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Letzte Aktualisierung: 30.09.2020

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‚Der Holocaust vernichtete das menschliche Wissen über die Geschichte der Objekte‘

Provenienzforschung in Frankfurter Kultureinrichtungen

von Ulf Baier

(31.08.2020) Ein dunkler Buchrücken, auf ihm ist in ältlichen Buchstaben „Würzburger – Pädagogik“ zu lesen. Der in dünner Bleistiftschrift geschriebener Name auf der Innenseite weist eine Frau als ehemalige Inhaberin aus. Es handelt sich um den Sammelband einer Zeitschrift aus der Vorkriegszeit.

Mirjam Wenzel mit Ornamentfragmenten und einem Kiddusch-Kelch aus der Börneplatz-Synagoge
Foto: Stadt Frankfurt / Salome Roessler
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Eigentlich keine Besonderheit für eine wissenschaftliche Bücherei wie die Frankfurter Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg. Doch seine Geschichte ist besonders, denn vermutlich wurde es von den Nationalsozialisten einer jüdischen Wissenschaftlerin geraubt. Das weiß die Bibliothek, seit sie sich zu Beginn des Jahres mit der Herkunft ihrer Bücher beschäftigt.

In den nächsten beiden Jahren will sie aufklären, welche Bücher aus ihrem Altbestand geraubt oder den ehemaligen Besitzern abgepresst wurden. Für dieses Projekt bekommt sie Zuschüsse vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg, aber auch von der Stadt. Denn bis 2005 war die Bibliothek auch in kommunaler Trägerschaft. Dazu kommt, dass die Provenienzforschung – also systematisches Erarbeiten des Wissens über die Herkunft von Objekten – am Main einen besonderen Stellenwert genießt. „Was für die Frankfurter Museen gilt, muss auch für die Bestände der ehemaligen Stadtbibliothek gelten: Keine städtische Sammlung darf sich im 21. Jahrhundert noch mit Objekten schmücken, die ihren Eigentümern geraubt oder unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung abgepresst worden sind“, sagt Kulturdezernentin Ina Hartwig.

Doch der Weg, die Herkunftsgeschichte von Objekten aufzuklären, ist mühevoll. Praktisch heißt das, den Weg jedes einzelnen Gegenstandes in das eigene Magazin aufzuklären. „Unser erster Zugang sind die Erwerbungsbücher“, erläutert Mathias Jehn, Leiter des Archivzentrums. Finden sich in den handschriftlich geführten Kladden verdächtige Einträge wie „Alter Bestand“ oder „Unbekannte Herkunft“, könne das Buch unfreiwillig abhandengekommen sein. Denn in Frankfurt befand sich das 1941 von dem NS-Ideologen Alfred Rosenberg gegründete „Institut zur Erforschung der Judenfrage“, das Massen von Raubgut verwaltete. Von ihm gelangten Bücher in den Besitz der Universitätsbibliothek, ebenso wie Teile der Bibliothek des von den Nazis aufgelösten Institutes für Sozialforschung.

Als Frankfurt in den letzten Kriegsjahren zunehmend Ziel alliierter Bombenangriffe wurde, evakuierten die Nazis das „Institut zur Erforschung der Judenfrage“ und seinen geraubten Besitz in den Vogelsberg. Dort stellten amerikanische Truppen den Bestand sicher und bewahrten ihn bis 1947 im so genannten Archival Depot in Offenbach auf. Was sie nicht zurückgeben oder zur Befriedigung anderer Restitutionsansprüche verwenden konnten, gelangte in städtische Bestände. Einen Teil dieser Bücher gliederte die Bibliothek ein, etwa unter der Signatur 00, ein Bestand von knapp 40.000 Werken. Ein Weg, auf dem auch Sammlungsgegenstände unklarer Herkunft in Frankfurter Museen gelangten.

Doch die Signatur allein ist kein zwingendes Indiz dafür, dass es sich um Raubgut handelt. „Wir wissen nur, dass die Herkunft unklar ist“, erläutert Jehn. Denn etliches könnte seinerzeit „regulär“ gekauft worden sein. Aber was sagt das? Schließlich verhökerten Antiquariate damals auch Ware, die weg genommen wurde. Und wem gehörte es ursprünglich? Hier helfen Stempel und Namen in den Büchern bei der Detektivarbeit. Wie etwa beim Institut für Sozialforschung, das bereits bei seiner Wiedergründung 1951 seine in Frankfurt verbliebenen Bestände zurückerhielt. Doch fehlen solche „Provenienzmerkmale“ – wie sie in der Fachsprache heißen – verbleibt nur noch die Option, die Objekte in die Lost-Art-Datenbank unter http://www.lostart.de/Webs/DE/LostArt/Index.html im Internet einzustellen. Auch dürfte nicht jedes geraubte Buch seinen Weg zurückfinden, da sich die Nachfahren der Besitzer nicht ermitteln lassen oder sie schlicht kein Interesse haben. Aber auch dann hat sich für Jehn die Arbeit gelohnt: „Es geht bei der Provenienzforschung immer auch darum, die Erinnerung wach zu halten!“

