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„Die Deindustriealisierung hat begonnen“

Prof. Vahrenholt knöpft sich die Strompreispolitik vor und fordert Abschaffung des Frackingverbots

„Wir haben ein Strompreisproblem, und das ist durch Verteuerung und Verknappung des Stromangebots auf Grund grüner Politik erzeugt worden“, schreibt Prof. Fritz Vahrenholt in seinem neuen Newsletter. Es gebe dafür zwei politisch erzeugte Ursachen: Die Stilllegung der letzten Kernkraftwerke und die massive Verteuerung der CO2-Zertifikate bei Kohle- und Gaskraftwerken. Da dieses Thema uns alle betrifft, veröffentlichen wir nachstehend seine Ausführungen dazu.
Rechnet mit der Strompreispolitik von Umweltminisrter Habeck ab: Prof. Dr. Fritz Vahrenholt
Rechnet mit der Strompreispolitik von Umweltminisrter Habeck ab: Prof. Dr. Fritz Vahrenholt
Foto: Privat
Wer dieses neue  Buch von Prof. Vahrenholt noch nicht gelesen hat, sollte dies baldmöglichst tun, um kompetent mitreden zu können.t tun.
Wer dieses neue Buch von Prof. Vahrenholt noch nicht gelesen hat, sollte dies baldmöglichst tun, um kompetent mitreden zu können.t tun.
Foto: Verlag Langenmüller München

Prof. Vahrenholt kein Unbekannter. Der promovierte Chemiker war von 1991 bis 1997 Hamburger Umweltsenator. Anschließend ging er als Vorstand für Erneuerbare Energien zur Deutschen Shell AG. 2001 wurde er Vorstandsvorsitzender des Windenergie-Anlagenbauer REpower Systems. Danach leitet er die neu gegründete Konzern-Gesellschaft für Erneuerbare Energien der RWE AG, die Innogy GmbH bis 2012.

Seit 1999 ist Vahrenholt Honorarprofessor im Fachbereich Chemie der Universität Hamburg. Er ist des weiteren Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften Acatech. Sein Bestseller „Seveso ist überall“ (1978) war eine der wirkmächtigsten Buchveröffentlichungen in den Anfangsjahren der Umweltbewegung. 2020 erschien sein Bestseller „Unerwünschte Wahrheiten“ (zusammen mit Sebastian Lüning) und im Februar 2022 sein Buch „Die große Energiekrise- und wie wir sie bewältigen können“. Was also schreibt Prof. Vahrenholt zum Thema Stromversorgung. Lesen Sie selbst:

„Sie erinnern sich sicher noch an den Ausspruch des Wirtschaftsministers Robert Habeck inmitten der größten Energiekrise Deutschlands im Juli 2022: ´Wir haben ein Gasproblem – kein Stromproblem. Und da hilft uns Atomkraft gar nichts.´ Ein Jahr später beklagt er in einer von ihm herausgegebenen Broschüre ´Industriepolitik in der Zeitenwende´: "Während die Strompreise für stromintensive Unternehmen z. B. der Chemie-, Stahl- und metallverarbeitenden Industrie vor dem Ukrainekrieg wettbewerbsfähig waren, zahlen diese Unternehmen oft inzwischen einen vielfach höheren Preis als Wettbewerber etwa in Frankreich, den USA oder China."

Die Stilllegung der letzten sechs Kernkraftwerke durch die Ampelkoalition hat die preiswertesteten Stromerzeugungskapazitäten aus dem Verkehr gezogen. (Beim preiswerten Kernenergiestrom von 2,5 Ect/kwh sind die Kosten der Endlagerung und des Rückbaus einbezogen). Da Kernkraftwerke immer den preiswertesten Strom erzeugten, müssen nun teurere Gas- und Steinkohlekraftwerke einspringen. Da das teuerste Kraftwerk den Preis bestimmt, erhöht sich der Strompreis dramatisch.
 
