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Letzte Aktualisierung: 24.04.2024

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„Kulturgüter, Provenienzen und Restitution. Objektgeschichten aus Frankfurter Museen, Sammlungen und Bibliotheken“

Neuerscheinung in der Reihe „Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst“

von Institut für Stadtgeschichte

(31.03.2023) Die Erforschung der Herkunft und des unrechtmäßigen Entzugs von Kulturgütern sowie die Frage nach der Rückgabe erfährt ein unverändert hohes öffentliches Interesse. Mit dem nun erschienenen Band Nr. 79 „Kulturgüter, Provenienzen und Restitution: Objektgeschichten aus Frankfurter Museen, Sammlungen und Bibliotheken“ widmet sich das Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst erneut diesem Themenkomplex.

Cover des Bandes „Kulturgüter, Provenienzen und Restitution: Objektgeschichten aus Frankfurter Museen, Sammlungen und Bibliotheken
Foto: Stadt Frankfurt/Institut für Stadtgeschichte
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Die Publikation ergänzt den 2019 erschienenen Vorgängerband „Gesammelt, gehandelt, geraubt. Kunst in Frankfurt und der Region 1933 bis 1945“ um neue Fragestellungen und Erkenntnisse, vor allem die der postkolonialen Provenienzforschung. „Gleich ob es um die Erforschung des Raubes und der Enteignung jüdischen Kunstbesitzes in der Zeit des Nationalsozialismus oder um den Umgang mit Sammlungsbeständen aus kolonialen Kontexten geht, alle Aspekte zielen auf die Untersuchung historischer Unrechtskontexte ab, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen“, sagt Franziska Kiermeier, kommissarische Institutsleiterin und mit Maike Brüggen und Evelyn Brockhoff Herausgeberin des Bandes, bei der Buchvorstellung.

Der weitgespannte inhaltliche Fokus der 13 Beiträge aus Frankfurter Kulturinstitutionen und Sammlungen richtet sich auf drei historische Unrechtskontexte: verfolgungsbedingt entzogene oder veräußerte Kunstgegenstände und Bücher aus jüdischem Besitz, Objekte aus kolonialen Zusammenhängen und dem illegalen Handel mit Antiken.

„Der vorliegende Band präsentiert die große Bandbreite der Provenienzforschung und umfasst unterschiedliche Akteure und Akteurinnen, Kunstgattungen, zeitliche Epochen und Länder. Keine dieser Geschichten gleicht der anderen, doch eint sie alle der Schauplatz: Die Stadt Frankfurt tritt auf als Handlungsort, Lebensmittelpunkt, Durchgangsstation oder Umschlagplatz“, sagt Mitherausgeberin Maike Brüggen, Kunsthistorikerin und freie Provenienzforscherin.

Den Auftakt des Sammelbandes bilden zwei Aufsätze zu den „rätselhaften Bronzen“ im Archäologischen Museum. Die Abteilung Alter Orient im Archäologischen Museum beruht auf der Sammlung des Diplomaten Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, dessen Name als Widerständler des 20. Juli 1944 bekannt ist. Als Gesandter in Teheran von 1922 bis 1931 begleitete er in Iran den Archäologen Ernst Herzfeld auf seinen Forschungsreisen und kam so in den Besitz zahlreicher archäologischer Kunsterzeugnisse. Sein Großneffe, der Kunsthistoriker Stephan Graf von der Schulenburg, stellt seinen bekannten Vorfahren als Sammler und Diplomaten vor; die Archäologin Natascha Bagherpour Kashani zeichnet die Herkunft der Luristanbronzen in der jüngeren deutschen und iranischen Geschichte nach.
 
Daran schließt sich ein Beitrag von Anette Rein zu den Perspektiven postkolonialer Provenienzforschung aus ethnologischer Sicht an. Sie beschreibt in ihrem Beitrag „Schädel, Speere, Bronzen“ die Sammelpraxis in kolonialen Kontexten und behandelt aktuelle Fragestellungen zu Rückgaben. Dabei plädiert sie für einen sensiblen Umgang mit den Objekten, was mitunter bedeuten kann, dass Rückgabe nicht immer die beste Lösung ist.
 
Wie mit Objekten, die im kolonialen Kontext erworben wurden, in der musealen Praxis umgegangen wird, illustriert auch der Beitrag des Autorinnenteams aus dem Weltkulturen Museum. Dessen Sammlungen umfassen 65.000 ethnographische Objekte und zeitgenössische Kunst aus dem außereuropäischen Raum sowie etwa 120.000 ethnographische Filme und Fotografien. Die Kuratorinnen des Weltkulturen Museums, Mona Suhrbier, Vanessa von Gliszczynski, Julia Friedel und Leonie Neumann, schildern die Forschungen nach der Herkunft und Überlegungen zu Lösungen für die Rückgabe anhand mehrerer Einzelfälle aus verschiedenen Sammlungsbereichen des Museums.
 
