Das Online-Gesellschaftsmagazin aus Frankfurt am Main

Letzte Aktualisierung: 12.08.2020

Werbung
Werbung

‚Es ist unser Job, den Verkehr sicherer zu machen!‘

Unterwegs mit der Fahrradstreife der städtischen Verkehrspolizei

von Ulf Baier

(06.07.2020) Das Ärgernis ist hellblau, stammt aus einer Sportwagenschmiede in Stuttgart-Zuffenhausen und gefährdet andere.

Die Fahrradstaffel der Stadtpolizei unterwegs im Stadtgebiet
Foto: Stadt Frankfurt
***

Es steht auf dem Fahrradstreifen der Ulmenstraße, kurz vor der Bockenheimer Landstraße. Wer auf zwei Rädern an ihm vorbei will, muss gefährlich in die Straßenmitte ausweichen und riskiert, mit dem Gegenverkehr zu kollidieren. Daher greift Holger Weber zum Funkgerät und bestellt einen Abschleppwagen. Sein Kollege Michael Niesgoda schaut derweil, ob das Fahrzeug bereits Kratzer, Beulen oder andere Schäden hat. Doch dann erübrigt sich der Abschleppwagen, denn plötzlich stellt sich eine Dame mit den Worten „Hier bin ich“ als Besitzerin des Porsches vor. Den Hinweis, dass auf sie jetzt ein Verwarnungsgeld sowie die Verwaltungsgebühr für das Bestellen des Abschleppwagens zukämen, nimmt sie teilnahmslos auf und verabschiedet sich freundlich.

Niesgoda und Weber arbeiten bei der Fahrradstaffel der städtischen Verkehrspolizei. Diese und andere Szenen gehören zu ihrem Berufsalltag. Insgesamt zehn Männer und Frauen gehören der Dienstgruppe an, die in dieser Form seit Dezember 2019 im Stadtgebiet unterwegs ist. Zuvor hatte sich die Stadt mit der „Bürgerinitiative Radentscheid“ geeinigt, eine Einheit aufzustellen, die aus velo-typischem Blickwinkel Parksünder aufspürt. „Null Toleranz. Egoistisch Radwege und Straßenecken zuzustellen, ist kein Kavaliersdelikt, sondern gefährdet und behindert andere Menschen“, erklärte damals Verkehrsdezernent Klaus Oesterling. Ein Problem, das immer mehr Bürger betrifft. Denn der Velo-Anteil im Frankfurter Stadtverkehr ist nach einer Erhebung der TU-Dresden von 2012 bis 2018 von 12,6 Prozentpunkten 19,8 Prozentpunkte gestiegen, was einem Plus von 58 Prozent entspricht.

„Wir haben die klare Anweisung, strikter vorzugehen“, sagt Verkehrspolizist Niesgoda. Zu tun gibt es genug, wie sich bereits auf dem Weg ins Streifengebiet Westend zeigt. Dort werden sie später auf den blauen Porsche treffen. Um kurz nach zehn Uhr ist er nicht einmal zwei Minuten mit seinem Kollegen Weber von der Zentrale nahe der Konstablerwache losgefahren, schon müssen die beiden von ihren Pedelecs absteigen. In der Töngesgasse versperrt ein Getränkewagen einen Teil der Fahrbahn. Weber weist den LKW-Fahrer auf das Fehlverhalten hin und gibt den Fall in sein Erfassungsgerät ein. Die Antwort: „Wie soll man denn hier anliefern? Ach, hören sie doch auf!“ „Die Situation ist gefährlicher als in den frühen Morgenstunden, wenn jetzt die Radfahrer in den Autoverkehr ausweichen müssen“, erläutert Niesgoda.

Dauerproblem Lieferverkehr
Wenige Minuten später nimmt am Goetheplatz ein brauner Kastenwagen eines Paketlieferanten die rechte Spur in Anspruch und zwingt andere Verkehrsteilnehmer zum Ausweichen. Sein Fahrer beliefert gerade eine Boutique am Eck. Auch er hat wenig Verständnis für die Verkehrspolizisten. Kurz danach stößt der Leiter der Boutique hinzu und fragt, wie er sich denn beliefern lassen solle. Den Hinweis auf die rund 100 Meter entfernt liegende Ladezone quittiert er mit Unverständnis. „Es ist die Just-in-Time-Logik, die dazu führt, immer mit großen Autos zur Stelle sein zu müssen“, macht sich Niesgoda seinen Reim auf die Situation. Er könne mit den Fahrern mitfühlen, die unter hohem Zeitdruck ihre Pakete auszuliefern hätten. Allerdings ändert dies nichts am professionellen Blick der beiden Polizisten. „Es ist unser Job, den Verkehr sicherer zu machen“, sagt Weber.

