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„Den Krieg gegen die Kohle beenden!“

Vahrenholt warnt vor Deindustriealisierung Deutschlands

In seinem neuen Newsletter befasst sich der international renommierte Energieexperte Prof. Dr. Fritz Vahrenholt mit den Gründen der hohen Strompreise in Deutschland und weist auf die erschreckende Tatsache hin, dass die energieintensive Industrie bereits begonnen hat, das Land zu verlassen. Seine Asnalyse ist ernüchternd, um nicht zu sagen schockierend. Da diese Themen uns alle betreffen, bringen wir nachstehend seine Ausführungen dazu ausführlicher, zumal Prof. Vahrenholt ja kein Unbekannter ist.
\"CO2-Preise prägen die Stromkosten\" schreibt Prof. Vahrenholt in seinem neuen Newsletter.
\"CO2-Preise prägen die Stromkosten\" schreibt Prof. Vahrenholt in seinem neuen Newsletter.
Foto: Foto: Privat
Das aufschlussreiche Buch von Prof. Fritz Vahrenholt „Die große Energiekrise und wie wir sie bewältigen können\" ist erschienen im LMV Verlag, ISBN 978-3-7844-3658-6.
Das aufschlussreiche Buch von Prof. Fritz Vahrenholt „Die große Energiekrise und wie wir sie bewältigen können\" ist erschienen im LMV Verlag, ISBN 978-3-7844-3658-6.
Foto: LMV

Der promovierte Chemiker war von 1991 bis 1997 Hamburger Umweltsenator. Anschließend ging er als Vorstand für Erneuerbare Energien zur Deutschen Shell AG. 2001 wurde er Vorstandsvorsitzender des Windenergie-Anlagenbauer REpower Systems. Danach leitet er die neu gegründete Konzern-Gesellschaft für Erneuerbare Energien der RWE AG, die Innogy GmbH bis 2012.

Seit 1999 ist Vahrenholt Honorarprofessor im Fachbereich Chemie der Universität Hamburg. Er ist des weiteren Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften Acatech. Sein Bestseller „Seveso ist überall“ (1978) war eine der wirkmächtigsten Buchveröffentlichungen in den Anfangsjahren der Umweltbewegung. 2020 erschien sein Bestseller „Unerwünschte Wahrheiten“ (zusammen mit Sebastian Lüning). Im Februar 2022 erschien sein Buch „Die große Energiekrise- und wie wir sie bewältigen können“.

Das also schreibt Prof. Vahrenholt nun über die Zerstörung des Wirtschaftsstandorts Deutschland: "In meinem newsletter vom November 2023 machte ich darauf aufmerksam, dass die Strompreisexplosion der Jahre 2021-23 im wesentlichen Folge der verfehlten Energiepolitik war, nämlich, dass sie auf die massiv gestiegenen CO2-Kosten und der Stilllegung von sechs  Kernkraftwerken zurückzuführen war. Minister Robert Habeck versuchte, die Ursache Russland zuzuschreiben. Nun sinken die CO2-Kosten und damit die Strompreise. Aber die Ursache ist fatal. Die Nachfrage nach Strom sinkt auf Grund des Rückgangs des Stromverbrauchs der energieintensiven Industrie. Damit sinkt auch die Nachfrage nach CO2-Zertifikaten: Der Strompreis gibt nach. 

Weil das so wichtig  zum Verständnis der Folgen der fehlerhaften Energiepolitik ist,  zeige ich im Folgenden die einzelnen Schritte. Zunächst der Börsenstrompreis des Jahres 2021: Die Strompreise vervierfachten  sich - wohlgemerkt lange Zeit vor dem russischen Einmarsch. Und dieser Anstieg ist maßgeblich von den steigenden CO2-Zertifikatspreisen geprägt. Die Verteuerung der Strompreise ist politisch gewollt: Die Europäische Kommission hat die Preise der CO2-Zertifikate auf das Vierfache ansteigen lassen.
 