Die Stilllegung der Kernkraftwerke hat also nicht nur die CO2-Emissionen in Deutschland um fünf bis zehn Prozent (Habeck: Heizungsgesetz bringt bis 2030 kumuliert 1,4 Prozent CO2-Minderung). Die Stilllegung hat auch den Strompreis in Deutschland deutlich nach oben geschoben. 

Der CO2-Preis verdoppelt die Strompreise 

Eine weitere durch grüne Politik erzeugte Ursache der Strompreisexplosion ist die Verteuerung der CO2-Preise durch das europäische Zertifikate-Handelssystem. 2021 trat die vierte Handelsperiode für CO2-Zertifikate in Kraft, wonach die Anzahl der Berechtigungszertifikate für CO2-Emissionen um jährlich 2,2 Prozent verknappt wird. Das sind Jahr für Jahr 48 Millionen Tonnen CO2-Zertifikate weniger, was dazu führte, dass sich in 2021 die CO2-Preise massiv erhöhten. In den Vorjahren kostete die Emission einer Tonne CO2 20 Euro. 2021 sprang der Preis auf 80-100 Euro um das Vier- bis Fünffache.
 
Diese CO2-Preiserhöhung hat in Deutschland, das etwas mehr als die Hälfte der Stromerzeugung aus Braunkohle, Steinkohle und Gas deckt, besonders starke Auswirkungen. Es führt zu einer Verdoppelung der Strompreise in Deutschland, das bereits die höchsten Strompreise der Welt aufwies und einen hohen Anteil an energieintensiver Industrie hat. Das hinderte weder die Bundesregierung noch die EU-Parlamentarier der Ampelparteien aber auch der CDU daran, die Verschärfung des Emissionshandels in Europa durchzuwinken.
 
Habeck 2023: Wir haben ein Strompreisproblem

Das Ergebnis seiner Politik kann auch der Wirtschaftsminister jetzt nicht mehr negieren. Die Deindustrialisierung hat begonnen. Bei der Vorstellung seiner Industriestrategie Ende Oktober erklärte er: ´Wir verlieren die Industrie und damit nicht nur Arbeitgeber und Branchen, sondern maßgeblichen Teil des Wohlstands, mit den entsprechenden politischen, gesellschaftlichen, demokratischen Konsequenzen.´ (Minute 41:40).

Wenn ein Minister eingestehen muss, dass das Ergebnis seiner Politik zum dramatischen Verlust an Wohlstand führt, wäre eigentlich ein Rücktritt angebracht. Er gesteht ein: ´Für zahlreiche Betriebe der energieintensiven Industrie sind diese Preise existenzbedrohend, es droht eine Erosion der deutschen Grundstoffindustrie und damit der Wegfall integrierter Wertschöpfungsketten.´ (Industriepolitik in der Zeitenwende, S.17). Aber Robert Habeck hat einen andere Begründung: Ursache für die Strompreisexplosion sei der ´Angriffskrieg Putins auf die Ukraine´. Das mag für die Gaspreise zutreffen, für die Stromknappheit jedoch ist allein die Bundesregierung verantwortlich.
 
Die Strompreisbrücke führt ins Nichts 

Da Robert Habeck nun zur Erkenntnis gekommen ist, dass ´unser Wohlstand auf das Engste mit industrieller Produktion verknüft ist´, (Industriepolitik S.3) soll jetzt der Steuerzahler durch eine Strompreissubvention das Schlimmste verhindern. So will er für etwa 2500 energieintensive Unternehmen den Strompreis von heute 10-12 €ct/kwh auf 6 €ct/kwh herunter subventionieren. Diese Unternehmen verbrauchen etwa 120 Terawattstunden Strom, etwa 22 Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Um die Kosten ein wenig einzugrenzen, sollen nur 80 Prozent des Verbrauchs bezuschusst werden. Trotzdem kommt man auf eine gewaltige Summe von sechs Milliarden Euro pro Jahr.