„Es wurde vertuscht“
Öffentliches Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Gegenstände anderen abgenommen sein könnten, ist auch ein Anliegen des Historischen Museums, dem größten kommunalen Ausstellungshaus seiner Art in Deutschland. Als Teil der Ausstellungsserie „Gekauft. Gesammelt. Geraubt?“, an der 2018 vier Frankfurter Museen beteiligt waren, veranstaltete es ein sogenanntes Stadtlabor. Unter dem Titel „Schwierige Dinge“ waren Bürger aufgefordert, Objekte mitzubringen, deren Herkunft unklar war. Das konnte etwa ein Tuch sein, dass die Uroma nach ihren Angaben von einer Jüdin geschenkt bekommen hatte. Oder eine Ikone, die der Vater als Soldat aus Russland mitbrachte. Auch wenn sich der Lebenslauf der Objekte nicht immer erhellen ließ, gelang es doch, ein sehr persönliches Bewusstsein für die Geschichte der Dinge zu entwickeln.

Auch für die Spezialisten in den Museen ist oft die Herkunft der gesammelten Objekte schwer zu ergründen. Denn Dinge können nicht von sich erzählen. „Es ist sehr mühevoll“, berichtet Jan Gerchow, Direktor des Historischen Museums. Das Haus hatte von 2010 bis 2015 im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste bezuschussten Provenienzforschungsprojektes rund 300 Objekte – darunter die gesamte Gemäldesammlung – untersucht. 47 legten eine problematische Genese an den Tag, 69 waren unbedenklich, bei den anderen lieferte die Herkunftsgeschichte zu wenig Ansatzpunkte für klare Befunde.

So zäh es sein mag, die Mühe lohnt sich. Es gelang 2019, das Gemälde „Motiv aus dem Frankfurter Stadtwald“ von Karl Peter Burnitz zu restituieren, das aus dem Besitz des jüdischen Juweliers Hermann Netter stammte. Als dieser 1939 nach Großbritannien auswanderte, gelangte das Bild als „Reichsfluchtsteuer“ in städtischen Besitz. Es hing in der Dienstwohnung des NS-Oberbürgermeisters Friedrich Krebs und gelangte nach seiner Auslagerung 1967 in den Bestand des heutigen Historischen Museums. 2012 trat ein Enkel Netters an die Stadt mit der Bitte heran, die Herkunft des Gemäldes zu prüfen. Aufwändige Recherchen bestätigten den Anspruch. „Dieser Schritt war für uns sehr wichtig, denn wir konnten nicht nur das Bild an seinen rechtmäßigen Besitzer zurückgeben, sondern auch einen Baustein düsterer Sammlungs- und Museumsgeschichte erforschen“, sagt Gerchow.

In anderen Fällen gibt es oft noch weniger Quellen zur Herkunft der Objekte. Dazu können diese weit auseinanderliegen. „Man muss in die Archive fahren“, erläutert der Museumsdirektor. Diese liegen auch schon mal in Berlin oder Warschau. Hinzu kommt, dass auch die Glaubwürdigkeit der Quellen überprüft werden muss. Denn „es wurde gerne auch vertuscht“, erklärt der Museumsdirektor. In seinem Haus weiß er von rund 200 Silberobjekten, deren Herkunft aus der erzwungenen „Edelmetallabgabe“ der Nationalsozialisten 1939 in den 1950er Jahren verschleiert wurde.

Allerdings gibt es Konstellationen, in denen eine Rückgabe nahezu unmöglich ist. Hierzu gehört dieses sogenannte Raubsilber. Juden war nach dem Novemberpogrom 1938 der Besitz von Edelmetallen verboten, die sie deutlich unter Marktpreis an die städtische Darlehensanstalt verkaufen mussten. Die kommunalen Museen jener Zeit befürchteten, dass stadtgeschichtlich wertvolles Silber eingeschmolzen werden könnte und eigneten sich die für sie interessantesten Stücke an. Auf diesem Weg gelangten die Silberobjekte in das Historische Museum, teilweise erst nach Kriegsende inventarisiert, dazu mit Angaben wie „im Museum vorgefunden“ oder „Inventarnummer abgewaschen“. Eine Identifikation von Vorbesitzern ist kaum möglich, weil es sich um seriell gefertigte Objekte wie Bestecke und Gefäße handelt, deren Erwerbs- oder Eigentümergeschichte kaum mehr eindeutig feststellbar ist. Dieses „Raubsilber“ verwahrt das Historische Museum deshalb weiter – auch ein Dokument Frankfurter Stadtgeschichte.

