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Letzte Aktualisierung: 16.04.2021

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‚Als Zoo haben wir auch eine Verantwortung für den natürlichen Lebensraum der Tiere‘

von Ilse Romahn

(01.03.2021) In Zuchtprogrammen koordinieren Zoos die Zucht zahlreicher verschiedener Tierarten. Grundlegendes Ziel dieser Programme ist es, gefährdete Arten dauerhaft zu erhalten und eine breite genetische Vielfalt sicherzustellen. Der Zoo Frankfurt beteiligt sich an verschiedenen europäischen und internationalen Programmen und konnte bereits einige Erfolge verzeichnen.

Zoodirektor Casares mit Alpakas
Foto: Stadt Frankfurt / Zoo
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Dessen Direktor Miguel Casares erklärt, welche Faktoren bei den Zuchtprogrammen eine Rolle spielen und wie man mit ihnen auch Wildpopulationen unterstützt.

Herr Casares, Zuchtbücher gibt es für alle möglichen Tierarten. Welche koordiniert der Zoo Frankfurt und seit wann nimmt er an solchen Zuchtprogrammen teil?
CASARES: In der Regel entscheidet der Zoo selbst, welche Arten von ihm koordiniert werden. Frankfurt ist von Anfang an dabei gewesen und hat sogar Zuchtprogramme mitbegründet, beispielsweise beim Gorilla. Man unterscheidet zwischen regionalen, also europäischen, und internationalen, also weltweiten, Zuchtprogrammen. Wir als Zoo Frankfurt koordinieren die europäischen Programme für den Nashornleguan, die Rostkatze, den Schlanklori und die Socorrotaube. Bei den Tauben führen wir zudem auch das internationale Zuchtbuch. Bei den Gorillas hingegen führen wir nur das internationale Zuchtbuch. Früher hat der Frankfurter Zoo auch noch weitere Programme koordiniert, wie etwa den Mähnenwolf oder die Waldhunde. Aber das gesamte Themengebiet ist mit der Zeit so komplex geworden, dass man sehr viel Zeit und Arbeit investieren muss. Daher konzentrieren wir uns aktuell auf die sechs Programme.

Wie unterscheiden sich die verschiedenen Zuchtprogramme?
CASARES: Das Europäische Zuchtbuch - auch European Studbook genannt oder ESB abgekürzt - und das Europäische Erhaltungszucht-Programm EEP sind Beispiele für regionale Programme, die sich auf Europa beschränken. Der Unterschied zwischen diesen beiden Programmen ist, dass die Tierpopulationen unterschiedlich intensiv gemanagt werden. Das ESB ist – wie der Name schon sagt – ein reines Zuchtbuch, also mehr oder weniger eine Sammlung der wichtigsten Lebensdaten für alle Individuen einer Tierart in europäischen Zoos - Geburtsdaten, Geschlechter, Standorte, Transfers und Todesdaten. Diese Daten geben dem Zuchtbuchführer die Möglichkeit, sich einen Überblick über die Population zu verschaffen, deren weitere Entwicklung abzuschätzen und auf Stammbaumdaten aller Tiere zuzugreifen. Auch er kann helfen, Jungtiere zu vermitteln und neue Gruppen zusammenzustellen. Das Management einer Tierart in einem EEP ist hingegen sehr viel intensiver und aufwendiger. Auch hier ist die Grundlage zunächst ein Zuchtbuch. Bei einem EEP werden die Tierdaten allerdings sehr detailliert analysiert, Zucht- und Transferempfehlungen entwickelt und auch bestimmte Probleme der jeweiligen Population beleuchtet. Deshalb wird der EEP-Koordinator in seiner Arbeit von einem Expertenteam, meist Biologen und Tierärzte, unterstützt. Die Koordinatoren tragen auch Verantwortung für die Qualität der Tierhaltung in den am Programm teilnehmenden Zoos und stehen vielfach in engem Kontakt mit Artenschutzprojekten im Freiland.
Aktuell gibt es allerdings einen Umwandlungsprozess; alle europäischen Programme sollen in einen einheitlichen Programmtyp umgewandelt werden, in das sogenannte EAZA Ex-situ Programm. Ex-situ bedeutet außerhalb des natürlichen Lebensraums. Grundlage für all dies ist eine gute Zusammenarbeit und Vernetzung der Zoos.