Um dieses fatale Ergebnis der eigenen Politik ein wenig zu kaschieren, spricht Habeck von der Strompreisbrücke, die lediglich bis 2030 zu zahlen sei, nach seiner Rechnung etwa 25-30 Milliarden Euro. Denn, so seine Annahme, ab 2030 wären ja ausreichend preiswerte erneuerbare Stromerzeugungen installiert worden: ´In Zukunft wird die Industrie durch Erneuerbaren Strom, Wasserstoff und klimaneutrale Kohlenwasserstoffe versorgt werden. Erneuerbare Energien ... stärken auch nachhaltig Preisstabilität und Versorgungssicherheit für die Industrie.´

Hier liegt der eigentliche Fehler der Energiepolitik der Bundesregierung. Sie glaubt, eine Stromversorgung oder gar eine Energieversorgung Deutschlands allein durch Solarstrom und Windenergie wettbewerbsfähig sicherstellen zu können. Kein anderes Land der Welt versucht das. In meinem letzten Newsletter habe ich darauf hingewiesen, dass Windenergieanlagen riesige Kostenschübe durch Material- und Kapitalkosten zu gewärtigen haben. Will man dann noch die fluktuierenden Erneuerbaren zu einem bedarfsgerechten, verlässlichen Stromangebot formen, werden 14 bis 16 €ct/kwh erreicht. Das ist dann das Ende energieintensiver industrieller Produktion in Deutschland.

Und es klingt in Habecks Industriestrategiepapier schon wie eine Drohung, wenn er zusammenfasst: ´Es haben nur Unternehmen eine Chance, die mit den langfristigen Kosten des neuen Energiekonzepts werden arbeiten können.´ Industrieunternehmen, die die Subvention bekommen. müssen ´eine klare Transformationsverpflichtung eingehen, bis 2045 Klimaneutralität zu erreichen´. Übersetzt heißt das : Es überleben nur Unternehmen, die dem grünen Narrativ folgen.
Was müsste eine neue Bundesregierung tun?

Die Ampel-Koalition will zwar die CO2-Abscheidung bei ausgewählten Industrien erlauben, die Anwendung der Technologie bei Kohlekraftwerken jedoch nicht zulassen. Anstatt 25-30 Milliarden aus dem Klimaschutzfond (!) zur Subventionierung des Industriestroms bereitzustellen, sollte eine neue Bundesregierung mit diesem Geld die CO2-Abscheidung bei Kohlekraftwerken finanzieren. Das würde auf Dauer das Stromangebot absichern und die Stromkosten senken, da die Abscheidung von CO2 deutlich preiswerter ist (50-70€/t CO2) als die Zahlung einer Strafgebühr für Zertifikate in Höhe von 80-100 €/t CO2. Damit könnte man sich auch den extrem teuren Weg eines backups durch Wasserstoffkraftwerke sparen, da deren Regelungsfunktion von den "grünen" Kohlekraftwerken übernommen werden könnte.

Eine neue Bundesregierung hätte zum Zweiten durch die Abschaffung des Fracking-Verbotsgesetzes die Möglichkeit, preiswertes und wettbewerbsfähiges Erdgas in Deutschland für die nächsten 20-30 Jahre zu erschließen. Der Förderungsbeginn wäre innerhalb einer Jahresfrist möglich.

Drittens müsste eine neue Bundesregierung das Forschungsverbot für neue, störfallfreie Kernkrafttechnologien der 4. Generation abschaffen, bei denen keine langlebigen Abfälle entstehen. Das hilft uns zwar nicht sofort, wird uns aber langfristig aus der Sackgasse führen. Denn es verdichten sich die Hinweise, dass diese Technologien Strom für 2 €ct/kwh erzeugen können. Wer langfristig industrielle Produktionen in Deutschland aufrechterhalten will, muss die Weichen hierfür rechtzeitig stellen.“