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Letzte Aktualisierung: 17.06.2019

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Zwischen Wehmut und Wut

„Goodbye Hoechst“ lockt Hunderte Besucher ins Neue Theater

von Norbert Dörholt

(10.04.2019) Samstagmittag, 13 Uhr: Vor dem Neuen Theater in Frankfurt Hoechst staut sich eine Besucherschlange bis hinaus auf die Emmerich-Josef-Straße. Passanten bleiben neugierig stehen. Was mag da wohl sein? Ein berühmter Comedian, eine Rockband, Nackttänzerinnen? Nein, nichts von alledem. Es ist, man mag´s kaum glauben, ein Buchautor, der dort in einsamer Zweisamkeit mit einem Rundfunkmoderator auf einer kahlen Bühne sitzt und vor hunderten von Leuten über sein Buch spricht: „Goodbye Hoechst“.

Autor Dr. Karl-Gerhard Seifert (links) und HR-Moderator Klaus Reichert im Gespräch.
Foto: Buchhandlung Baersch
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Es ist das frühere Vorstandsmitglied der Hoechst AG, Dr. Karl Gerhard Seifert, der spartanisch einfach an einem schlichten Tisch im abgedunkelten Raum sitzend mit dem HR-Rundfunkredakteur Klaus Reichert über sein Werk plaudert – vor ausverkauftem Haus! Das heißt genau gesagt, Karten musste niemand kaufen, der Eintritt war frei. Die Buchhandlung Baersch, die zusammen mit dem Bund für Volksbildung das Treffen veranstaltet hatte, bat lediglich um eine Spende zugunsten der Interessengruppe kleiner, unabhängiger Verlage im Zuge der KNV-Insolvenz. Die Besucher ließen sich da auch nicht lumpen, wie ein Blick beim Hinausgehen auf die prall gefüllten Spendenboxen zeigte.

Aber erst kam das Hineingehen. Zwei lange Schlangen standen an den beiden Saaleingängen, denn Interessenten hatten sich zu der Lesung anmelden müssen.So dauerte es eine Weile, bis die Besucher auf den Namenslisten gefunden, abgehackt und eingelassen werden konnten. Ein älteres Paar drehte nach einiger Wartezeit sogar entnervt ab und verzichtete auf den Besuch. Aber das war die Ausnahme.

Diejenigen, die drin waren, bereuten ihr Kommen nicht. Über eine Stunde lang lauschten sie gespannt bis betroffen, wütend bis traurig den vielen Hintergrund- und Detailinformationen, die Dr. Seifert über die Vorgänge preisgab, die schließlich zur Auflösung dereinst stolzen und erfolgreichen Rotfabrik geführt hatten. Das machte er nicht mit Schaum vor dem Mund, sondern sachlich, glaubwürdig, kompetent und manchmal auch heiter-ironisch. Dass das Gespräch zu keiner Sekunde langweilig wurde ist aber auch der Fähigkeit von Klaus Reichert zu danken, der auch mal kritisch hinterfragte, nachhakte, wichtige Punkte vertiefte, aber auch mit viel Humor – übrigens ebenso wie Karl-Gerhard Seifert – immer wiede für Lacher und spontane Beifallsbezeugungen sorgte.

Neben den strategisch-wirtschaftlichen Fehlentscheidungen des Unternehmens kamen aber auch andere Erlebnisebenen zur Sprache, vor allem der kulturelle und soziale Identifikationsverlust, als die Hoechst AG plötzlich von der Bildfläche verschwunden war. Viele der Zuhörer hatten selbst bei der Firma gearbeitet, oft ganze Generationen gleichzeitig, oder waren anderweitig mit ihr verbunden oder profitierten von der großzügigen Förderung des Unternehmens in Vereinen, Organisationen oder bei kulturellen Veranstaltungen von „Rock for Oldies“ über den Hoechst-Marathon bis hin zum Höchster Schlossfest und zahllosen Events in der Jahrhunderthalle. Da fasste so manchen sichtlich Wehmut.

Es war deshalb eine kluge Idee von Klaus Reichert und Karl-Gerhard-Seifert, nach dem etwas über einstündigem Zwiegespräch nicht etwa mit einem Dankeschön die Bühne zu verlassen, sondern den Besuchern Gelegenheit zu geben, selbst etwas zu dieser Zeit zu sagen oder Fragen zu stellen. Davon wurde denn auch reichlich Gebrauch gemacht, und dieser Teil der Veranstaltung war dann nicht minder interessant wie das vorher Gehörte.

Nach zwei Stunden war dann doch Schluss, aber das Erlebte wird bei den emotial aufgerührten Zuhörern sicherlich noch lange Gesprächsstoff gewesen sein. Das Buch, das binnen knapp drei Monaten in vierter Auflage bereits eine Auflage von 10.000 Stück erreicht hat, dürfte an diesem Nachmittag nochmals ein paar Pfund draufgelegt haben. Und es ist noch nicht zu Ende: Abgesehen von dem versierten HR-Moderator Klaus Reichert will sich jetzt der Hessische Rundfunkdirekt einbringen und Dr. Seifert für die Hörfunk-Sendung „Job" zu seinem Buch interviewen. Die Sendung „Job" ist 25 Minuten lang, wird mehrmals am Wochenende in hr-iNFO ausgestrahlt (z.B. samstags um 11:00 Uhr) und ist auch als Podcast erhältlich. Das Interview mit dem Autor wird eine Länge von zehn bis 15 Minuten haben. Der bekannte HR-Redakteur Lars Hofmann wird es im Laufe der Woche aufzeichnen.

(Goodbye Hoechst ­ von Könnern, Spielern und Scharlatanen“, Hardcover, 775 Seiten, 25 Euro, ist erschienen im Frankfurter Societäts-Verlag, ISBN 978-3-95542-321-6.)