„Madame Butterfly“ mit weniger Show-Effekt 2023 in Bregenz
Schon im vergangenen Jahr waren alle Vorführungen ausverkauft, und wie es scheint, wird auch das zweite Jahr wieder erfolgreich sein, wenn man auf die geplanten 25 Vorstellungen bis zum 20. August blickt. „Wir können davon ausgehen, dass unser zweites Opernjahr auf der Seebühne fast ausverkauft ist“, so Axel Renner, Presseverantwortlicher der Bregenzer Festspiele GmbH.
Was das Publikum fasziniert ist das Zusammenspiel von Musik, Gesang und tragischem Geschehen, das auf der 23 Meter hohen und 33 Meter breiten Seebühne das Publikum fesselt und zum Schauplatz der Handlung der Oper wird. Trotz der 300-Tonnen–Konstruktion wirkt das Papier fragil, so als ob man es achtlos weggeworfen hätte.
Zur Geschichte: Um 1900 in Nagasaki: Die 15-jährige Cio-Cio-San, deren Vater sich das Leben nahm, weil er völlig verarmt war, muss als Geisha arbeiten. Der Vermittler Goro stellt dem amerikanischen Marineoffizier Pinkerton ein Haus inklusive der entzückenden Japanerin zur Verfügung, und der Yankee heiratet nach japanischem Brauch die junge Frau. Für ihn ist es ein angenehmer Zeitvertreib, den er nicht sehr ernst nimmt, denn es ist klar, dass er daheim eine Amerikanerin zur Frau nehmen wird. Der Konsul Sharpless warnt Pinkerton, nicht leichtfertig mit Cio-Cio San zu spielen. Dem Mann aus Amerika geht es aber nur um sein Vergnügen. Butterfly jedoch ist verliebt, glücklich und glaubt, dass Pinkerton sie ebenso liebt wie sie ihn und sie in Übersee den strengen japanischen Regeln und Traditionen entfliehen kann. Sie tritt über zum Christentum und wird von ihrer Familie und dem Onkel Bonzo verflucht. Nach einer kurzen, schönen Zeit des Zusammenlebens kehrt der Marineoffizier zurück in die USA, verspricht aber, wiederzukommen, wenn die Rotkehlchen brüten.
„Butterfly“ hat Pinkertons Kind geboren, lebt mit ihrer Dienerin Suzuki mit großen finanziellen Sorgen noch in dem Haus und wartet sehsüchtig auf die Rückkehr ihres „Mannes“. „Un bel di vedremo – Eines Tages sehn wir ein Streifchen Rauch überm Meer in die Lüfte steigen …“ ist die berühmteste Arie aus der Oper. Die amerikanische Flagge, die zu Beginn der Aufführung das zarte Papier zerstößt und wie ein Phallus mit Fahne über dem Geschehen aufragt, ist herunter geweht worden. Cio-Cio-San hüllt sich immer wieder hoffend in sie ein, während „Stars and Stripes“ in der Musik zu erkennen ist.
Sie erträumt sich ein wunderschönes Wiedersehen. Aber Pinkerton kommt mit seiner amerikanischen Frau Kate zurück. Er will sein Kind zwar mitnehmen, ist aber zu feige, sich bei „Butterfly“ blicken zu lassen. Als sie erkennt, dass all ihre Hoffnungen vergeblich sind und sie ihren kleinen Sohn Kate Pinkerton übergibt, trifft sie eine Entscheidung. Voller Verzweiflung ersticht sie sich mit dem Dolch, mit dem sich schon ihr Vater umgebracht hatte. Riku Seewald als kleiner Sohn der Titelfigur bewegte sich auf der Seebühne sicher und spielte das Kind herzergreifend.
