150 Jahre Bayreuther Festspiele – große Sternstunden - dunkle Kapitel
Eröffnung mit Rienzi, der letzte der Tribunen– erste Oper von Richard Wagner
Am Samstag, 25. Juli 2026, schritten die Ehrengäste, Prominente aus Politik, Unternehmerschaft und anderen Bereichen, über den roten Teppich und wurden von Festspielleiterin Katharina Wagner, Urenkelin von Richard Wagner, begrüßt. Die Festrede hielt ihre Kusine, die Kulturwissenschaftlerin Nike Wagner, ebenfalls Urenkelin des Komponisten.
Auch der in Frankfurt lebende jüdische Publizist und Jurist Michel Friedman, der zunächst eingeladene, dann ausgeladene und wieder eingeladene Redner der Gedenkveranstaltung am nächsten Tag, war gekommen. Mit Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie, die Richard Wagner „Das Kunstwerk der Zukunft“ nannte, wurde das Jubiläumsprogramm musikalisch eröffnet. Die Festspiele enden am 26. August.
Am Tag darauf dann die Premiere der Oper Rienzi, der letzte der Tribunen von Richard Wagner (1813-1873), 1842 in Dresden uraufgeführt und erfolgreich, 2026 erstmals im Bayreuther Festspielhaus auf dem Grünen Hügel aufgeführt. Warum gerade diese Oper - als Hitlers Lieblingsoper bekannt und vom Komponisten verworfen? Richtig, falsch, umstritten - die Meinungen gehen auseinander.
Rienzi sei ein „kontaminiertes Werk“ und habe „ambivalente Emotionen“ bei ihnen ausgelöst, so die beiden aus Ungarn stammenden Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka im Gespräch mit Dramaturg Markus Kiesel. (Programmheft S.10/11). Von der Musik sei sie sofort mitgerissen worden, so Magdolna Parditka und Alexandra Szemerédy von ihr gefesselt: “Die Komposition ist total verrückt.“ Beiden wurde schnell klar: „Das Stück ist aktueller denn je, gerade jetzt, wo die populistischen Tendenzen wieder stärker werden.“
Nathalie Stutzmann, eine ausgezeichnete Sängerin und Dirigentin, heute unter anderem Musikdirektorin des Atlanta Symphony Orchestra, hat sich Monate lang mit der monumentalen Partitur der Oper, komponiert im Stil der Grand Opéra, beschäftigt. Sie habe immer wieder Einfälle entdeckt, die auf spätere Werke Wagners abfärbten, so die Französin. Bestimmte Klangfarben, Motive und orchestrale Ideen seien später im Ring des Nibelungen, in Tristan und Isolde oder Parsifal zu hören.
Richard Wagners Libretto basiert auf dem gleichnamigen Roman des britischen Autors Edward Bulwer-Lytton (1803-1873). Die Partitur, die Hitler 1939 geschenkt wurde, ist verschollen.
Der historische Cola di Rienzo (1313 bis 8.10.1354) war päpstlicher Notar, ein gebildeter Literat, dann römischer Volkstribun. Für die einen ein Humanist, für die andern ein größenwahnsinniger Tyrann. Er war der Sohn eines Schankwirts und einer Wäscherin – ein Plebejer, ein Bürger aus dem einfachen Volk. Er war verheiratet.
In Wagners Rienzi hat der Volkstribun eine inzestuöse Verbindung zu seiner Schwester Irene. Der Junge, dessen Todeskampf noch während der musikalisch-schönen Ouvertüre – von Hitler missbraucht - zu sehen ist, ist er der jüngere Bruder von Rienzi oder sein Kind mit Irene? In der Inszenierung versucht Rienzi, seine Schwester zu küssen, an sich zu ziehen. Gelegentlich wehrt sie ab.
Vor dem römischen Miethochhaus, die beiden Regisseurinnen haben auch Bühnenbild und Kostüme entworfen, findet der heftige Wahlkampf statt. Differenziertes, Punkt genaues Lichtdesign schaffte Bernd Gallasch von der Hamburgischen Staatsoper.
Im Wahlkampf nominiert sind Rienzi, der die Adeligen, die verfeindeten Familien Colonna und Orsini, die das Volk täglich terrorisieren, entmachten will. Sie versuchen, Irene beim Wahlkampf zu entführen. Ausgerechnet Adriano aus der Colonna Familie rettet sie. Bürger unterstützen Rienzi, der die Wahl gewinnt. Er verspricht eine freiheitliche Verfassung und wird zum Volkstribun ernannt. Die Kirche, die ihn später fallen lassen wird, steht zu ihm.
Rienzi will Adriano für seinen Freiheitskampf gewinnen. Als dieser zögert, erinnert ihn Rienzi an die Ermordung seines Bruders/Kindes durch seine Familie. Adriano schließt sich Rienzis Befreiungsbewegung an. Sie werden Freunde, Adriano und Irene ein Paar.
