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Letzte Aktualisierung: 29.05.2020

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‚Jetzt nicht strikt an alten Regeln aus Vor-Corona-Zeiten festhalten‘

von Ilse Romahn

(15.05.2020) Streiten dürfen, Grenzen setzen, Freiraum geben: Tipps der Erziehungsberaterin Sabine Stiller von der Kommunalen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe der Stadt Frankfurt.

Die Corona-Krise dauert nun schon mehrere Wochen, und ein Ende ist nicht in Sicht. Schule und Kitas sind noch immer dicht, fast alles spielt sich zuhause ab. Was können Eltern tun, die befürchten, die Geduld zu verlieren mit sich und den Kindern? Die an ihren Erziehungsfähigkeiten zweifeln und sich vorwerfen, schlechte Eltern zu sein, weil Konflikte zunehmen und Streitigkeiten endlos dauern?

Sabine Stiller, Erziehungsberaterin bei der Kommunalen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe der Stadt Frankfurt, liegt vor allem daran, den Eltern in dieser Situation den inneren Stress zu nehmen. Eine Botschaft ist ihr daher besonders wichtig: „Es ist völlig normal, dass es in Familien und mit den Kindern jetzt mehr Streit gibt als vorher.“ Da all die Orte, an denen Kinder sich sonst tagsüber treffen und nicht selten ihre Konflikte austragen, derzeit geschlossen seien – Kita, Schule, Hort, Sportplatz – verlagere sich der Streit notwendigerweise in die Familie.

Für sich genommen ist das keine Katastrophe – es kommt nur darauf an, wie Eltern darauf reagieren. Die Erziehungsberaterin Stiller rät Eltern daher, sich jetzt vermehrt die Situation der Kinder vor Augen zu halten. „Ihre Lebenswelt hat sich gerade extrem verändert, viel mehr noch als bei Erwachsenen. Für sie ist der Verzicht ungleich größer, wenn sie weder auf den Spielplatz noch in die Kita gehen dürfen, wenn es keine Geburtstagsfeiern und keinen Besuch bei Oma und Opa mehr gibt.“

Grenzen setzen? Ja, aber auch Freiraum geben!
„Solange diese massiven Beschränkungen im öffentlichen Raum gelten, ist es hilfreich, wenn es jetzt in den Familien mehr Freiraum gibt als sonst“, sagt Stiller. Eltern sollten sich daher überlegen, ob die Regeln, die vor Corona in Kraft waren, auch in dieser Ausnahmesituation gelten müssten. „Muss das Kind abends wirklich pünktlich ins Bett? Gilt die strikte Zeitbeschränkung für Spiele am Computer wirklich weiterhin?“ Ihr Rat: „Halten Sie nicht starr an den Regeln aus Vor-Corona-Zeiten fest! Bleiben Sie flexibel.“ Aus ihrer Beratungspraxis weiß sie, dass es den Familien in der jetzigen Lage sogar sehr gut tut, mehr Freiraum zu geben und gelassener mit Grenzen umzugehen.

Nach Ansicht der Erziehungsberaterin ist für Mütter und Väter jetzt vor allem eines wichtig: „Sie sollten akzeptieren, dass sie nicht perfekt sein müssen.“ Und wenn es zu heftigem Streit kommt? „Macht nichts“, sagt Stiller. „Dann kompensieren Sie dieses Gefühl des Scheiterns und klären Sie den Konflikt mit Ihrem Kind. Damit zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie es lieben und es Ihnen wichtig ist.“ (ffm)