Die Oper ist eine ungeheure Herausforderung für die Sängerinnen, die die „Butterfly“ verkörpern, denn die Figur muss während der gesamten Oper auf der Bühne präsent sein (2 Stunden). In Bregenz gibt es für die großen Rollen immer 3 Besetzungen. Am Premieren-Abend sang Barno Ismatullaeva (–Sopran-) die Titelfigur so überzeugend, zart und schmelzend und dann auch oft kraftvoll, dass das Publikum hingerissen war. Auch die anderen Rollen waren hervorragend besetzt. Pinkerton (Otar Jorjikia, Tenor), Suzuki (Annalisa Stroppa,Mezzosopran) Sharpless (Brett Polegato,Bariton) Onkel Bonzo (Stanislav Vorobyov,Bass) überzeugten mit Bestleistungen. Enrique Mazzola, der die Wiener Symphoniker im Festspielhaus dirigierte, begleitete Sängerinnen und Sänger mit viel Einfühlungsvermögen und brachte Puccinis Musik dem begeisterten Publikum auf eindringliche Weise zu Gehör. Der Bregenzer Festspielchor glänzte besonders mit dem „Summchor“. Die 6.600 Zuschauer auf der Tribüne waren mucksmäuschenstill.
Andreas Homoki, der für die Inszenierung verantwortlich zeichnet, ist ein Meisterwerk gelungen. Die Tänzerinnen und Statisterie zu Beginn ganz oben, als Silhouette gegen den Nachthimmel über dem See in japanischer Kleidung und Schirmchen, brachten Stimmung an den Bodensee. Selbst die weißgekleideten Geister, die „Butterfly“ schützen und bedrängen, passen ins Bild. Und auch Barno Ismatullaeva als Titelfigur und ihre Dienerin Suzuki tragen japanisch stilisierte Kleider. Viele Opernhäuser mögen das als „kulturelle Aneignung“ ablehnen und verdammen alles Japanische bei der Puccini-Oper von der Bühne. Die tragische Handlung – so meinen wir – braucht aber den kulturellen Hintergrund, der unbedingt angedeutet werden sollte. Nur eines ist nicht zu verstehen. Die Handlung spielt um 1900. Warum erscheint Pinkertons amerikanische Frau im Outfit der 50er Jahre mit wippendem Petticoat?
Elisabeth Sobotka, die Intendantin der Festspiele, die Bregenz gegen Ende nächsten Jahres leider verlassen wird und an die Berliner Oper geht, äußerte sich sehr differenziert zu den möglichen Vorwürfen einer „kulturellen Aneignung“. So lässt sie zum Beispiel im Gegensatz zu den Tänzerinnen, die alle weiß wie Geishas geschminkt sind, die „Butterfly“ völlig natürlich aussehen, weil sie als Figur sie selbst ist und diese Schminke nicht braucht. Sehr behutsam erklärt sie in einem Interview, wann von einer solchen Aneignung gesprochen werden kann. Für die Seebühnen-Inszenierung trifft es auf keinen Fall zu.
Als zum Schluss das zerknüllte Papier in Feuer aufging und auch echte Flammen zum Nachthimmel stiegen, jubelte das ergriffene Publikum den Protagonisten und dem Dirigenten minutenlang zu. Bregenz ist ein Erlebnis.
Wenn die letzte Vorstellung der „Madame Butterfly“ von Giacomo Puccini am 20. August über die Bühne geht, sind schon die ersten Planungen für das nächste Spiel auf dem See im Werden. Carl Maria von Webers „Freischütz“ wird in den nächsten zwei Jahren die Seebühne zum Schauplatz haben. Seit der Uraufführung 1821 zählt die Oper zu den populärsten im deutschsprachigen Raum. Auf die romantische Oper darf das neue Publikum gespannt sein. Vor allem, wie das Bühnenbild aussehen wird. Auch ob Lichteffekte Akzente setzen und die Dramatik um den Probeschuss und den Pakt mit dem Teufel verstärken werden und wie die Sangeskünstler die bekannten Opernmelodien darbieten. Premiere ist am 17. Juli 2024.
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