Den braunen, gelben und weißen Lieferwagen werden die beiden an diesem Tag immer wieder begegnen. So parkt an der Ecke Liebig-/Staufenstraße ein Paketdienstleister auf dem Gehweg. Ein junger Vater mit Kinderwagen kann die Straße nicht einsehen und muss sich umständlich durchschlängeln. Gleiches gilt für einen älteren Herrn mit Stock, der kurz danach die Stelle passieren will. Auf einmal kommt der Fahrer des gelben Wagens mit einer Sackkarre zu dem gelben Auto zurück. Er war gerade im Paketshop einige Meter weiter. Er wundert sich, warum er seine Papiere zeigen und die Privatadresse angeben muss. „Wir brauchen die Anschrift des Fahrers, denn für Parken mit Behinderung kann es nach dem neuen Bußgeldkatalog einen Punkt geben“, erklärt ihm Weber. Seit dem 28. April steht auf viele Verstöße, die zulasten von Fußgängern oder Radfahrern gehen, spürbar höhere Strafen. Doch ohne Verfolgungsdruck wirkt diese abstrakte Drohung wenig. Während Niesgoda und Weber ihrer Arbeit nachgehen, stellen sich in Sichtweite mehrere Lieferwagen in allen drei Farben auf. Ein Fahrer scheint die städtischen Bediensteten in ihren signalgelben Jacken zu sehen und fährt nach kurzer Pause weiter. „Wir machen uns keine Illusionen und können nicht alle erwischen. Aber immerhin haben die Fahrer ein schlechtes Gewissen!“, sagt Weber.

Ein Blick in die Statistik belegt den Handlungsbedarf genau in diesen Bereichen Fußgänger und Fahrrad. So fertigte das Straßenverkehrsamt im Januar und Februar – also den letzten beiden „normalen“ Monaten vor Corona – hier die meisten Ordnungswidrigkeits-Anzeigen. „Die Mitarbeiter der Fahrradstaffel bringen zwei entscheidende Vorteile mit sich. Sie erkennen aufgrund ihrer langsameren Geschwindigkeit eher problematische Situationen, an denen ein Streifenwagen vorbeifahren würde. Dazu verfügen sie über den speziellen Blickwinkel von Radfahrern und können so diese schwächsten Gruppen der Verkehrsteilnehmer schützen“, sagt Verkehrsdezernent Oesterling. Gerade diese Perspektive versetze sie in die Lage, Autofahrern in Gesprächen zur Einsicht zu bewegen.

Denn mit bewusst voraussichtigem Verhalten lässt sich mancher Konflikt von vornherein vermeiden. Ein Pritschenwagen steht nahe der Kreuzung Bockenheimer Landstraße/Freiherr-vom-Stein-Straße in einer Baustellenausfahrt auf dem Fußweg. Dazu schüttet ein Radlader mit prasselndem Geräusch Kies auf die Ladefläche. Polizist Weber schreitet ein, schließlich behindert das Fahrzeug Fußgänger. „Wie will man eigentlich in Frankfurt noch bauen?“, regt sich der Fahrer auf, seine Kollegen nicken zustimmend. Nachdem die Personalien aufgenommen sind, setzt er den Pritschenwagen weiter zurück. Das Fahrzeug steht nun komplett hinter dem Bauzaun und behindert niemanden mehr. Problem gelöst! Sicherlich, so einfach dürfte es nicht immer gehen. Einige Straßenzüge weiter stehen mehrere Baustellenfahrzeuge am Fahrbahnrand. Das darf eigentlich auch nicht sein. Niesgoda kann die missliche Lage der Fahrer durchaus nachvollziehen, weist aber auf die Verantwortung der Unternehmen hin: „Wer eine Baustelle einrichtet, muss sich über sein Logistikkonzept Gedanken machen.“

Langsam geht es zurück zum Start der Tour an der Konstablerwache. Eine Frau steht mit ihrem Wagen im Parkverbot vor einem Kindergarten in der Savignystraße. Ihre Begründung: Wegen Corona müsse sie den Nachwuchs pünktlich um zwölf Uhr abholen, das wolle die Einrichtung so. Der Hinweis der Verkehrspolizisten, sie hätte sich einen legalen Parkplatz in einem der umliegenden Straßenzüge suchen können, überzeugt die Fahrerin des Elterntaxis nicht: „Ich musste gerade noch arbeiten und packe das mit der Zeit gerade so!“ In der Innenstadt fährt die Streife an einem Lastendreirad mit braunem Aufbau vorbei. Es gehört zu dem selben Paketdiensteister, dessen Autos in gleicher Farbe noch kurz vorher als Verkehrshindernis aufgefallen sind. Das wendige und umweltfreundliche Gefährt hat noch nicht einmal die Hälfte der Ausmaße eines der Lieferwagen. „Knöllchen“ von Niesgoda und Weber vermeiden? Scheint zu gehen, man muss es nur wollen! (ffm)