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Letzte Aktualisierung: 04.12.2020

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‚Wir kämpfen gemeinsam für das Licht am Ende des Tunnels‘

Ein Gespräch mit dem Leiter der Notaufnahme des Katharinen-Krankenhauses

von Ulf Baier

(18.11.2020) Christian Köhn leitet als Oberarzt am St. Katharinen-Krankenhaus in Seckbach die Notaufnahme und ist für die Intermediate Care Station zuständig. Die Folgen von Covid-19 sind für ihn seit Monaten allgegenwärtig. Ein Gespräch über die Auswirkungen der Pandemie auf ihn und den Alltag des Klinikteams.

Arzt Christian Köhn im Katharinen-Krankenhaus
Foto: Stadt Frankfurt / Bernd Kammerer
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Herr Köhn, beschreiben Sie kurz die aktuelle Situation in der Klinik?
Köhn: Wir sehen, dass Covid nicht mehr eindeutig klassisch ist. Das heißt: Im Frühjahr sind mehr Menschen allein wegen Covid-Verdachtes zu uns gekommen. Mittlerweile stellen wir fest, dass zunehmend Patienten, die sich wegen anderer Erkrankungen vorstellen, mit dem neuartigen Corona-Virus infiziert sind, ohne es gemerkt zu haben, also asymptomatisch sind. Hier kann Ansteckungsgefahr bestehen.
Zugleich merken wir: Die zweite Welle ist angekommen! Es gab Mitte Oktober so eine Art Vorbeben und am Ende des Monates war es so, als ob jemand den Schalter umgelegt hätte. Mittlerweile haben wir viele Menschen, die Sauerstoff brauchen. Auch wenn viele nach einigen Tagen wieder nach Hause können, müssen wir sie für diese Zeit im Krankenhaus betreuen. Die exponentielle Entwicklung zeichnet sich ganz klar ab. Auch wenn es Tage mit weniger Fällen gibt, können wir praktisch nicht mehr durchschnaufen.

Wie wirkt sich Corona insgesamt auf den Klinikalltag aus?
Wir spüren eine deutliche Mehrbelastung, was nicht nur an den Covid-Patienten liegt. Unsere gesamte Arbeit hat sich aufgrund der geänderten Hygiene-Vorgaben geändert. Denn der Infektionsschutz steht über allem, was sich auf alle Abläufe auswirkt. Das heißt: Wir brauchen mehr Zeit für unsere Arbeit, was wiederum bedeutet, die Pflege kann nicht mehr so viele Leute versorgen wie vorher. Zusätzlich arbeiten mehr Leute im Hygienebereich, was sich auch auf die Gesamtbelastung auswirkt. Ich mache es mal praktisch: Wo früher jemand das als Teil seiner Aufgaben miterledigen konnte, muss ich jetzt eine Person dauerhaft einplanen. 
Hinzu kommt, dass Covid nicht mehr das eine Gesicht hat, da wir tagtäglich über die Erkrankung und ihre Symptome dazu lernen. Man kann das Virus nicht so einfach durchschauen. Denn es äußert sich auch auf anderen Wegen als wir es zunächst im Frühjahr für möglich hielten. Es ist eben mehr als eine Atemwegserkrankung. Für uns Ärzte heißt das aktuell, bei deutlich mehr Symptomen an Covid zu denken, was es wiederum schwieriger macht.

Wie beurteilt der Mediziner die Einschränkungen durch den Lock-down?
So schwer die Entscheidung auch war, wir mussten die Welle abbremsen, da sich einige Leute nicht entsprechend verhielten. Ich habe es hier praktisch im Notarzteinsatz erlebt, dass die Leute nachts in Bars und anderen Orten eng aufeinander hingen ohne die Hygienevorgaben einzuhalten. Ich hoffe allerdings, dass sich die Partys jetzt nicht unkontrolliert in Privaträume verlagern. Denn es gibt eindeutig ein Risiko für junge Leute. Wir müssen immer wieder Patienten unter 35 Jahren beatmen. 
Natürlich gibt es auch eine andere Seite, die Sorge bereitet. Wir erleben immer wieder Menschen, die mit den gesundheitlichen Folgen von Existenzängsten zu uns kommen, etwa weil ihnen der Blutdruck entgleist. Auch sehen wir mehr Auswirkungen häuslicher Gewalt und bei bestimmten Patienten ein erhöhtes Aggressionspotenzial. Dennoch müssen diese allgemeinen Maßnahmen sein, auch wenn man sich im Nachhinein darüber unterhalten kann, ob jeder einzelne Schritt im Detail richtig war.

Mit welchen Worten lässt sich Ihre aktuelle Verfassung und die des Krankenhaus-Teams am besten beschreiben?
Wir wissen, dass die Lage angespannt ist. Aber die Stimmung ist eindeutig: „Wir wollen das machen und wir kämpfen gemeinsam für das Licht am Ende des Tunnels!“ Für mich persönlich als Arzt war es eine ganz klare Entscheidung bei der Berufswahl, dass man sich solchen Situationen zu stellen hat. (ffm)