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Letzte Aktualisierung: 30.09.2020

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‚Die Sammlung eines modernen Museums muss vollumfänglich rechtmäßig erworben sein‘

Interview mit Kuturdezernentin Dr. Ina Hartwig

von Ulf Baier

(31.08.2020) Die Provenienzforschung in Frankfurt gehört zu den Schwerpunkten der Arbeit von Kulturdezernentin Ina Hartwig. Im Interview spricht sie über Erfolge und Herausforderungen.

Kulturdezernentin Ina Hartwig
Foto: Stadt Frankfurt
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Frau Stadträtin, der Ausbau der Provenienzforschung in der Frankfurter Kulturlandschaft gehört zu den zentralen Themen Ihrer politischen Agenda. Sie formulierten 2019 den Anspruch, kein Frankfurter Museum solle sich mit Raubkunst schmücken. Wo stehen wir heute?
Hartwig: In den letzten Monaten und Jahren ist auf dem Gebiet der Provenienzforschung in Frankfurt enorm viel geleistet worden. Der von Ihnen zitierte Anspruch ist nicht nur der meinige, sondern auch der der Frankfurter Museen – und zwar nicht nur der städtischen Häuser. Ich bin sehr froh, dass dieses Zukunftsthema heute fest in der Frankfurter Kulturlandschaft verwurzelt ist, denn dies ist keine Selbstverständlichkeit. Die kritische Revision der eigenen Sammlung kann in der Konsequenz schließlich auch zu Restitutionen führen, die die Häuser im Einzelfall empfindlich treffen können. Und das darf uns nicht abschrecken: Die Sammlung eines modernen Museums muss vollumfänglich rechtmäßig erworben sein.

Auch an anderen Kulturstandorten wie etwa Berlin oder Hamburg wird dieses Thema zunehmend wichtiger. Welche Rolle spielt Frankfurt hier im nationalen Vergleich?
Hartwig: Frankfurt hat mit der gemeinsamen Museumsinitiative „Gekauft. Gesammelt. Geraubt?“ 2018 einen wirkungsvollen Aufschlag auf dem Gebiet der Provenienzforschung gemacht. Die Kulturlandschaft unserer Stadt genießt gerade wegen ihrer Vielseitigkeit bundesweit große Beachtung. Damit verbunden ist allerdings auch eine komplexe Sammlungsgeschichte der zahlreichen Kulturinstitutionen, die in Frankfurt eine lange Tradition haben. Diese Sammlungsgeschichte nach den Maßgaben der modernen Provenienzforschung aufzuschlüsseln ist eine Herausforderung, die unsere Stadt noch einige Jahre begleiten wird.

Welche bedeutsamen Restitutionsfälle gab es in Frankfurt bisher?
Hartwig: Einer der bekanntesten Fälle ist sicherlich der des Gemäldes „Eisgang“ von Max Beckmann. Das Bild wurde 1994 vom Städelschen Museumsverein erworben. Im Zuge der Provenienzforschung des Städels wurde der rechtmäßige Eigentümer ermittelt: Fritz Neuberger, ein jüdischer Textilfabrikant aus Frankfurt, den die Nationalsozialisten ermordet haben. Das Städel hat sich mit seinen Erben gemäß den Washingtoner Prinzipien zur NS-Raubkunst geeinigt und eine Vereinbarung geschlossen, die einen Verbleib des Werkes im Museum ermöglichte. Ein anderes Beispiel ist das Bild „Motiv aus dem Frankfurter Stadtwald“ von Karl Peter Burnitz. Es stammt aus dem Besitz des jüdischen Juweliers Hermann Netter, der 1939 aus Deutschland floh und sein gesamtes Vermögen unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung verlor. 2019 wurde es aus städtischem Besitz an die Erben Hermann Netters zurückgegeben.

Geraubt wurden nicht nur materiell wertvolle Objekte, sondern auch Gegenstände der Alltagskultur. Diese müssen sich nicht notwendigerweise im Besitz der Frankfurter Museen befinden. Welche Herangehensweise sehen Sie bei dieser Thematik?
Hartwig: 2018 bot das Historische Museum den Frankfurterinnen und Frankfurtern im Rahmen eines Stadtlabors die Gelegenheit, sich mit „schwierigen Dingen“ auseinanderzusetzen. Gemeint waren Objekte aus dem eigenen Haushalt, bei denen es sich möglicherweise um NS-Raubgut handelt, etwa Erbstücke, Flohmarktfunde oder Geschenke. Gemeinsam mit Experten des Historischen und des Jüdischen Museums sowie des Fritz-Bauer-Instituts haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Herkunft der Objekte erforscht. Ich halte solche Projekte für äußerst sinnvoll, weil sie die Sensibilität für diese Themen schärfen. Provenienzforschung ist nicht allein mit öffentlichen Sammlungen oder Immobilien verknüpft, sondern hat auch eine private Dimension, die die Familiengeschichten vieler Menschen dieser Stadt betrifft!

