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Letzte Aktualisierung: 24.05.2019

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Woher kommt das Vergessen?

Historisches Museum hinterfragt es in einer Sonderausstellung

von Karl-Heinz Stier

(07.03.2019) Vergessen. Jeder kennt das, jeder tut es. Vergessen ist normal. Mal finden wir es lästig, mal hilfreich und tröstlich, dann wieder problematisch. Und es hat einen festen Platz in unserem Alltag. Wir rechnen damit und benutzen Hilfsmittel, die uns erinnern sollen. Ob Eselsbrücken, Magnetspeicherbänder oder Totenmasken. Eines ist ihnen gemeinsam: sie sollen unser Vergessen verhindern. Trotzdem vergessen wir.

Bildergalerie
Ausstellungsplakat und Titelbild des Begleitbuches (30 Euro)
Foto: Karl-Heinz Stier
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Statementgeber auf dem Podium (v.r.n.l.): Museumsdirektor Jan Gerchow, die Kuratoren Jasmin Alley und Kurt Wettengel und die Künstlerin Christina Kubisch
Foto: Karl-Heinz Stier
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In einem Reminiszenz-Projekt erzählen Menschen mit leichter Demenz über den Gebrauch ihrer früheren Alltagsgegenstände
Foto: Historisches Museum
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Der Fund einer britischen Fliegerbombe führte im September im Frankfurter Westend zu einer größten Evakuierungen der Nachkriegszeit (traumatisches Erlebnis)
Foto: Historisches Museum
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Einige dieser Hilfsmittel, die versuchen, dem Vergessen entgegenzuwirken, nimmt von heute an bis 14. Juli  das Frankfurter Museum in einer Sonderausstellung unter dem Titel  „Vergessen – warum wir nicht alles erinnern“ im Neuen Ausstellungshaus im Saalhof 1 mit rund 400 Objekten unter die Lupe. „Dass sich ein Museum als Ort des Erinnerns mit dem Vergessen auseinandersetzt, scheint ungewöhnlich und paradox. Dennoch wagt diese Ausstellung den Perspektivenwechsel auf das individuelle und kollektive Gedächtnis. Denn Vergessen ermöglicht erst das Erinnern: Ohne Auswahl, Konzentration und wiederholte  Aktivierung bleibt nichts haften. Erinnern und Vergessen sind zwei Seiten derselben Medaille“, betonte Museumsdirektor Jan Gerchow in der Eröffnungspressekonferenz.

Dabei sei das Vergessen viel mehr als das Versagen der Erinnerung; es funktioniere als notwendiger Filter des Gedächtnisses. Die  vielfältige Dimension  des Vergessens sei erst durch eine interdisziplinäre Perspektive zu verstehen. So führe die Schau Sozialwissenschaften, Kulturgeschichte, Neurowissenschaften, Psychoanalyse und Kunst dafür zusammen.

Das was, wann, wie, von wem, wozu und warum etwas vergessen wird oder werden soll sind die zentralen Fragen der Ausstellung in acht Themeninseln. Darunter fällt u.a., wie die Kuratoren Jasmin Alley und Kurt Wettengl erläuterten, das autobiographische Gedächtnis. Nicht alles im Leben bleibe haften. Fotografien seien ein wichtiges Medium, um unsere Biografie zu entwerfen. „Heute erleben wir eine Flut von digitalen Bildern. Betont werden Erfahrungen, die uns wichtig sind und Anerkennung verschaffen. Andere vergessen wir, weil sie unserem derzeitigen Selbstbild oder der gesellschaftlichen Norm nicht entsprechen.“

Eine weitere Insel beschäftigt sich mit dem „Vergessen im Wandel“. Die Industrialisierung beschleunige seit 200 Jahren den Wechsel und massenhaften Austausch von Alltagsgegenständen, „so dass sich die Art und Weise verändert, in der sie als Erinnerungsmedium fungieren. Wir werden von mehr Dingen umgeben als früher.“

Eine weitere Themeninsel „Angst vor dem Vergessen“ befasst sich mit Demenz. Der in Frankfurt praktizierende Arzt Alzheimer  beschrieb die nach ihm benannte Demenz erstmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Noch bis heute sind keine medikamentöse Heilungsmöglichkeiten bekannt. Die Ausstellung hebt psychosoziale Behandlungskonzepte hervor, die die Persönlichkeit demenziell veränderter Menschen ins Zentrum stellen. Die Kuratoren betrachten das Thema Demenz nicht losgelöst von den Betroffenen, sondern bezogen sie mit ein. In einem Pilotprojekt brachte das Museum zusammen mit dem Bürgerinstitut Frankfurt e.V. in Vorbereitung dieser Ausstellung Menschen mit leichter Demenz in kleinen Gruppen zusammen. Alltagsgegenstände des 20. Jahrhunderts boten dabei Anknüpfungspunkte für Erinnerungen und Erzählungen der eigenen Geschichte.

Zwei weitere Inseln konzentrieren sich auf das Verdrängen der Schuld an den Gräueltaten und der eigenen Beteiligung am Nationalsozialismus im Deutschland der 1950er und 1960er Jahre und das „Nicht-Vergessen-Können“ von existenzbedrohenden auch traumatischen Erfahrungen, die sich auch auf soziale Beziehungen niedergeschlagen und auf nachfolgende Generationen übertragen haben (Holocaust, Flüchtlinge, heimkehrende Soldaten).

Die letzte Insel fragt, ob man das Vergessen überwinden kann und was wir mit Sammlungen eigentlich bewahren. „Erinnern uns Denkmäler noch an das, wofür sie errichtet wurden?“ so überlegen die Museumsverantwortlichen: „Hat das Museum eine eigene Funktion als Ort, in dem Frankfurter Geschichte gesammelt und gezeigt wird? Schließlich werden auch im Museum Geschichten nicht aufgezeichnet und Objekte nicht ausgestellt. Sie geraten in den Depots in Vergessenheit.“

Auch zeitgenössische Kunstwerke nehmen in der Ausstellung eine zentrale Rolle ein. Sie sind hierbei keine Illustrationen kultur– oder lebenswissenschaftlicher Thesen, sondern eigenständige Erkundungen der Dynamik von Vergessen und Erinnern.

Neben der Ausstellung gibt es im Begleitprogramm eine Reihe von Veranstaltungen wie die Öffentliche Tagung „Dynamik des Erinnerns und Vergessens“, eine Kooperation des Museums mit dem Sigmund-Freund-Institut Frankfurt am 23. und 24. Mai im Historischen Museum.

Weitere Infos  unter www.historisches-museum-frankfurt.de und besucherservice@historisches-museum-frankfurt.de

Öffnungszeiten : Di - Fr 10 -18 Uhr, Mi 10-21 Uhr, Sa und So 11-19 Uhr.