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Letzte Aktualisierung: 13.04.2021

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„Wir wissen immer noch viel zu wenig“

Intensivmedizinische COVID-19-Studie des Uniklinikums Jena

von Dr. Uta von der Gönna

(25.03.2021) Knapp 3.000 COVID-19-Patienten müssen derzeit in Deutschland auf Intensivstationen behandelt werden. Durch die Kontaktbeschränkungen und das anlaufende Impfprogramm hat sich diese Zahl seit Jahresbeginn halbiert. Nach einer kurzen Stagnationsphase steigen die Infektionen mit SARS-CoV-2 nun wieder rasant an. Das BMBF fördert eine prospektive kontrollierte Multicenter-Studie zu den kurz- und mittelfristigen Folgen einer COVID-19-Sepsis.

Am Uniklinikum Jena startet eine intensivmedizinische Studie zu kardiovaskulären Komplikationen von COVID-19.
Foto: UKJ
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„Wir wissen immer noch viel zu wenig über die Mechanismen und den Verlauf der Erkrankung, sowohl in der Akutphase, als auch über die langfristigen Folgen“, konstatiert Sina Coldewey. Die Professorin für Klinische Anästhesiologie und Translationale Intensivmedizin am Universitätsklinikum Jena erforscht mit ihrer Arbeitsgruppe am ZIK Septomics, wie eine Sepsis, eine Erkrankung, bei der es durch eine Infektion zu einer lebensbedrohlichen systemischen Reaktion des Körpers mit Organversagen kommt, das Herz-Kreislaufsystem schädigen kann.

Vor kurzem konnte ihr Team die Rekrutierung von mehr als 200 Patienten für eine Studie abschließen, die nach kardiovaskulären und molekularen Prognosefaktoren für die Langzeitfolgen nach einer durchgemachten Sepsis sucht. Bei einem Großteil der Studienpatienten war die Sepsis Folge einer bakteriellen Infektion, z. B. einer Lungenentzündung, einer Wundinfektion oder einer Nierenbeckenentzündung. „Sofort zu Beginn der ersten Welle haben wir begonnen, auch Patienten mit COVID-19-Sepsis in diese Studie einzuschließen. Knapp 50 Patienten mit COVID-19 nehmen daher bereits an der Langzeitbeobachtung teil“, so Prof. Coldewey.

Virale Sepsis und kardiovaskuläre Komplikationen im Fokus

Die gewonnenen Erfahrungen nutzt die Gruppe jetzt für ein multizentrisches Studienprojekt, das sich unmittelbar auf die virale Sepsis konzentriert. Im dessen Fokus stehen die kardiovaskulären Schädigungen, die in Verbindung mit einer COVID-19- bzw. einer Influenza-assoziierten Sepsis auftreten können. Bei COVID-19-Patienten sind beispielsweise Herzmuskelentzündungen oder Herzrhythmusstörungen als kardiovaskuläre Komplikationen bekannt, das Corona-Virus kann weiterhin massiv die Funktion der Gefäße schädigen. Solche Komplikationen, wie z. B. die Beeinträchtigung der Herzmuskelfunktion, können ebenso bei sehr schweren Verläufen der Virusgrippe auftreten.

In die prospektive kontrollierte Studie sollen kritisch kranke Patienten mit COVID-19 oder Grippe, mit und ohne Herzmuskelschädigung aufgenommen werden. Am UKJ konnten die ersten Intensivpatienten mit COVID-19 bereits eingeschlossen werden. Die Studienteilnehmer werden anhand eines weit gefassten Spektrums von klinischen Untersuchungen und molekular- und zellbiologischen Analysen intensiv charakterisiert. Um zusätzlich auch mögliche längerfristige Folgeschädigungen erkennen zu können, werden sie sechs Monate nach der Entlassung von der Intensivstation nachverfolgt. Dabei steht die Forschungsgruppe in einem engen Austausch mit der neugegründeten Post-COVID-Ambulanz am UKJ, so dass die Patienten bei klinischen Auffälligkeiten gleich an die geeigneten Spezialisten weitergeleitet werden können.

Zielgerichtete Therapien für Risikopatienten

„Wir wollen nach Biomarkern und klinischen Risikofaktoren suchen, die frühzeitig Hinweise auf kurz- und mittelfristige kardiovaskuläre Komplikation bei COVID-19-assoziierter Sepsis geben“, sagt Studienleiterin Coldewey. „Wenn wir die Mechanismen besser verstehen, mit denen sich COVID-19-Verläufe mit schwerem Organversagen und kardiovaskulären Komplikationen entwickeln, gibt uns das die Möglichkeit, Risikopatienten schnell zu identifizieren und passgenaue Therapien zu entwickeln.“

Die bereits erhobenen Daten zur bakteriellen Sepsis erweisen sich hierfür als besonders wertvoll. Die Kohorte mit bakteriellen Infektionen ist eine ideale Vergleichsgruppe, um die Besonderheiten der viralen Sepsis und insbesondere der COVID-19-assoziierten Sepsis besser zu verstehen. Insgesamt 160 Patienten sollen in den kommenden zwölf Monaten in die Studie aufgenommen werden, an bis zu zehn Kliniken in Deutschland. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt mit mehr als zwei Millionen Euro.