großer Unterschied liegt – eine wesentliche, dem wissenschaftlichen Kenntnisgewinn folgende, Entwicklung über so viele Jahre, in denen sich das Konzept Zoo grundlegend verändert hat. Heute streben wir danach, den Tieren ein möglichst naturgetreues Zuhause zu bieten. Im Vordergrund steht immer die Frage, was brauchen die Tiere, um ihr natürliches Verhalten ausleben zu können? Die Architektur, die es als Rahmen dafür braucht, soll möglichst im Hintergrund bleiben“, erklärt Zoodirektorin Christina Geiger. Dabei muss stets eine besondere Eigenschaft des Frankfurter Zoos im Auge behalten werden: Als Innenstadtzoo ist seine Fläche begrenzt und es mussten und müssen Lösungen dafür gefunden werden, wie den Tieren auf dem vorhandenen Raum von elf Hektar ein artgerechtes Leben ermöglicht werden kann.

Natur- und Artenschutz als zentrale Themen
Nicht nur in den Gehegen zeigt sich der Wandel rund um das Thema Zoo. Denn auch wenn schon bei der Gründung des Frankfurter Zoos Erholung und Bildung als zentrale Gründe für seinen Bau genannt wurden, hat der Bereich Bildung in den vergangenen Jahrzehnten enorm an Bedeutung gewonnen. Zoos sind keine reine Zurschaustellung exotischer Tiere mehr – vielmehr haben Forschung, Nachhaltigkeit sowie Natur- und Artenschutz eine zentrale Rolle übernommen. „Eine Reaktion auf die sich verändernde Welt und die immer weiter abnehmende Biodiversität“, erklärt Marco Dinter, der seit Januar 2022 Naturschutzreferent im Zoo ist. Dass die Stelle geschaffen wurde, spricht für die Bedeutung, die dem Naturschutz zugemessen wird. „Bildung, Freizeit und Erholung, Forschung, Natur- und Artenschutz – heute muss jeder Zoo diese vier Säulen abdecken. Das tun auch wir. Wenn man zu uns in den Zoo kommt, erlebt man viele Dinge gleichzeitig. Man kann sehr viel lernen und verbringt dabei einen schönen Tag“, sagt der Biologe, dessen Stimme manche aus dem Naturschutz-Podcast „Hinter dem Zoo geht’s weiter“ wiedererkennen, den er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Zoo und ZGF verantwortet, und der über die vielen Naturschutzprojekte der beiden Institutionen auf der ganzen Welt berichtet.

Die Rolle des Naturschutzes für seine weitere Entwicklung hat der Zoo in seiner Konzeptstudie „ZOOKUNFT2030+“ festgehalten, die 2019 unter dem damaligen Zoodirektor Miguel Casares erarbeitet und vorgestellt wurde. Sie ist Teil der im gleichen Jahr vom Dezernat für Kultur und Wissenschaft präsentierten städtischen Gesamtvision, die auch das Frankfurt Conservation Center auf dem Zooareal sowie Sanierung und Umbau des Zoogesellschaftshauses zu einem Kinder- und Jugendtheater beinhaltet. „Bei ‚ZOOKUNFT2030+‘ nehmen erfahrbarer Natur- und Artenschutz sowie eine exzellente Tierhaltung Schlüsselfunktionen ein. Unseren traditionsreichen Zoo für die Zukunft optimal aufzustellen, ist ein herausfordernder, aber auch überaus spannender Prozess und wird die Institution, wie wir sie heute kennen, grundlegend verändern“, sagt Kulturdezernentin Hartwig.

Zentral für die Neuausrichtung ist auch die Zusammenarbeit mit der ZGF. „Der Zoo unterstützt die ZGF finanziell, beispielsweise fließt ein großer Teil der Einnahmen durch den Naturschutz-Euro in Projekte der Organisation. Er stellt aber auch eine Plattform für sie da und wirkt als Schaufenster, durch das die Besucherinnen und Besucher des Zoos einen Einblick in die Arbeit der ZGF bekommen können“, erläutert Dinter. Der Zoo unterstütze die ZGF aber auch personell: „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter helfen bei Projekten vor Ort mit ihrer Expertise weiter und entwickeln gemeinsam Strategien, wie bedrohte Tierarten bestmöglich geschützt werden können“, sagt der Naturschutzreferent.

Zoodirektorin Geiger, die als Tierärztin im Zoo anfing, war selbst schon bei einem dieser Projekte im Einsatz: Sie reiste in die Steppen Kasachstans, der Heimat der vom Aussterben bedrohten Saiga-Antilopen, und half dabei, die Tiere mit GPS-Halsbändern auszustatten. Nur so können sie in den weitläufigen Steppen überhaupt gefunden werden. Im Februar 2022 übernahm Geiger den Posten der Direktorin. In der langen Geschichte des Zoos, der zweitälteste in Deutschland nach Berlin, ist sie die erste Frau an dessen Spitze – ein weiteres Indiz dafür, dass im Zoo mit seinen mehr als 180 Mitarbeitern die Zeichen auf Zukunft stehen.

Steigendes Interesse bei den Besucherinnen und Besuchern
Durch die im öffentlichen Diskurs immer präsentere Klima- und Biodiversitätsverlustsdebatte ist auch der Naturschutz verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. „Es ist ein sich selbst verstärkender Prozess“, sagt Dinter. Das zeige sich auch daran, dass 79 Prozent der Zoogäste den freiwilligen Naturschutz-Euro zusätzlich zum Eintrittspreis zahlen. Besonders freut Dinter, dass auch vermehrt junge Menschen zu den Vortragsreihen zum Thema im Zoo kommen: „Es kommen immer häufiger Studierende und vor Kurzem war ein Bio-Leistungskurs bei uns.“ In den sozialen Medien gewinnt das Thema ebenfalls an Bedeutung, auch wenn es gegen eine Sache wahrscheinlich niemals ankommen wird: „Süße Tierbabys gehen immer am besten“, erzählt Dinter lachend.

Die gibt es auch in der Anlage der Humboldt-Pinguine und im Menschenaffenhaus – die ersten Bereiche, die im Zoo nach dem neuen Konzept umgesetzt wurden. Bei der Vorstellung von „ZOOKUNFT2030+“ nutzte man Bilder des Flusspferdhauses, um die Wichtigkeit des Umbaus zu verdeutlichen. Die gemütlich in ihrem Becken dösende Petra wird die Neugestaltung ihres Zuhauses nicht mehr erleben. Ihre Nachfolgerinnen und Nachfolger dürfen gespannt darauf sein, was der Zoo Frankfurt für sie kreiert. (ffm)