Die Provenienzforscherin Katharina Weiler zeigt in ihrem Beitrag anhand ausgewählter Objekte aus der Sammlung Carl Cords, auf welche Weise Kulturgüter als kolonialzeitliche Plünderungsware ihren Weg in europäische Sammlungen fanden und später NS-verfolgungsbedingt ihre Besitzer wechselten. Als Schenkung kam die bedeutende Sammlung 1943 an das damalige Museum für Kunsthandwerk, das heutige Museum Angewandte Kunst. Durch ihre Forschungen kann Weiler nachweisen, dass Objekte aus der Sammlung Cords sowohl aus den Plünderungen während des „Boxeraufstandes“ 1901 stammten als auch aus dem verfolgungsbedingten Entzug bei jüdischen Sammlern.
 
Mehrere Artikel in dem vorliegenden Band widmen sich Sammlerinnen und Sammlern aus dem Frankfurter Bürgertum. Vom Weg dreier Gemälde von Hans Thoma in die Sammlungen des Historischen Museums berichtet der Frankfurter Kunsthändler Christoph Andreas. Insgesamt sieben Gemälde hatte Thoma als Auftragsarbeit 1874 eigens für den Gartensaal der Villa des Frankfurter Kaufmanns Alexander Gerlach geschaffen. In den 1890er Jahren verkaufte Gerlach das Anwesen an den damaligen Direktor der Cassella Farbwerke, Albert Ullmann. Die Familie Ullmann wurde aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln ab 1933 verfolgt und floh 1938 aus Deutschland. Zuvor ließ die Witwe Hedwig Ullmann die Thoma-Bilder von der Wand nehmen und verkaufte sie an die jüdische Kunsthandlung Heinemann in München. In einem mehrjährigen Restitutionsverfahren unter Mithilfe der Erben nach Hedwig Ullmann konnte für drei der Wandbilder Entschädigung geleistet und diese für das Historische Museum in Frankfurt erworben werden. Dies gilt nun auch für drei weitere Bilder aus diesem Konvolut, die kürzlich auf dem Kunstmarkt aufgetaucht sind und erst nach Drucklegung der hier vorgestellten Publikation nach gütlicher Einigung vom Historischen Museum erworben wurden. So sind sechs der sieben Wandbilder aus dem ehemaligen Gartensaal wieder in Frankfurt zu sehen.  
 
Maike Brüggen zeichnet in ihrem Beitrag die wechselvolle Geschichte des Burnitz-Gemäldes „Motiv aus dem Frankfurter Stadtwald“ nach, das seit Jahrzehnten zur Sammlung des Historischen Museums Frankfurt gehört – dies seit 2021 rechtmäßig. Sie konnte die Biografie des Frankfurter Juweliers Hermann Netter, der das Gemälde 1938 verfolgungsbedingt verkaufen musste, rekonstruieren und das Gemälde konnte den Nachfahren zurückgegeben werden. Dank einer Förderin, die das Gemälde anschließend erwarb und dem Historischen Museum schenkte, kam es erneut in die Museumssammlung und steht nun in einem veränderten Kontext.
 
Dass dieser Restitutionsfall aus mehreren Gründen besonders ist, erläutert der Direktor des Historischen Museums, Jan Gerchow, der den Aufsatz von Brüggen ergänzt. Er zeigt die Beteiligung der Frankfurter Stadtverwaltung bei der Ausraubung der jüdischen Bürger während der NS-Zeit und den kritischen Part des Museums in diesem Zusammenhang.
Die Wiesbadener Provenienzforscherin Miriam Olivia Merz schildert einen weiteren aktuellen Restitutionsfall. Das Bild „Prozession im Gebirge“ von Adolf Hölzel gehörte ursprünglich zur Sammlung Ernst und Gertrud Flersheim. Seit 1987 stand das Gemälde der klassischen Moderne dem Museum Wiesbaden als Dauerleihgabe des Vereins zur Förderung der bildenden Kunst in Wiesbaden zur Verfügung, der es aus dem Nachlass der Frankfurter Kunsthändlerin und Sammlerin Hanna Bekker vom Rath erworben hatte. Die Provenienzforschung konnte zeigen, dass die Flersheim’sche Sammlung verfolgungsbedingt aufgelöst werden musste und das Gemälde von Hölzel 1937 versteigert wurde. 2020 restituierte der Verein das Gemälde an die Erben. 
 
Die Komplexität der Provenienzforschung zeigen in einem gemeinsamen Beitrag Isabel von Klitzing und Maike Brüggen anhand der Sammlungen Koch und Floersheim, zu denen nicht nur Werke bedeutender Künstler wie Max Liebermann, Claude Monet, Ferdinand Hodler oder Hans Thoma gehörten, sondern vor allem auch eine berühmte Musikautographen-Sammlung mit Originalen von Bach, Beethoven, Mozart, Schumann und weiteren Komponisten. Louis Koch, Frankfurter Juwelenhändler von internationalem Rang, starb bereits 1930. Seiner Witwe Alice sowie Maria Floersheim, einer seiner beiden Töchter, die beide unabhängig voneinander in die Schweiz emigrieren konnten, gelang es, die Sammlungen zu retten. Die Familien Koch und Floersheim erlitten Repressalien und Unrecht – ein verfolgungsbedingter Verkauf oder eine Enteignung lassen sich im Falle der hier vorgestellten „Kürassierpatrouille vor Amorbach“ von Wilhelm Trübner nach den bisherigen Rechercheergebnissen allerdings nicht nachweisen.
 
