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Letzte Aktualisierung: 20.01.2022

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„Wir forschen, publizieren und informieren“

Über 60 Jahre Gesellschaft für die Geschichte des Weines

von Karl-Heinz Stier

(12.01.2022) Wo Wein angebaut wird, gibt es Akademien, Verbände und Güter – egal ob lokaler, nationaler oder Internationaler Art und Bedeutung. Es gibt Bruderschaften, Weinvereinigungen, Weinbauverbände, Genossenschaften und sogar Hochschulen.

Bildergalerie
Logo der Gesellschaft
Foto: GGW
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Historische Weinlese in Rüdesheim aus dem Sonderheft Deutscher Wein Helingsche Verlagsanstalt Leipzig
Foto: GGW
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Historische Weinlese in Rüdesheim
Foto: GGW
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Leo Groß bei der Jubiläumsprobe
Foto: Eva Maria Meuer
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Gliederkette mit aus Leder gestanztem Fassboden und Spätlesereiter aus Metall
Foto: Gros
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Manche tun sich auch aus wirtschaftlicher Interessenlage, geselliger Freude, wegen gemeinsamer Verkaufsinteressen oder in ideell-wissenschaftlicher Absicht und zur Pflege des goldenen Tropfens zusammen, um gemeinsam Erkenntnisse aufzufrischen oder ältere Verfahrensweisen um und für den Wein zu erkunden.

Von einer Institution ist selten die Rede, obwohl sie schon über 60 Jahre (genauer gesagt seit ihrer Gründung in Wiesbaden 1959) existiert und in der Erforschung der Weingeschichte nachhaltige Spuren hinterlassen hat. Gemeint ist „die Gesellschaft für die Geschichte des Weines" (GGW) mit Sitz in Wiesbaden. Wein ist für sie nicht nur Bestandteil der abendländischen Kultur. Er ist eines der ältesten Kulturgüter der Welt, Lebens- und Genussmittel, Wirtschafts- und Handelsgut, Designobjekt und Lifestyle-Produkt. Durch die anregende Auseinandersetzung mit der Weingeschichte will man das historische Bewusstsein vertiefen und beleben. So heißt es in der 1959 festgelegten Satzung, es gelte „Freunde des Weines und der Kenner der kulturwissenschaftlichen Zusammenhänge zu vereinen“. Folglich zählen zu den selbst gestellten Aufgaben der Gesellschaft die Organisation von Kommunikationsplattformen für professioneller Weinhistoriker, Weingeschäftsleute und Weinfreunde und die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Kultur und Geschichte des Weines. „Wir forschen, publizieren und informieren“ – ist der Leitsatz der GGW.

 Das zeigt sich in über 200 Büchern und Heften, die als Schriften zur Weingeschichte bisher erschienen sind. Sie werden den Mitgliedern kostenlos übersandt. Die umfangreiche Sammlung von Biographien verdienter Persönlichkeiten der Weinkultur wird laufend ergänzt und ist auf der homepage der Gesellschaft online nachzulesen. Die Bibliographie zur Geschichte und Kultur des Weines wächst ebenfalls weiter und für Recherchen nutzbar. Ergänzt wird das Angebot von Kurzberichten zu ausgewählten Themen. Dazu gehören zum Beispiel „Weinkultur und Kirche – eine fruchtbare Kombination“, „Georgien: Bisher ältester Hinweis auf Weinkultur entdeckt“, Reaktiver Weinbau in Marburg und Umgebung“, „Film –und Hörtipps“ rund um das Thema Weinkultur und Weingeschichte. Die regelmäßig erscheinenden Mitteilungen enthalten u.a. Buchbesprechungen zu einschlägigen Wein-Themen. Die Bibliothek der Hochschule Geisenheim hat die Buchsammlung der GGW in ihrem Bestand. Die GGW verfügt auch über Sammlungen von Münzen und Medaillen, Briefmarken, Weinetiketten und historischen Weinkarten. Nicht zuletzt findet sich in den Berichten auf der homepage der GGW auch einer über das 50jährige Jubiläum unseres Rheingauer Weinkonvents.

Die Gesellschaft für die Geschichte des Weines hat rund 600 Mitglieder, ihr Präsident ist Prof. Dr. Andreas Otto Weber aus München. Ihm zur Seite stehen weitere Vorstands-Mitglieder, aber auch ein wissenschaftlicher Beirat unter Dr. Rudolf Nickenig aus Remagen. Dieser Beirat ist wiederum auf die deutschen Weinanbaugebiete aufgeteilt, für unser Gebiet Rheingau und Hessische Bergstraße hat diese Aufgabe seit 2002 das Prof. Dr. Leo Gros aus Johannisberg, der nicht nur langjähriger Auktionator bei Weinversteigerungen war, sondern auch beim 50 Jahre- Jubiläum des Weinkonvents kürzlich die Jubiläumsprobe leitete. Er veröffentlicht in der demnächst erscheinenden neuen Ausgabe des  RHEINGAU FORUM zwei Artikel zum Thema 50 Jahre Weinkonvent und 75 Jahre Johannisberger Weinkritik. Unter dem Titel „Neues zur Weinkultur im Rheingau“ stehen Kurzfassungen der Beiträge auf der GGW- homepage.

In dem Beitrag für das RHEINGAU FORUM geht Gros darauf ein, wie sich nach dem Krieg 1946 die Johannisberger Weinkritik unter Mitwirkung des damaligen Domänenrat von Schloss Johannisberg Christian Labonte gründete. Auf dem Programm standen lange Jahre festliche Weinproben (häufig gereifte und edelsüße Raritäten), monatliche Weinproben mit heimischen und anderen Weine unter der Losung „probiert, fachlich besprochen und sensorisch kritisiert“. Als Zeichen der Mitgliedschaft erhalten neu eingeladene „Mitkritikerinnen und Mitkritiker“ neben einer Urkunde eine Gliederkette mit aus Leder gestanztem Fassboden, auf dem der aus geprägtem Metall geformte Spätlesereiter dargestellt ist. Zu den weiteren Aktionen der Weinkritik gehörte u.a. 1976 die Anlage eines Johannisberger Weinwanderweges mit jährlichen Maiwanderungen und seit 1964 die Johannesweinsegnung am 27. Dezember. Zu den besonders aktiven Mitgliedern der Weinkritik gehörte damals  bis zu seinem Tod der Konventuale Dr. h.c. Josef Staab, der zahlreiche Publikationen zur Geschichte des Weinbaus im Rheingau geschrieben hat.

Zurück zur Gesellschaft für die Geschichte des Weines: Alle Weinfreunde, die ihr Wissen um den Wein und dessen Kultur und Geschichte vertiefen wollen, können Mitglied werden. Die Mitgliedsbeiträge betragen 75 Euro für ordentliche Mitglieder, 20 Euro für Lebenspartner, 20 Euro für Mitglieder bis 25 Jahren, 75 Euro für eine Mitglieds-Patenschaft und auch hier 20 Euro für Lebenspartner.

Und noch ein Hinweis: die Jahrestagung der GGW mit einem umfangreichen Programm vor Ort findet übrigens vom 25.-30. Mai 2022 in Retz in Nieder-Österreich statt.