Diese Erfahrungen und ein geändertes Bewusstsein haben die Verantwortlichen sensibilisiert. „Wenn wir Ausstellungen machen, gucken wir uns die Objekte genauer an. So etwas steht bei den Kuratoren im Pflichtenheft“, sagt Gerchow. Gleiches gilt für Neuerwerbungen. Angesichts der schieren Masse der Objekte, über die das Museum in Ausstellungsräumen und Magazin verfügt – rund 630.000 Einheiten – sei die zeitaufwändige Recherche nur „anlassbezogen“ machbar, erklärt der Direktor. Ein Anlass ist bereits absehbar: Für das kommende Jahr plant das Historische Museum die Ausstellung „Frankfurt und der Nationalsozialismus“. Dort werde das Thema Provenienz auch vorkommen.

Eindeutige Belege zur Herkunft gibt es selten
„Durch den Holocaust ist nahezu alles menschliche Wissen über die Geschichte der Gegenstände verloren gegangen“, erläutert Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums einen weiteren Aspekt. Umso wichtiger seien Menschen gewesen, die noch um die Herkunftsgeschichten der Objekte wussten, wie etwa der von 1891 bis 1974 lebende Kunsthistoriker Guido Schönberger. Ende 1935 aufgrund der Nürnberger Gesetze am Stadtgeschichtlichen Museum - dem Vorläufer des Historischen Museum - entlassen, arbeitete er ab 1936 am Museum jüdischer Altertümer in Frankfurt, bevor er 1939 in die USA emigrierte. Mittlerweile Kustos am Jüdischen Museum New York, sei dessen Wissen nach 1945 eine enorme Hilfe gewesen, die Herkunft und Art von Gegenständen zu ermitteln, die unmittelbar nach dem Krieg von den Alliierten an die Vorgängerorganisation der Jewish Claims Conference in die Vereinigten Staaten und nach Israel restituiert wurden. Denn oft liegen - auch heute noch - keine Dokumente vor und dazu seien diese nicht eindeutig. 1988 eröffnet, stellt sich ihrem Haus die Problematik von Altbeständen nicht. Allerdings hatte das Jüdische Museum von anderen Einrichtungen Gegenstände bekommen. So seien unter den kurz nach der Gründung des Jüdischen Museums vom Historischen Museum übernommenen Objekten auch solcher unklarer Provenienz gewesen. „Und was machst Du jetzt damit?“, bringt Wenzel die Problematik auf den Punkt.

Wenzel weist auf ein weiteres Problem hin, von dem auch ihre Kollegen in den anderen Museen berichten. Oft bieten Händler auf dem Markt für Ausstellungsgegenstände Objekte unklarer Provenienz an. Dies gelte etwa für jüdische Ritualgegenstände. Sie hat daraus für sich eine klare Konsequenz gezogen: „Ich kaufe keine historischen Judaica mehr!“ Bei anderen Angeboten schaue sie genau hin und nehme Abstand, wenn die Herkunft nicht exakt belegt sei. Hier kommt es darauf an, gewissenhaft zu prüfen. „Stempel sind gerne mal gefälscht“, berichtet sie aus ihrer Erfahrung.

An der Kulturlandschaft in Frankfurt schätzt die Direktorin des Jüdischen Museums, dass eine Offenheit für das Thema Provenienzforschung entstanden sei. „Wir arbeiten kollegial vernetzt zusammen“, beschreibt Wenzel ihre Erfahrung. In diesem Zusammenhang nennt sie wie ihr Kollege Gerchow die Ausstellung „Gekauft. Gesammelt. Geraubt?“ von vor zwei Jahren, an der ihr Haus mit einer eigenen Schau mit dem Titel „Geraubt. Zerstört. Verstreut.“ beteiligt war.