Wie geht die Stadt Frankfurt mit historisch belasteten Immobilien wie etwa der Villa Kennedy um?
Hartwig: Die Geschichte solcher Immobilien gilt es lückenlos aufzuarbeiten. Lange Zeit dominierte in der Öffentlichkeit die Meinung, die Verbrechen des Nationalsozialismus seien das Werk einer kleinen Elite um Hitler gewesen, auch im Falle der sogenannten Arisierungen. Das Gegenteil ist der Fall: Tatsächlich wandte sich die Stadtverwaltung ebenso wie viele Frankfurter Bürgerinnen und Bürger gegen ihre jüdischen Nachbarinnen und Nachbar und beteiligten sich an deren Verfolgung, um eigene Vorteile daraus zu ziehen. Es ist erschreckend und beschämend, mit welcher Geschwindigkeit sich die weltoffene Stadt mit ihrer großen jüdischen Gemeinde nach 1933 kaltblütig gegen ihre eigenen Bürger wandte. In Bezug auf die „Arisierungen“ wurde das lange Zeit verdrängt, auch und gerade durch die Offiziellen der Stadt Frankfurt. Ich bin daher sehr froh, dass engagierte Bürger wie der Stadtteilhistoriker Dieter Wesp sich mit ihren Recherchen entschieden gegen diese Verdrängung gewandt und die Aufarbeitung angestoßen haben. Das Fritz-Bauer-Institut widmet sich derzeit der systematischen Erforschung der „Arisierungen“ im Rahmen eines Forschungsauftrages der Stadtverordnetenversammlung. Das Projekt wird durch das städtische Kulturamt mit 300.000 Euro gefördert.

Die Debatte um geraubte Kunst- und Kulturgegenstände betrifft auch die koloniale Vergangenheit. Welche Herausforderungen sehen Sie, auch wenn wir an gesamtgesellschaftliche Debatten denken?
Hartwig: Tatsächlich sprechen wir hier von komplexen historischen Prozessen, die im Rahmen der Provenienzforschung detailliert und individuell aufgearbeitet werden müssen. Gerade die koloniale Vergangenheit Deutschlands tritt erst in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der öffentlichen Diskussion und der vertieften wissenschaftlichen Betrachtung. Ich halte es dabei für essentiell, die historischen Spezifika zu beachten und beide Themenkomplexe nicht miteinander zu vermengen oder gar gegeneinander aufzurechnen: Die Verbrechen, die in den Kolonien des Deutschen Kaiserreichs begangen wurden, sind nicht mit den „Arisierungen“ und der Shoah vergleichbar.

Das Thema erfordert die Kooperation mit anderen Institutionen auf nationaler und internationaler Ebene. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit aus Ihrer Sicht?
Hartwig: Unsere Erfahrungen sind hier sehr positiv, besonders bei der Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg. Gerade ist ein neues gemeinsames Projekt der Universitätsbibliothek, der Senckenbergischen Gesellschaft für Naturforschung und der Stadt Frankfurt mit dem Zentrum angelaufen. Dabei sollen unter anderem die Bestände der Universitäts- und früheren Stadtbibliothek auf ihre Herkunft überprüft werden. Bücher sind Objekte, die man kaum mit NS-Raubgut in Verbindung bringt, dennoch spricht viel dafür, dass in den Magazinen der Frankfurter Universitätsbibliothek zahlreiche Objekte lagern, die jüdischen Besitzerinnen und Besitzern abgepresst oder gestohlen wurden.

Lassen Sie uns einen Ausblick wagen. Wo sollten Frankfurt und Deutschland im Jahr 2030 bei der Aufarbeitung dieser Thematik stehen?
Hartwig: Was für Frankfurt gilt, sollte auch für Kulturinstitutionen im ganzen Land eine Selbstverständlichkeit sein: Kein Museum, keine Bibliothek und keine sonstige öffentliche Einrichtung darf sich noch mit Raubkunst schmücken. Die Provenienz von Objekten in öffentlichen Sammlungen muss weitestgehend nachvollziehbar sein. Ferner dürfen diese Diskussionen keine Expertendiskussionen mehr sein. Es braucht eine Sensibilität für die historische Verantwortung, die in der Breite der Gesellschaft verankert ist. (ffm)