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Letzte Aktualisierung: 24.06.2024

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"Neustart in der Tabakpolitik notwendig"

Frankfurt University of Applied Sciences sieht Alternativen

von Friederike Mannig

(05.06.2024) Laut der vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Studie zum Rauchverhalten (DEBRA) konsumieren über 30 Prozent der deutschen Bevölkerung Zigaretten. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es sogar fast 40 Prozent. Demgegenüber liegt die Quote für die Nutzung von E-Zigaretten bei 1,8 Prozent. Dennoch konzentriert sich die öffentliche Kommunikation der Gesundheitspolitik vor allem auf eine vermeintlich hohe Verbreitung von E-Zigaretten.

Suchtforscher Prof. Dr. Heino Stöver von der Frankfurt AUS
Foto: Benedikt Bieber/Frankfurt UAS
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Suchtforscher Prof. Dr. Heino Stöver, Leiter des Instituts für Suchtforschung Frankfurt (ISFF) an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS), sieht darin eine Schieflage der Debatte, die das tatsächliche Problem ignoriere: „Angesichts dieser dramatischen Zahlen muss das Ziel klar sein: die Menschen um jeden Preis von der Zigarette wegzubekommen. Die üblichen Flyer und Rauchertelefone reichen offensichtlich nicht aus. Was wir brauchen, ist ein pragmatischer Ansatz, um Raucher von der schädlichsten aller Konsumformen, dem Rauchen von Tabak, wegzubekommen.“

Ob hier Kaugummis, Verhaltenstherapien oder risikoärmere Aufnahmeformen wie Tabakerhitzer, E-Zigaretten oder Nikotinbeutel bzw. eine Kombination unterschiedlicher Maßnahmen den Übergang ins rauchfreie Leben ebnen, sei laut Stöver zweitrangig. „Fakt ist, dass wir pragmatisch handeln müssen. Es muss endlich etwas passieren, sonst stehen wir auch beim Weltnichtrauchertag 2044 noch am selben Punkt.“

Der Suchtforscher ergänzt: „Der große Wurf wird uns nicht von jetzt auf gleich gelingen. Stattdessen braucht es viele kleine Schritte, um die Zigarette langfristig zu besiegen. Die Strategie der Schadensminimierung (engl. Harm Reduction) wird im Bereich der ‚harten‘ Drogen erfolgreich angewendet und steht auch so im Koalitionsvertrag. Das heißt, den Konsumenten wird eine weniger schädliche Konsumform ermöglicht. Wir sollten auch den Tabak als ‚harte‘ Droge sehen und entsprechend handeln. Jede nicht gerauchte Zigarette ist ein Erfolg.“

Stöver weiter: „Für mich sind die schwedischen Zahlen zur geringen Krebshäufigkeit die zentralen Parameter einer gelungenen Tabakkontrollpolitik. Schweden ist nicht nikotinfrei, hat mit Snus – also Oraltabak – und Nikotinbeuteln aber ein wahres Kunststück vollbracht – nämlich ein nahezu rauchfreies Land zu werden. Die EU leistet sich aber dennoch weiterhin eine paradoxe Tabakkontrollpolitik: Zigaretten sind überall verfügbar, obwohl sie erwiesenermaßen bis zu zwei Drittel ihrer langjährigen Anwender töten. Ein risikoreduziertes Produkt wie Snus aber ist, außer in Schweden, EU-weit verboten, obwohl es nachweislich das Tabakelend lindert sowie Krankheiten und den Tod zurückdrängt. Das ist zu eindimensional und offensichtlich seit Jahrzehnten nicht erfolgreich.“

Nur durch ein grundlegendes Umdenken nach schwedischem Vorbild könne die Bundesregierung ihre selbstgesteckten Ziele erreichen, so der Suchtforscher. Andernfalls bleibe 'commit to quit' für viele Konsumenten nur ein Wunsch, der mangels Unterstützung nicht in Erfüllung gehe, meint Stöver.

Das Institut für Suchtforschung (ISFF) an der Frankfurt University of Applied Sciences wurde 1997 ins Leben gerufen von Prof. Dr. Volker Happel, Prof. Dr. Dieter Henkel und Prof. Dr. Irmgard Vogt. Es sieht seine Aufgabe darin, Sucht in ihren verschiedenen Erscheinungsformen sowie die mit Sucht in Zusammenhang stehenden Probleme und Aspekte zu erforschen. Das Institut fördert den Ausbau von interdisziplinären Beziehungen zu Kooperationspartnern auf regionaler, nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Forschungsprozesse und -resultate sollen in Lehre und Studium Berücksichtigung finden und nutzbar gemacht werden.

Seit dem Sommersemester 2009 ist Prof. Dr. Heino Stöver Professor an der Frankfurt UAS (ehemals Fachhochschule Frankfurt am Main), Fachbereich 4 – Soziale Arbeit und Gesundheit (Schwerpunkt Sozialwissenschaftliche Suchtforschung). Seit 1. September 2009 ist er geschäftsführender Direktor des ISFF.