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Letzte Aktualisierung: 27.09.2021

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„Als Gretchen in Goethes Faust unsterblich“

Gedenkstein für Susanna Margaretha Brandt im Gutleutviertel

von Ilse Romahn

(13.09.2021) Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig hat gemeinsam mit Antje Arold-Hahn, Initiatorin des Gedenksteins und Stadtteilhistorikerin der Polytechnischen Gesellschaft, nahe des ehemaligen Schandfriedhofs des Gutleuthofs einen Gedenkstein für die dort bestattete Susanna Margaretha Brandt vorgestellt.

Gedenkstein aus Odenwälder Quarz für Susanna Margaretha Brandt im Gutleutviertel/Sommerhoffpark
Foto: Stadt Frankfurt am Main, Foto Holger Menzel
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Auf der Inschrift ist zu lesen: „Susanna Margaretha Brandt 1772 als ,Kindsmörderin' verurteilt und auf der Hauptwache hingerichtet. Hier im ehemaligen Friedhof des Gutleuthofes bestattet. Als Gretchen in Goethes Faust unsterblich.“
 
Kulturdezernentin Hartwig sagte: „Mit dem Gedenkstein machen wir nicht nur ein erschütterndes historisches Einzelschicksal sichtbar. Vielmehr hat Susanna Margaretha Brandt geschichtliche Bedeutung für unsere Stadt und darüber hinaus. Zum einen ist es sehr wahrscheinlich, dass sie das Vorbild für die Figur des Gretchen in Goethes Faust ist und seine zentrale Inspiration war. Zum anderen steht das Schicksal Susanna Margaretha Brandts für ein historisches Rechtsverständnis, das kurze Zeit nach ihrer Hinrichtung ein Ende fand. Susanna Margaretha Brandt war eine der letzten Frauen, die in Frankfurt als ,Kindsmörderin‘ hingerichtet wurden.“
 
Frauendezernentin Rosemarie Heilig: „Susanna Margaretha Brandt sah sich in einer ausweglosen Situation. Sie arbeitete als Dienstmagd in einer Herberge, hatte außerehelichen Geschlechtsverkehr und wurde ungewollt schwanger. Alleinstehend mit unehelichem Kind bedeutete für Frauen in dieser Zeit soziale und gesellschaftliche Stigmatisierung und vor allem auch wirtschaftliche Not, so dass das Schicksal von Susanna Margaretha Brandt stellvertretend für viele Frauen vor 250 Jahren steht. Heute stehen Frauen, die schwanger sind und sich in einer schwierigen Lage befinden, verschiedene Beratungsstellen offen, die ihnen Hilfestellungen geben und Auswege aus ihrer vermeintlich hoffnungslosen Situation aufzeigen können. Und auch wenn sich die Rechtsprechung seit jener Zeit verändert hat, so müssen Frauen auch heute noch um das Recht auf körperliche Selbstbestimmung kämpfen. Auch hierfür sollte der Gedenkstein ein Zeichen sein.“
 
Susanna Margaretha Brandt war eine 1746 geborene Frankfurter Magd, die ihr Neugeborenes nach der Geburt tötete. Gemäß der Peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532 (Carolina) war Kindsmord ein „todeswürdiges“ Verbrechen, das durch besonders grausame Formen der Todesstrafe wie Begraben bei lebendigem Leib, Pfählen oder Ertränken geahndet werden sollte. Im 18. Jahrhundert erfolgte eine schrittweise Abkehr von dieser Praxis, was sich im Falle Susanna Margaretha Brandts in der Hinrichtung mit dem Schwert und der anschließenden Bestattung niederschlug – dies galt als weniger ehrenrührig als andere Hinrichtungsformen. Die barbarische Praxis, Leichname nach der Hinrichtung zur Abschreckung am Galgen hängen zu lassen, gehörte ebenfalls bereits der Vergangenheit an. Wenige Jahre nach der Hinrichtung Susanna Margaretha Brandts begann man, Kindsmörderinnen nicht mehr hinzurichten, sondern mit Gefängnis zu bestrafen, da sich mit der Aufklärung mehr und mehr die Überzeugung durchsetzte, dass bei der Tötung unehelicher Kinder nicht Bosheit, sondern Verzweiflung und Furcht vor sozialer Ächtung die maßgeblichen Motive waren. Vermutlich hat Johann Wolfgang Goethe, der sich intensiv mit der Gerichtsverhandlung befasste, dieser oder ein ähnlich gelagerter Fall als Vorlage für seine Gretchentragödie gedient.
 
Die Initiative für den Gedenkstein geht zurück auf den Ortsbeirat 1, der sich auch an den Kosten für die Erstellung beteiligte. Ein geplanter QR-Code soll die Geschichte von Susanna Margaretha Brandt in Ergänzung zum Gedenkstein ausführlich darstellen und kontextualisieren sowie stellvertretend für weitere Fälle dazu beitragen, über die Situation von Frauen in dieser Zeit aufzuklären und die Aktualität des Themas aufzuzeigen. Für die Konzeption des Gedenksteins haben das Kulturamt und das Institut für Stadtgeschichte mit dem Frauenreferat zusammengearbeitet, um auch die aktuelle frauenpolitische Bedeutung Susanna Margaretha Brandts zur Geltung zu bringen. (ffm)