„Es geht um die Frage, welches Museum wollen wir sein?“
Einen anderen Teil deutscher und europäischer Geschichte hat Eva Raabe vorrangig im Blick. Sie leitet das Weltkulturen Museum und beschäftigt sich daher auch mit dem Erbe des Kolonialismus. Aber auch bei dieser Arbeit wirken die Auswirkungen des Nationalsozialismus nach. „Unser gesamtes Schriftenarchiv mit Kaufverträgen und Sammlerbriefen wurde durch die Bombenangriffe zerstört“, erläutert sie. Das erschwere es, die Biografien der davor beschafften Objekte nachzuvollziehen. Den Anspruch ihres Hauses formuliert sie so: „Wir wollen nichts ausstellen, von dem wir nicht wissen, was sein Kontext ist.“

Ein Beispiel hierfür ist ein Wehrgehänge, das als Geschenk über die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft in das Museum kam. Gespendet hatte es ein Kolonist, der es 1876 einem toten südafrikanischen Kämpfer abnahm. Dieser starb während eines Eroberungskrieges, an dem auch der deutsche Auswanderer beteiligt war. Die Geschichte des Objektes ließ sich in mühevoller Kleinarbeit rekonstruieren. Hilfsmittel waren etwa das Tagebuch des Kolonisten, militärische Aufzeichnungen und andere Hinweise, die auch von südafrikanischen Museen kamen. Mögliche Nachfahren des ehemaligen Besitzers ließen sich nicht ermitteln. Das Objekt findet sich weiterhin im Besitz des Museums.

Für Raabe kommt es hier auf den Umgang mit dem Ausstellungsstück an. Denn seine Herkunftsgeschichte zeige die Brutalität kolonialer Vergangenheit. „Die Deutschen waren in keiner Weise besser als Engländer, Franzosen oder andere“, sagt sie. So lasse sich Bewusstsein schaffen.

Andere Gegenstände in ihrem Haus weisen einen klaren Bezug auf, doch ihre Biografie ist bis heute unklar. Das gilt etwa für die sogenannten Benin-Objekte. 1897 brannten britische Soldaten während eines Rachefeldzuges den königlichen Palast in dem westafrikanischen Land nieder und raubten 3500 bis 4000 Bronzebüsten. Ein Teil davon gelangte in den Handel, hinzu kamen Fälschungen der begehrten Beute. Die Quellenlage zur Herkunft der Frankfurter Objekte ist spärlich, weshalb sie sich nicht eindeutig zuordnen lassen. „Will man sichere Erkenntnisse haben, muss man sich jedes Objekt einzeln anschauen“, sagt Raabe.

Denn allein, dass ein Stück aus der Zeit stammt, in der weiße Menschen begannen, sich in andere Teile der Welt auf zu machen, reiche als Bedingung nicht. Es gelte, die „jeweiligen Sammlungsgeschichten“ zu beleuchten. Denn „nicht alles ist geraubt“, sagt Raabe. Forschungsreisen hätten immer wieder Tauschhandel mit sich gebracht, der nicht automatisch sammlungsethisch anstößig sei. Dennoch gelte es, mit solchen Objekten sensibel umzugehen. Denn es stelle sich immer wieder die Frage: „Welches Museum wollen wir sein?“ Konkret prüft sie aktuell die Rückgabe sogenannter Seelensteine. Hierbei handelt es sich um bemalte Objekte, die von australischen Aborigines stammen. Es handelt sich um Sakralgegenstände, die für die dortigen Ureinwohner einen besonderen Wert haben. Um diese zurückgeben zu können, müsse die Stadt die Stücke aus ihrem Anlagevermögen entlassen – ein Verwaltungsvorgang, der aufgrund seiner rechtlichen und juristischen Komponenten andere Ämter und Dezernate involviere. „Ich sehe eine große Offenheit“, fasst die Museumsdirektorin die Ergebnisse ihre bisherigen Kontakte zusammen.

Auch das scheint Ergebnis eines gewandelten Klimas zum Thema Provenienzforschung zu sein. Sie erinnert sich an ihre Anfangszeit als junge Wissenschaftlerin im Dienste der Stadt vor 30 Jahren: „Damals war es sehr schwer, über sensible Objekte zu sprechen.“ Sie wünscht sich, dass der Weg zu mehr Transparenz weitergeht. Die Digitalisierung von Angeboten sieht sie dabei als einen weiteren Baustein. „Wir könnten so Objekte auch mit englischen Beschreibungen ins Netz stellen und nach ihrer Herkunftsgeschichte forschen.“ Das brächte die Möglichkeit mit sich, leichter mit Kollegen etwa aus Afrika zusammen zu arbeiten und gemeinsame Ausstellungen zu entwickeln. So ließen sich noch mehr unterschiedliche Perspektiven – auch auf das koloniale Erbe – einnehmen, als es heute der Fall ist. (ffm)