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Letzte Aktualisierung: 01.03.2024

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„Bezahlung von Geisterstrom“

Ein kritischer Blick auf die Photovoltaik

von Norbert Dörholt

(16.03.2023) Helfen uns die Erneuerbaren aus der Krise? Diese Frage wird landauf landab diskutiert, von nüchtern wissenschaftlich bis hin zu ideologisch verbrämten Wunschträumen. Wie soll sich da ein unvoreingenommener Normalbürger ohne Physik- oder Chemiestudium zurechtfinden? Was trifft zu, wer hat recht, wer nicht und warum, wo verdrängt Hoffnung die Realität? Große Erwartungen setzt die Bundesregierung u.a. auf die Photovoltaik, die zunehmend installiert wird. Doch sind sie berechtigt? Frankfurt-Live holte dazu Informationen des Energie- und Klimaexperten Prof. Fritz Vahrenholt ein, u.a. Autor des Bestsellers „Seveso ist überall“.

Prof. Dr. Fritz Vahrenholt, promovierter Chemiker, war u.a. Vorstand für Erneuerbare Energien bei der Deutschen Shell AG, wurde 2001 Vorstandsvorsitzender des Windenergie-Anlagenbauers REpower Systems und leitete danach die neu gegründete Konzerngesellschaft für Erneuerbare Energie der RWE AG, die Innogy GmbH bis 20231. Er weiß also, wovon er spricht.
Foto: LMV
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Prof. Vahrenholt hat in seinem neuen Buch „Die große Energiekrise und wie wir sie bewältigen können“ sachlich und ideologiefrei die aktuelle Energiepolitik analysiert. Und musste ernüchtert feststellen, dass ein deutscher Alleingang „unsinnig, weltfremd und selbstzerstörerisch ist“. Da drängt sich jetzt förmlich das berühmte „Ja, aber…“ auf, etwa: Was um Himmels willen gibt es denn, um nur einen Aspekt herauszugreifen, zum Beispiel an der allenthalben propagierten Potovoltaik auszusetzen? Prof. Vahrenholt kann dazu einiges benennen.

„Um die Netzstabilität zu erhalten“, so erklärt er, „werden in Zeiten, in denen mehr Solarstrom oder Windstrom erzeugt als benötigt wird, Wind- und Solarkraftwerke vom Netzbetreiber abgestellt. Die Eigentümer der Anlagen erhalten eine Vergütung, als ob die Anlage Strom produziert hätte. In der Sprache der Bundesnetzagentur heißt das Einspeisemanagement, man könnte es auch Bezahlung von Geisterstrom nennen.

Die Kosten hierfür, die mit dem steigenden Zubau an Anlagen Jahr für Jahr steigen, betrugen 2021 rund 800 Millionen Euro. Hinzu kommen Kosten zur Netzstabilisierung für die Bereithaltung von Ersatzkraftwerken und das Herunterfahren oder Hinzuschalten von konventionellen Kraftwerken, wenn zu viel oder zu wenig erneuerbarer Strom das Netz in einem Versorgungsgebiet belastet. Hierfür stiegen die Kosten ebenfalls im letzten Jahrzehnt. 2021 waren es hierfür 1,4 Milliarden Euro. 2022 werden das mehr als drei Milliarden Euro sein. Die jährlichen Eingriffskosten – Tendenz steigend – bezahlen die Stromkunden mit den Netzkosten, die im Strompreis enthalten sind.

In dieser Rechnung sind nicht die volkswirtschaftlichen Kosten enthalten, die dadurch entstehen, dass man faktisch zwei parallele Stromversorgungssysteme betreibt. Im Falle des Ausfalls der flukturierenden Erneuerbaren ist ein Backup-Kraftwerkspark an Kohle-, Gas- und Kernkraftwerken notwendig, der die volle Höchstlast absichern muss, aber über das Jahr nur zu einem Bruchteil der Jahresleistung genutzt wird.

Die Photovoltaik hat darüber hinaus zwei oft übersehene strukturelle Nachteile. Die Anlagen sind energie- und materialintensiv. Man steckt eine Energieeinheit in die Herstellung und über die Lebendauer erntet man die fünf- bis zehnfache Energiemenge. Das ist eine schlechte Relation, die zu wenig Energieerzeugungseffizienz bietet, um eine Welt mit wachsenden Energiehunger zu befriedigen. Man muss 20 Jahre warten, bis man die fünffache Menge an Energie wieder herausbekommt. Oder anders ausgedrückt: Erst nach zwei bis vier Jahren wird mehr Energie erzeugt als hineingesteckt wurde. Bei Kohlekraftwerken liegt die Relation bei 1:30 und bei Kernkraftwerken bei 1:100. Selbst Windkraftwerke liegen mit 1:30 deutlich besser. Nach vier bis sechs Monaten ist das Windkraftwerk im Plus, beim Kernkraftwerk passiert das nach zwei bis drei Monaten.

Beim spezifischen Materialeinsatz sieht die Solarenergie ebenfalls nicht gut aus. Sie verschlingt pro produzierte kWH ein Vielfaches an Kupfer, Stahl und seltenen Erden im Vergleich zu den konventionellen Energien. Und fast 90 Prozent des weltweiten Bedarfs an Silizium stammt aus China. Seltene Erden sind Elemente wie Neodym, Praseodym und Dysprosium, von denen man zwar im Chemiestudium beiläufig etwas erfährt und dann schnell vergisst. Aber sie sind unverzichtbar zur Herstellung von Permanentmagneten, die nicht nur in fast jedem Elektromotor, sondern auch in Windkraftanlagen Verwendung finden. Die Magneten in Generatoren und Elektromotoren sind zu 30 Prozent aus Neodym und den anderen Seltenen Erden. Und 90 Prozent des Neodyms stammen aus China. Diese Abhängigkeit besteht nicht nur bei Windkraftanlagen: Nur fünf Prozent des Neodyms geht dahin, der Rest in andere Anwendungen wie Elektromotoren.“

Und was bringt´s letztlich: Selbst wenn weltweit 130 Millionen E-Autos unterwegs wären (am 5.8.2020 waren es fünf Millionen), würde laut der Internationalen Energie-Agentur die Emissionen von CO2-Äquivlaenten um lediglich 0,4 Prozent sinken. Und noch eine Zahl, die ernüchtert: Wenn die Flüge für jährlich rund 4,5 Milliarden Passagiere bis zum Jahr 2100 (!) entfielen, würden die Temperaturen nur um 0,03 Grad gesenkt werden.

(Siehe auch Prof. Vahrenholts Buch „Die große Energiekrise und wie wir sie bewältigen können“, erschienen im Langen Müller Verlag München, ISBN 978-3-7844-3658-6, 22 Euro).