Bei dem Kostenvergleich der Kraftwerke springt die mit Abstand günstigste Erzeugungsform der bis zum 15.4.2023 betriebenen Kernkraftwerke ins Auge, die keine CO2-Zertifikate zu bezahlen haben. Ausgerechnet diese Kraftwerke wurden stillgelegt. Allein durch den europäischen Zertifikatenhandel haben sich im Jahr 2021 die Strompreise für konventionelle Kraftwerke verdoppelt bis verdreifacht.

Die Strompreisexplosion hatte Folgen. Produktionsstillegungen in der Aluminium- und Stahlindustrie, der Glas- und Papierindustrie wurden begleitet von Produktionsverlagerungen in der chemischen Industrie. Die Produktion in der energieintensiven Industrie ging um 20 Prozent zurück. Die Folge: Die energieintensive Industrie verlässt Deutschland. Und mit dieser Deindustrialisierung ging der CO2-Ausstoss, aber auch der Strombedarf und damit die Nachfrage nach CO2-Zertifikaten zurück. Der CO2/Preis sank. Die gute Nachricht: Der CO2 Ausstoß Deutschlands ging von 762 Millionen Tonnen CO2 im Jahr  2021 auf 673 Millionen Tonnen im Jahr 2023 zurück. Die schlechte Nachricht: Dies wurde erkauft durch eine teilweise Zerstörung des Wirtschaftsstandort Deutschlands.
 
Tatsächlich fahren im Jahr 2024 einige Produzenten ihre Produktion auf Grund der gesunkenen Strompreise wieder hoch. Doch sollte dadurch die Nachfrage nach Strom und CO2-Zertifikaten wieder steigen, wäre das nur ein Strohfeuer und die Strompreise ziehen wieder massiv an.

Was Deutschland benötigt, um wettbewerbsfähige Strompreise zu erreichen, ist eine Erhöhung des Angebots (etwa durch Reaktivierung der letzten Kernkraftwerke sowie eine durchgreifende Senkung der CO2-Kosten durch Anwendung der CO2-Abscheidetechnik CCS bei Kohle- und Gaskraftwerken). Windkraftweke in Bayern und Baden-Württemberg jedenfalls gehören nicht zum Lösungsangebot. Denn diese benötigen dort eine Einspeisevergütung von 10-11 €ct/kwh. Auf diesem Strompreisniveau ist das Aus der Industrie vorprogrammiert, insbesondere wenn die massiv steigenden Systemkosten der Erneuerbaren Energien durch Leitungsbau und backup-Kosten einbezogen werden.

Nun soll es also doch CO2-Abscheidungen aus Abgasen, Transport von CO2 durch Pipelines und die Tiefenverpressung von CO2 auch in Deutschland geben. Allerdings soll diese Technik nach den Plänen der Ampel-Koalition nur für nicht vermeidbare Abgase aus Zementwerken und Müllverbrennungsanlagen angewandt werden. Der Elefant steht nach wie vor im Raum. Der Verzicht auf die russischen Erdgasimporte, die Stilllegung der letzten Kernkraftwerke hat es unabweisbar gemacht, dass Kohlekraftwerke in Deutschland weit über 2030 hinaus betrieben werden müssen, wenn nicht die Stromversorgung in Deutschland zusammenbrechen soll.

Daher müsste eine verantwortungswusste  Energiepolitik dafür sorgen, dass die CO2-Abscheidung vor allen Dingen bei Kohle- und Gaskraftwerken zum Einsatz kommen, damit deren Weiterbetrieb gewährleistet werden kann. Davor drückt sich die Bundesregierung und verbreitet stattdessen weiter das Märchen, man könne in Deutschland die Sicherheit der Stromversorgung mit Gaskraftwerken betreiben, die später zu Wasserstoffkraftwerken umgerüstet werden sollen. Wasserstoffkraftwerke werden aber den Strompreis verdrei- bis vervierfachen und damit das Ende von industrieller Produktion und des Wohlstands in Deutschland besiegeln.

Es ist schon als Politikversagen zu kennzeichnen, wenn eine Bundesregierung erst zwei Jahre nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine, die Technologie der CO2-Abscheidung, die der Weltklimarat IPCC seit Jahren fordert, in Deutschland wieder ermöglicht. Es gilt bislang das Verbot der CO2-Abscheidung (CCS) in Deutschland seit 2012.

RWE hatte im  Jahre 2009 (ich war damals Geschäftsführer der RWE für Erneuerbare Energien) eine voll funktionsfähige Pilotanlage zur Abscheidung von CO2 in einem Teilstrom des Braunkohlekraftwerks in Niederaussem errichtet. Und sie läuft immer noch erfolgreich. Die Entwicklung von RWE, BASF und Linde ist mittlerweile als Stand der Technik anzusehen: Die Abscheidung von über 90 Proyent des CO2 aus einem Teilstrom des Abgases ist auf Dauer nachgewiesen, die Kosten belaufen sich auf sagenhafte 30 €/t CO2 ( P.Moser, G Wiechers, S.Schmidt,K.Stahl,G.Vorberg,T Stoffregen, VGB Powertech 1/2 , 2018, S.43). Der Wirkungsgradverlust beträgt weniger als zehn Prozent. Die Technik könnte die Emission und die CO2-Kosten von Braunkohlestrom massiv reduzieren (30 €/t CO2 anstatt 80-100 €/t CO2 Zertifikate). Das abgeschiedene CO2 aus Niederaussem ist übrigens so rein, dass es in der Getränkeindustrie für Sprudelflaschen eingesetzt wird.

Habeck und die Grünen möchten CCS auf Zementwerke und Müllverbrennungsanlegen begrenzen. Die Grünen sind Gefangene ihrer eigenen ideologischen Denkverbote. Maßgeblicher Drahtzieher  des CCS-Verbots in Deutschland war der damalige schleswig-holsteinische Energiewendeminister Robert Habeck: “Wir wollen kein CCS als Reinwasch-Technologie für die klimaschädliche Kohleverbrennung.” Die Ampel-Koalition schaltet also lieber Kohlekraftwerke ab und treibt die Deindustrialisierung des Landes voran. Eine ausführliche Darstellung der Technologie und der Kräfte, die sie in Deutschland verhindert haben, finden Sie in meinem Buch "Die grosse Energiekrise", S. 83-97.

US-Energiebehörde : Bis 2050 kein Rückgang der CO2-Emissionen weltweit 

Die Ampel-Politik, die die deutschen CO2-Emissionen in wenigen Jahren auf Kosten unserer Industrie und damit unseres Wohlstandes auf Null fahren will, wird umso unverständlicher, wenn man liest, was gerade eine US-amerikanische Regierungsbehörde, die U.S. Energy Information Administration (EIA) veröffentlicht hat. Sie hat eine Projektion der globalen CO2-Emissionen bis 2050 vorgenommen und resümiert:„Wir prognostizieren, dass die globalen energiebezogenen CO2-Emissionen aus dem Verbrauch von Kohle, flüssigen Brennstoffen und Erdgas in den nächsten 30 Jahren in den meisten Fällen, die wir in unserem International Energy Outlook 2023 (IEO2023) analysiert haben, zunehmen werden.“  

Die Welt wird also noch in 2050 CO2 in leicht gestiegener Höhe emittieren, so sagt es uns eine Behörde der demokratischen Biden-Regierung (!). Doch unsere Regierung setzt unbeirrbar weiter, koste es, was es wolle, auf CO2-Minderung durch erneuerbare Energien auf null CO2, auch wenn es unbezahlbar wird und weltweit der CO2-Ausstoss nicht zurückgeht."