Welche Faktoren spielen bei der Koordinierung der Zuchtprogramme eine Rolle?
CASARES: Zuchtprogramme haben das vorrangige Ziel, nachhaltige Populationen zu erhalten. Nachhaltigkeit meint in erster Linie eine langfristig stabile Population mit einer möglichst großen genetischen Vielfalt. Ziel vieler Programme ist es zum Beispiel, mindestens 90 Prozent der genetischen Vielfalt auf mindestens 100 Jahre zu erhalten. Um das zu erreichen, werden die Zuchtbuchdaten der Individuen und Populationen mit Hilfe spezieller Computerprogramme und etwa auch mit Hilfe genetischer Analysen untersucht und Verwandtschaftsgrade berechnet. Ein weiterer wichtiger Faktor neben der Genetik ist aber auch das soziale Verhalten der jeweiligen Tierart sowie der Individuen. Bei Arten, die sozial hoch intelligent und hoch entwickelt sind, etwa Menschenaffen oder Elefanten, spielt das individuelle Verhalten der Tiere eine wichtige Rolle. Je komplexer eine Tierart, desto komplizierter ist das Zuchtprogramm.
Aktuell gibt es hierzu ein spannendes Forschungsprojekt mit Orang-Utans. Wenn Zoo A beispielsweise ein neues Weibchen für ein Männchen braucht und aufgrund der Genetik zwei oder drei Weibchen in Frage kommen, tauschen die Zoos Bilder oder kleine Videos aus, die dem entsprechenden Männchen in Zoo A gezeigt werden. Das Männchen kann sich dann anhand der Bilder aussuchen, welches Weibchen ihm gefällt. Denn auch Menschenaffen reagieren stark auf visuelle Reize. Die Pfleger beobachten das Tier dann ganz genau und achten darauf, bei welchen Bildern es eine positive Reaktion zeigt. Für die Population der Menschenaffen ist dieses Forschungsprojekt sehr wichtig, denn dadurch kann man die Erfolge der Zuchtprogramme stark verbessern.

Wie sehr hat Corona die Logistik der Zuchtkoordination beeinträchtigt?
CASARES: Der Transfer von Tieren ist im letzten Jahr oft gestoppt oder verzögert worden. Es wurden trotzdem Tiere transportiert, aber sehr viel weniger. Es wurde alles auf ein Minimum begrenzt. Tiertransporte waren zwar nicht grundsätzlich verboten, es gab aber diverse logistische Probleme, beispielsweise lange Staus vor den Grenzübergängen durch Grenzkontrollen. Es gab aber auch andere Gründe neben der Logistik. Vielen Zoos geht es aktuell finanziell nicht besonders gut. Deswegen haben viele Zoos zum Beispiel auch keine geplanten Anlagen gebaut oder fertiggestellt. Einer von unseren Gorillas sollte etwa nach Australien gehen. Da die Anlage dort aber nicht erweitert wurde, muss er noch eine Weile bei uns bleiben. Das hat natürlich auch einen Einfluss auf die langfristige Planung der Zuchtprogramme.

Was ist der aktuellste Zuchterfolg im Zoo Frankfurt?
CASARES: Vor ein paar Tagen gab es Nachwuchs bei den Bonobos. Das ist ein riesiger Erfolg. Denn die Mutter, Hanna, kam vor ein paar Jahren aus Milwaukee in den USA zu uns nach Frankfurt. Das ist insofern besonders, da das Zuchtprogramm für Bonobos eigentlich auf europäischer Ebene geführt wird und sich die Transfers auch auf europäische Zoos beschränken. Allerdings ist die enge Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Zuchtprogramm aufgrund der verhältnismäßig kleinen Population der Bonobos äußerst wichtig. In den USA gibt es einige sogenannte genetische Linien oder Blutlinien, die es in der europäischen Population nicht gibt. Um die genetische Vielfalt der europäischen Population zu vergrößern, was wiederum für den Aufbau und Erhalt einer langfristig stabilen und genetisch vielfältigen Bonobo-Population wesentlich ist, sind Transfers wie der von Hanna von großer Bedeutung. Für das Zuchtprogramm sind Hanna und ihr Baby also enorm wichtig. Alleine deswegen haben wir uns die ganzen Kopfschmerzen mit dem Aufwand auch gemacht. Aber wie sich zeigt: Es hat sich gelohnt und ihr Baby ist ein unvorstellbarer Erfolg. Es hat zwar ein bisschen gedauert, bis sich Hanna vollständig integriert hat, denn in unserer Gruppe gibt es viele dominante Weibchen. Da musste sich Hanna ein bisschen durchsetzen, aber letztendlich hat alles gut geklappt.