Ein weiteres Beispiel für die Herausforderungen der Provenienzforschung, Herkunftsgeschichten lückenlos zu rekonstruieren, illustriert Udo Felbinger anhand eines Naumburger Silberhumpens aus der Sammlung Lemmers-Danforth in den Städtischen Museen Wetzlar. Bei etlichen Objekten aus der Sammlung, die ab den 1930er Jahren entstand, sahen sich die Museen mit Rückgabeforderungen konfrontiert. Darauf reagierte die Stadt Wetzlar und ließ die Provenienzen aller Stücke aus der Sammlung Lemmers-Danforth systematisch erforschen. Manche Spur verlief ins Leere. Nachweisbar gehörte der Silberhumpen einst der Frankfurter Familie Floersheim (siehe den Artikel von Klitzing/Brüggen). Wie er von Frankfurt nach Wetzlar gelangte, bleibt indes offen.
 
Die Provenienzforscherinnen und -forscher der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Daniel Dudde und Ulrike Vogl, arbeiten in ihrem Beitrag heraus, wie die Frankfurter Bibliotheken vom NS-Unrecht profitierten, das ihnen ab 1933 und insbesondere nach 1938 sehr vorteilhafte Erwerbungsmöglichkeiten bot. Sie zeichnen die Erwerbungsumstände nach und erläutern die Bedingungen, unter denen es gelingen konnte, Frankfurt als eines der Zentren des nationalsozialistischen Bücherraubs zu etablieren. Nach 1945 profitierten die Bibliotheken unter anderen Vorzeichen weiterhin. Das Offenbach Archival Depot der Alliierten trug 2,5 Millionen geraubte Bücher zusammen, von denen etwa 1,5 Millionen Bände restituiert werden konnten. Rund eine Million Bände blieben übrig, ein Großteil gelangte in die Frankfurter Bibliotheken. Inzwischen konnten über 100 Bände an das Institut für Sozialforschung, das bereits 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen und erst in den 1950er Jahren erneut in Frankfurt eröffnet worden war, zurückgegeben werden.
 
Den Band beschließt Anja Heuß, die der Herkunft eines besonderen Objektes nachspürt: einer Medaille aus dem frühen 19. Jahrhundert, die der Frankfurter Jurist und Mäzen Paul Neumann dem Freien Deutschen Hochstift 1935 schenkte. Die Aufschrift des Etuis, in welchem sich die Medaille befindet, gibt darüber Aufschluss, dass es sich um ein Geschenk Johann Wolfgang von Goethes an Julius Elkan, Privatbankier in Weimar, handelte. Der Weg der Medaille von der Familie Elkan zu Paul Neumann lässt sich nicht mehr lückenlos rekonstruieren. Dafür bringt Heuß den bedeutenden Förderer des Freien Deutschen Hochstifts Paul Neumann in Erinnerung, dessen Familie verfolgt und ermordet wurde.
 
Der Publikation liegt die gleichnamige Vortragsreihe zugrunde, die das Institut für Stadtgeschichte und die Gesellschaft für Frankfurter Geschichte 2020/21 veranstaltet haben und die pandemiebedingt weitestgehend digital stattfand. Der Band vereint die Vorträge der Reihe und wurde um weitere Beiträge ergänzt. Die 174-seitige, umfassend bebilderte Publikation erschien im Verlag Henrich Editionen, Frankfurt am Main (ISBN: 978-3-96320-068-7). Das Buch ist im Buchhandel, im Institut für Stadtgeschichte und über den Verlag für 30 Euro erhältlich.
 
Tag der Provenienzforschung am 12. April
Von der anhaltend hohen öffentlichen Bedeutung der Provenienzforschung zeugt auch der Internationale Tag der Provenienzforschung, der am Mittwoch, 12. April, inzwischen zum fünften Mal stattfindet. 2019 wurde er von Mitgliedern des Arbeitskreis Provenienzforschung initiiert. Im vergangenen Jahr haben sich über 120 Institutionen beteiligt, in diesem Jahr ist eine ähnliche Beteiligung zu erwarten.

Auch Institutionen und Autoren und Autorinnen aus der hier vorgestellten Publikation werden teilnehmen. Das Museum Angewandte Kunst bietet um 18.30 Uhr eine Kuratorinnenführung mit Katharina Weiler durch die Sonderausstellung „Die Sammlung von Maximilian von Goldschmidt-Rothschild“ an. Weitere Veranstaltungen, unter anderem im Hessischen Landesmuseum Darmstadt und im Museum Wiesbaden, finden sich unter arbeitskreis-provenienzforschung.org/veranstaltungen.