Rienzi: „Rom mach’ ich groß und frei,
aus seinem Schlaf weck’ ich es auf;
und jeden, den im Staub du siehst,
mach’ ich zum freien Bürger Roms!“
Die Adeligen, die versprachen den Frieden einzuhalten, denken aber nicht daran und planen die Ermordung Rienzis beim Friedensfest. Das Attentat scheitert. Gegen den Willen des Volkes begnadigt er Colonna und Orsini, weil Adriano und Irene inständig um Gnade flehen. Aber der Hass auf Rienzi, der ihnen die Macht nahm, lässt die Nobili nicht ruhen. Sie rufen ihre Truppen zum Kampf auf. Rienzi, unterstützt vom Volk, gewinnt die Schlacht, die auf beiden Seiten viele Tote fordert. Grausam ist Rienzis Rache. Die Anführer der Nobili Colonna und Orsini werden erschossen. Vergeblich hatte Adriano Rienzi gebeten, Vater und Brüder zu schonen. Adriano ist nun Rienzis Feind. Von Irene hat er sich zwar losgesagt, kann aber dennoch nicht von ihr lassen und eilt ihr nach. Der Klerus stachelt das Volk gegen Rienzi auf. Rienzi, Irene und Adriano sterben.
Die Inszenierung der monumentalen Oper durch die beiden Regisseurinnen wurde vom Publikum mit Beifall aufgenommen. Auch ich war – bei einigen Kritikpunkten - einverstanden. Nervig war die ständige Beschäftigung der Bürger und der Patrizieranhängerschaft mit dem sogenannten Handy. Störend war auch der überlange, eingeblendete Bibeltext, der vom Geschehen ablenkte. Einmal spielen die Ereignisse vor dem Mietshaus, ein andermal auf den Treppenstufen vor dem Kapitol, vor allem im Plenarsaal. Dort gab es das Fest zur Ernennung zum Volkstribun, dort fand auch das Attentat statt. Im Rahmen des Festes wurde eine Theaterbühne hochgezogen, auf der eine witzige an Wagners Opernfiguren orientierte Performance den Festteilnehmern geboten wurde. Öfters wie auch am Schluss gab es dramatische Szenen vor einer mit Plakaten verunstalteten römischen Häuserwand.
Ein großer Einwand: es gibt keine Ober- beziehungsweise Untertitelung des Textes. Ein Manko vor allem für die Zuschauer auf den oberen Plätzen. Auch wenn die Sänger zum Teil deutlich sangen, entgeht die eine oder andere Feinheit des Dialogs. Ein erstklassiges Sängerteam steht auf der Bühne: Andreas Schager als Rienzi, der ständig präsent sein muss. Bis zum Schluss hielt der österreichische Heldentenor sängerisch wie auch schauspielerisch diese anstrengende Partie durch. Gelegentlich hätte er aber seine durchdringende Stimme etwas dämpfen können. Wie er wurde auch die amerikanische Sopranistin Jennifer Holloway als Adriano – die einzige Hosenrolle im Werk Wagners – frenetisch gefeiert. Eine großartige Leistung. Stürmischen Beifall erhielten Bassist Andreas Bauer Kanabas, der zum Frankfurter Opernensemble gehört, für die Rolle des Colonna, ebenso Bariton Michael Nagy, einst Mitglied an der Oper Frankfurt, für seine Darbietung des Orsini. Last not least großer Applaus für die Schweizer Sopranistin Gabriela Scherer als Irene, die erst am Ende der Oper ihren vollen, eindringlichen Einsatz hat. Auch alle anderen Rollen waren vorzüglich besetzt.
Dirigentin Nathalie Stutzmann leitet einfühlsam Sängerinnen und Sänger und den gewaltigen Chor, der in der Handlung eine wichtige Rolle spielt – Einstudierung Chordirektor Thomas Eitler-de Lint. Die schwierigen, wahlkämpferischen und kriegerisch-turbulenten Szenen verlangen große Aufmerksamkeit von der Dirigentin. Unten, von den Zuschauern nicht zu sehen, sitzen dicht gedrängt, bei großer Hitze die Mitglieder des Festivalorchesters - rund 200 Musiker und Musikerinnen aus renommierten Orchestern Deutschlands und des Auslands, die jedes Jahr eigens für die Bayreuther Festspiele kommen. Auch aus Frankfurter Orchestern.
Es war mutig und gut von der Festspielleitung, sich für die Erstaufführung der Oper Rienzi zum 150jährigen Bayreuther Festspieljubiläum zu entscheiden. Auch wenn es Einwände gegen das Werk des damals 27jährigen Komponisten gibt, so ist es wichtig, es zu kennen, weil es musikalisch auf seine späteren Opern hinweist.
Weitere Aufführungen von Rienzi, eine Studie über Macht, Verantwortung und Verführbarkeit einer Gesellschaft, sind geplant für Samstag, 8.8., Freitag, 14.8., Montag 17.8., Mittwoch 19.8., Samstag 22.8., Montag 24.8. und Mittwoch 26.8. Beginn jeweils 16 Uhr.
Informationen: www.bayreutherfestspiele.de
Nach seiner einstündigen Rede von Michel Friedman bei der Gedenkstunde, bei der er die „gelangweilte, dekadente Demokratie" rügte, alle "Schweigenden und Nörgelnden“ mit den Worten mahnte: „Mein Land, Deutschland, ist eine Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft besteht in Vielfalt, und Vielfalt ist mittlerweile wieder ein Begriff, der sehr angegriffen ist. Diese Gemeinschaft und Vielfalt sind aber die einzige Zukunft." Danach verweilte er zusammen mit Katharina Wagner bei der die Ausstellung „Verstummte Stimmen“ - gewidmet den in den Jahren des Nationalsozialismus verfolgten Künstlerinnen und Künstlern des Festivals, die von allen besichtigt werden kann.
Nirgendwo sonst prallen Geschichte, Kultur und Politik so aufeinander wie bei den Bayreuther Festspielen.
Weitere Artikel aus der Kategorie: