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Letzte Aktualisierung: 21.05.2024

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"Mehr Aufklärung in allen Altersgruppen!"

Sexuell übertragbare Infektionen steigen auch bei Älteren

von Dagmar Arnold

(06.05.2024) Sexuell übertragbare Infektionen (STI) nehmen auch bei älteren Menschen, also der Gruppe der über 50-Jährigen, zu. Angebote von Online-Dating-Plattformen, steigende Scheidungsraten, Potenzsteigerungsmittel und das Wegfallen der Sorge vor ungewollter Schwangerschaft sind einige Gründe für mehr sexuelle Aktivität, die allerdings folgenschwer sein kann, wenn nicht an einen Schutz vor STI durch Safer Sex (mit Kondomen und Femidomen) gedacht wird.

Die Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) und die Deutsche STI Gesellschaft (DSTIG) fordern angesichts steigender Inzidenzen bei Tripper, Syphilis und Co. ein Umdenken im Bereich der Sexualaufklärung, explizit auch für Ältere. „Sexualität im Alter ist in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabuthema – mit dramatischen Konsequenzen, wenn man sich die Zahlen zu sexuell übertrabaren Infektionen (STI) ansieht“, sagt Prof. Dr. med. Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI Gesellschaft (DSTIG).

Der von Experten seit Jahren beobachtete Anstieg bei STI wie beispielsweise Gonorrhoe (Tripper) und Syphilis betrifft nicht nur die Gruppe der jungen Erwachsenen, sondern auch die Altersgruppe der über 50-jährigen Männer und Frauen. Untersuchungen aus den USA zeigen, dass sich die Zahl der STI im letzten Jahrzehnt bei den 55 bis 64-Jährigen verdoppelt hat; aus Großbritannien kam es bei über 45-Jährigen zu einer Verdopplung von Gonorrhoe und Syphilis in den Jahren von 2015 bis 2019.

Auch in Deutschland verzeichnet das Robert Koch-Institut mit Blick auf die letzten 20 Jahre bei der Syphilis einen starken Anstieg. Die Neuinfektionen stiegen von 2021 auf 2022 um 23 Prozent (auf 8.310) gemeldete Fälle. Betroffen sind vor allem Männer (94 Prozent). Der Anteil der „Älteren“ steigt bei der Syphilis auch hierzulande. Wurden 2013 bei den über 60-Jährigen noch etwa 326 Fälle gemeldet, so waren es in derselben Gruppe 2023 dann 930 Fälle. „Verglichen mit den jüngeren Gruppen ist der Inzidenzanstieg von STI insgesamt bei den über 50-Jährigen niedrig. Aber es gibt Gründe, diese Entwicklung genau zu verfolgen“, sagt Brockmeyer.

Schätzungen, die auf europäischen Zahlen beruhen, gehen von einer Neisseria gonorrhoe-Inzidenz (NG) von 20 Fällen/100.000 Einwohnern aus. In Deutschland scheint es eine ähnliche Entwicklung zu geben, jedoch gibt es die Labormeldepflicht für den Tripper erst seit kurzem. Erfasst werden allerdings die Erreger mit verminderter Empfindlichkeit gegen bestimmte Antibiotika. „Hier zeichnet sich eine alarmierende Entwicklung ab“, betont Brockmeyer. In Deutschland wurden im Jahr 2022 etwa 700 NG-Infektionen mit verminderter Empfindlichkeit gegen Antibiotika gemeldet. Im Jahr zuvor waren es etwa 400 Fälle. „Die höchste Inzidenz liegt bei Männern und Frauen in der Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen. Es ist aber davon auszugehen, dass die nachlassende Wirksamkeit bestimmter Antibiotika bei allen Altersgruppen zunimmt“, vermutet Brockmeyer.

Wenn man auf die weltweite Entwicklung schaut, werden besorgniserregende Tendenzen sichtbar. Einem vom Centers for Disease Control and Prevention (CDC) veröffentlichten Bericht aus China folgend stiegen Resistenzen gegen das First-Line-Antibiotikum Ceftriaxon zur Behandlung der Gonorrhoe in den Jahren 2017 bis 2022 um das Dreifache von 2,95 Proszent auf 8,1 Prozent an.

„In Deutschland werden leitliniengerecht für die First-Line-Therapie Ceftriaxon und Azithromycin eingesetzt. Eine Resistenz auf Ceftriaxon ist hierzulande noch selten", sagt Brockmeyer. Bei Azithromycin gibt es aber bereits eine deutliche Zunahme von 3.5 Proszent (2018) auf 25 Proszent (2022). „Wenn immer mehr Antibiotika unwirksam werden, wird die Therapie und Kontrolle der Gonorrhoe immer schwieriger“, so Brockmeyer. Unverzichtbar sind eine umfangreiche Beobachtung (Surveillance), niedrigschwellige Testangebote und gute Labornetze.

„Zum Sexualverhalten älterer Menschen gibt es kaum Untersuchungen, aber wir dürfen davon ausgehen, dass diese Altersgruppe sexuell viel aktiver ist als gemeinhin vermutet wird“, betont Professor Dr. med. Julia Welzel, Präsidentin der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG). Die Berliner Altersstudie II (BASE-II) aus dem Jahr 2019 kam zu dem Schluss, dass zwar der Durchschnitt der älteren Erwachsenen weniger sexuell aktiv ist als junge Menschen. Aber fast ein Drittel der 60- bis 80-Jährigen ist nach eigenen Angaben häufiger sexuell aktiv als der Durchschnitt der 20- und 30-Jährigen.

„Unzweifelhaft ist eine sexuelle Aktivität bis ins hohe Alter etwas Begrüßenswertes“, sagt Brockmeyer. Die Gründe für mehr (ungeschützte) sexuelle Aktivität im Alter liegen laut Brockmeyer daran, dass die Menschen sich sicher vor STI fühlen, bei Männern die Verfügbarkeit von Potenz steigernden Substanzen (wie das gefäßerweiternde Sildenafil, vor allem als Viagra bekannt) Sexualität erleichtert und bei postmenopausalen Frauen das Thema ungewollte Schwangerschaft keine Rolle mehr spielt. Bei allen dürfte zudem der Trend des Online-Datings als eine weitere Form des Bekanntschaften-Schließens eine Rolle spielen.

„In unserer Klinik sehen wir diese Zunahme von STI bei Älteren ebenfalls. Hier ist einmal mehr eine umfassende Anamnese, die auch das Thema sexuelle Aktivität einschließt, wichtig, sonst kann die richtige Diagnose von Hautsymptomen unter Umständen länger dauern“, ergänzt Welzel, Direktorin der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Universitätsklinikum Augsburg, Medizincampus Süd.

„Aufklärungskampagnen zur sexuellen Gesundheit richten sich häufig an die junge Generation. Das ist grundsätzlich richtig. Es muss aber ein Umdenken stattfinden. Für STI ist man nie zu alt“, sagt Welzel. Ärzte können dazu beitragen, indem sie mit ihren älteren Patienten über den Schutz vor STI sprechen, meint die DDG-Präsidentin. „Ein weiterer Grund, mehr in die Aufklärung über STI zu investieren, ist die demographische Entwicklung“, ergänzt Brockmeyer. Eine Berechnung des Statistischen Bundesamtes geht davon aus, dass die Zahl der über 67-Jährigen von heute 16 Millionen auf 20 Millionen im Jahr 2030 steigen wird.

„Wenn wir mehr Ältere haben, nimmt auch die Zahl der älteren, sexuell Aktiven zu. Dementsprechend werden die STI-Inzidenzen auch in dieser Gruppe zunehmen, für die dann vielleicht immer weniger wirksame Medikamente zur Verfügung stehen“, mahnt Brockmeyer. Sexuelle Aufklärung für Ältere zum Schutz vor Infektionen, Entwicklung neuer Antibiotika und ein bewusster Umgang mit Antibiotikaverschreibungen (Antibiotic Stewardship) sind nötig, fordern die beiden Fachgesellschaften. - idw.-