Sind innerhalb der Zuchtprogramme auch Auswilderungen geplant?
CASARES: Das ist von Art zu Art sehr unterschiedlich. Für jede Tierart wird regelmäßig evaluiert, ob ein Zuchtprogramm erforderlich ist, warum ein Zuchtprogramm erforderlich ist und welche Ziele das Zuchtprogramm hat. Eines dieser Ziele kann zum Beispiel die Aufstockung der Wildbestände, also Auswilderung sein. Es ist aber nicht oberste Priorität der Zuchtprogramme. Bei heimischen Arten kommt eine Auswilderung schon häufiger vor, unabhängig davon, ob es für diese Arten ein Zuchtprogramm gibt. Ich denke da zum Beispiel an die Sumpfschildkröte oder den Feldhamster. Von den europaweit über 400 Zuchtprogrammen liegt bei etwa 20 bis 30 der Fokus auf der Auswilderung.

Und bei den übrigen Arten?
CASARES: Wir müssen in erster Linie die Populationen im Zoo nachhaltig erhalten. Weitere Ziele können aber auch sein, Bewusstsein zu schaffen für die kritische Lage der Wildbestände, die Unterstützung von Naturschutzprojekten oder Forschung. Es gibt daher auch den sogenannten „Ein-Plan-Ansatz“. Hier fokussiert man sich nicht nur auf den eigenen Teller, sondern auf die gesamte Tierpopulation, inklusive des freilebenden Teils. Ein gutes Beispiel für diesen Ansatz ist das Zuchtprogramm der Ture. Im November 2020 wurden von Frankfurt zwei Weibchen dieser Steinbockart in den Zoo Tiflis nach Georgien transferiert. Dort sollen sie zunächst am Zuchtprogramm teilnehmen, damit dann deren Nachkommen im Kaukasus ausgewildert werden können. Bei diesem Ansatz für den Erhalt der Wildpopulationen arbeiten wir eng mit Wissenschaftlern und Natur- und Artenschützern zusammen, um ein ganzheitliches Artenschutzkonzept zu erstellen. Oberstes Ziel hierbei ist es, lebensfähige Populationen in gesunden Ökosystemen zu erhalten. Die Auswilderungen sind damit Teil eines ganzheitlichen Erhaltungsplans zur Verringerung des Gefährdungsstatus stark gefährdeter Tierarten, wie eben die Ture. Und es ist auch wichtig dass sich Zoos jetzt in diese Richtung fokussieren. Nicht nur in der Kommunikation, sondern dass wirklich aktiv Geld in die Hand genommen wird. Denn als Zoo haben wir neben pädagogischen Aufgaben, Forschung und Zucht auch eine Verantwortung, den Lebensraum der Tiere zu erhalten. Hierfür startet bei uns ab März ein neuer Mechanismus, die sogenannten Artenschutz-Euro oder Naturschutz-Euro. Das ist eine freiwillige zweckgebundene Spende, mit der jeder Zoobesucher verschiedene Naturschutzprojekte unterstützten kann.

Wenn man Natur- oder Artenschutz und Frankfurt hört, denkt man sofort an Bernhard Grzimek. Wie stark beeinflusst sein Erbe bis heute die Arbeit des Frankfurter Zoos?
CASARES: Frankfurt und der Zoo haben natürlich eine wahnsinnige Reputation aufgrund von Grzimek und seiner Arbeit. Er war ja nicht nur in der Zoo-Welt bekannt, sondern eigentlich überall. Allerdings merkt man schon, dass er in der jüngeren Generationen nicht mehr so präsent ist. Trotzdem war er es, der nach dem Krieg die Zoologische Gesellschaft Frankfurt wieder aktiviert und in der Zeit für den Zoo eine entscheidende Rolle gespielt hat. Er hat sich vehement für die Wiedereröffnung stark gemacht hat und vieles wieder auf die Beine gestellt. Ohne Grzimek weiß man nicht, was aus dem Zoo geworden wäre. Aber Grzimek war ja nicht nur Zoodirektor, sondern vor allem Visionär in ganz vielen verschiedenen Bereichen – vor allem im Naturschutz. Und bei seinen Reisen nach Afrika hat er gemerkt, dass die Natur überall kaputtgeht, und er hat sich überlegt, was wir machen können. Und da ist er auf die Idee gekommen, die Gesellschaft wieder ins Leben zu rufen. Sie ist heute eine wichtige Organisation für den Tier- und Naturschutz. Sein Handeln hatte damit einen langfristigen Effekt. Zwar ist Frankfurt natürlich auch heute noch immer sehr eng mit Grzimeks Namen verknüpft, aber Grzimeks Rolle für den Naturschutz steht international höher als seine Rolle als Frankfurts Zoodirektor.

Ein ergänzendes Videointerview mit Zoodirektor Casares und Kuratorin Sabrina Linn über die Koordination der Zuchtprogrammen findet sich unter https://frankfurt.de/service-und-rathaus/presse/zoo-frankfurt im Internet. (ffm)