Das Online-Gesellschaftsmagazin aus Frankfurt am Main

Letzte Aktualisierung: 30.09.2022

Werbung

„Kunst ist eine Form des Lebens“

E. R. Neles „Zeitzeugenschaft“ im Museum Angewandte Kunst

von Karl-Heinz Stier

(23.09.2022) Wer E. R. Nele erlebt, auch bei der Ausstellungpräsentation, sie ist immer in Bewegung, hellwach, und hat immer wieder geistesgegenwärtig innegehalten bei besonderen Momenten im Zeitgeschehen, und dabei nie die Orientierung verloren:

Bildergalerie
Plakat-Grafik
Foto: Bureau Sandra Doeller
***
Pressekonferenz mit Kurator Matthias Wagner K und die Künstlerin E. R. Nele
Foto: Karl-Heinz Stier
***
mpressionen ihrer Ausstellung (1)
Foto: Karl-Heinz Stier
***
Impressionen ihrer Ausstellung (2)
Foto: Karl-Heinz Stier
***

Denn nie hat sie sich einem künstlerischen Dogma unterworfen, hat sich stilistisch festgelegt oder dieses intuitive Zusammenspiel von Wahrnehmung der Welt als reflexiver Zeitzeugenschaft, Auge und Hand jemals aufgegeben - Kurator und Museumsleiter Prof. Matthias Wagner K. Sie gehöre einer Künstlergeneration an, die noch mit dem Erleben des Krieges und seiner Folgen in ihren Kindheits- und Jugendjahren die Verfasstheit des Menschen,  nicht als etwas Festgelegtes versteht, sondern im Gegenteil, dieses Bedingtsein als Freiheit begreift. Und so verwunderte es nicht, wenn sich im Werk der 1932 in Berlin Geborenen sehr vielseitige Begabungen artikulieren und seither von ihr als einer der vielseitigsten Künstler und Gestalter gesprochen wird.

Einen Einblick in dieses vielfältige Schaffen können die Besucher in der Studioausstellung E. R. Nele. Zeitzeugenschaft gewinnen, die das Museum Angewandte Kunst E. R. Nele anlässlich ihres 90. Geburtstages ausrichtet – bis zum 1. Januar 2023.

Im Ausstellungsraum wird eine Art Wohnsituation hergestellt, die ihre gestalteten Möbel in Form von einem Sofa sowie einer Sitzgruppe mit Tisch und Stühlen und Leuchten zeigt. Aus diesem Raum im Raum haben die Besuchenden die Möglichkeit, einen Blick auf die umstehenden Skulpturen der Künstlerin zu werfen – wie ein Blick in ihr Atelier. So erinnert nicht zuletzt die gewählte blaue Wandfarbe an ihr Haus und Atelier in der Frankfurter Naxoshalle. Durch die Raumkonstellation soll nachempfunden werden, wie eng Leben und Werk bei E. R. Nele miteinander verbunden sind. Sie selbst sagt: „Kunst ist eine Form des Lebens.“

Als Designerin schuf sie in den 1960er Jahren für die Kasseler Firma bodeform moderne Wohnlandschaften, Sofas und Sessel, die in Form und Funktion variabel, weil flexibel um- und aufbaubar sind. Sie entwarf für die Niederlassung der Detmolder Firma Temde in Sevelen, Schweiz, mehr als 80 Lampen – Stehleuchten, Tischleuchten, Deckenleuchten, Wandleuchten, die sich bewusst von den zuvor starren Formen der zumeist aus Holz gefertigten Leuchten in Material, Eleganz und klarer Linienführung vehement unterschieden.

Sie entwarf und fertigte Tische, Schmuck und selbst Besteckkollektionen und immer scheint es - so Kurator Prof. Matthias Wagner K weiter - als ob all diese Objekte, und ein jedes als Teil für sich betrachtet, nur eine weitere skulpturale Möglichkeits-Ausformung darstellt. “Was hier erkennbar wird und sich als Quintessenz des gestalterischen und künstlerischen Schaffens E. R. Neles ausfiltern lässt, ist, dass alles, was sie schafft, aus einem beziehungsreichen Wechselspiel von Boden– und Wandarbeiten und autonomen Objekten im Raum besteht“.

Lampen und Wohninterieur zu entwerfen habe etwas, jedenfalls bei E. R. Nele, mit dem Schaffen von Emotionen zu tun, nicht minder emotionsgeladen ist, wie sie immer wieder aufs Neue die menschliche Figur als zentrales Thema ihres Schaffens zur Ansicht bringt. Denn bei weitem nehme das figürliche Motiv in ihrem Lebenswerk den größten Part ein, zumeist in metallener Ausführung, immer aber mit Blick auf die psychische und physische Verletzbarkeit des Menschen.

Viele der Themen, denen sie sich zugewandt hat und noch immer zuwendet, hätten an Aktualität nichts verloren. Denn noch immer würden Künstler, Dichter und Journalisten bedroht, inhaftiert und getötet, existieren Antisemitismus und Rassismus und noch immer gehe neben dem menschengemachten Klimawandel von den Atomwaffenarsenalen verschiedenster Staaten die größte Bedrohung für die Menschheit aus.