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Letzte Aktualisierung: 24.05.2019

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Wie sieht die Zukunft für uns aus?

Schauspiel Frankfurt mit neuem Programm 2019/20

von Karl-Heinz Stier

(08.05.2019) Der Blick der kommenden Spielzeit richtet sich auf die unmittelbare Zukunft: „auf das, was uns bevorsteht und wie wir mit unserem Handeln im Hier und Jetzt unsere Zukunft beeinflussen und prägen“, so die stellvertretende Intendantin und Chefdramaturgin Marion Tiedtke zu Beginn der Jahrespressekonferenz in der Panorama Bar des Frankfurter Schauspiels.

Die Erläuterungen am Podium gaben (v.r.n.l.): Anselm Weber (Intendant und Geschäftsführer), Marion Tiedtke (stellv. Intendantin und Chefdramaturgin), Lukas Schmelmer (Dramaturg), Katja Herlemann (Dramaturgin), Alexander Leiffheidt (Dramaturg), Ursula Thinnes (Dramaturgin), Martina Droste (Leitung Junges Schauspiel, Threaterpädagogin)
Foto: Robert Schittke
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Logischerweise heißt das Motto „Morgen ist heute _ Wie wollen wir leben?“. 26 Premieren, davon eine Deutschsprachige Erstaufführung, eine Deutsche Erstaufführung, 10 Uraufführungen sowie 21 Wiederaufnahmen stehen auf dem Programm. Die meisten wollen die Zukunft aufspüren.

„Wie wollen wir leben?“ – so hieß das künstlerische Konzept 2015, wobei man sich mit den Fragen des Zusammenlebens in der Gegenwart beschäftigte. In dem nachfolgenden Konzept beschäftigte sich Frau Tiedtke  in ihrem gesellschaftlichen Plädoyer mit dem  Grundgesetz, das heute 70 Jahre geworden sei und uns Menschen allen in dieser Zeit den Frieden gesichert habe.

Die Welt von heute dagegen sei labil: die westliche transatlantische Ordnung gerate ins Wanken, der Arbeitsmarkt verändere sich, die Umweltkatastrophen nähmen zu, die weltweiten Flüchtlingsströme würden sich auf unser Zusammenleben auswirken. Digitalisierung, Technisierung, Globalisierung bestimmten unsere Zukunft. Dass diese uns überrollen, sei groß und erzeuge schon jetzt ein Gefühl von Ohnmacht. Die Frage stelle sich, ob wir einer lebenswerten Zukunft entgegen gehen. „Und das ist seit 2500 Jahren immer wieder die zentrale Frage des Theaters – seit der Antike. Das provozieren wir auch in unserem neuen Spielplan“, meinte die Chefdramaturgin.

 Sie erwähnte die großen Außenseiterfiguren wie Gombrowicz mit „Yvonne, die Burgunder-Prinzessin“, die ständig schweigt und durch ihr Schweigen andere zum Handeln provoziert oder Henrik Ibsens „Brand“, der als Prediger alles anprangert und die Menschen mehr und mehr zum Fanatismus bringen will, so dass er seiner Mutter wegen ihres Geizes keinen Trotz in der Todesstunde entgegenbringt. Oder Ferdinand Schmalz‘ „Jedermann“, der merkt, wie vergänglich die schöne Welt des Kapitals sei. Und statt von einer Zukunft zu träumen, wissen sich die Figuren bei Sartre(„Geschlossene Gesellschaft“)  in der Hölle, in der es kein Morgen gibt, bloß den Blick auf die eigenen Unzulänglichkeiten. Im preisgekrönten Roman „Die Früchte des Zorns“, hat John Steinberg aus der Perspektive einer amerikanischen Flüchtlingsfamilie festgehalten, wie Menschen das Paradies versprochen wird, wo sie nur Hölle auf Erden erwartet. „Erzeugen wir also unsere eigene Hölle, oder ist eine bessere Zukunft möglich?“, fragt die stellvertretende Intendantin und verweist auf die „Orestie“ des  Aischylos, der 458 v. Chr. die Demokratie als neue Staatsform feierte. „Daher ist es immer wieder lohnend mit ihr unsere heutige Wertegemeinschaft zu befragen“.

Das Bockenheimer Depot steht unter dem Zeichen der Koproduktionen und Kooperationen des Schauspiels Frankfurts mit verschiedenen Partnern. Im Rahmen der Ruhrtriennale wird der weltweit gefeierte brasilianische Star der Tanzszene Bruno Beltrao und seine Tanzcompany Grupo de Rua eine neue Produktion entwickeln, die in Koproduktion mit dem Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt im Bockenheimer Depot gezeigt wird. In der Uraufführung „New Creation 2019“ (Arbeitstitel) wird Beltrao nach choreografischen Übersetzungen für die immer explosiver werdenden gesellschaftlichen Konstellationen suchen.

Das Stadtteilprojekt “All Our Futures“, eine künstlerische Forschungsreise in verschiedene Frankfurter Lebenswelten, wird fortgeführt. Rund 160 Jugendliche, zehn Künstler_innen und neun Pädagog_innen sind an drei Schauplätze n im Norden, Osten und Westen Frankfurts seit 2017 aktiv damit beschäftigt, die vielen individuellen „Zukünfte“ der Stadt, ihre möglichen Verfassungen und Regeln kreativ zu erforschen. Mit der Stückentwicklung „Die Gründung“ findet dieser Prozesss auf der Bühne des Schauspielhauses im April 2020 seinen Höhepunkt und Abschluss. Mit der Autorin Tina Müller und der Regisseurin Jessica Glause erarbeiten die Jugendlichen eine theatrale Zukunftsvision ihrer Stadt.

Intendant Anselm Weber verkündete, dass das Schauspiel Frankfurt 2018/19  372 Veranstaltungen absolviert habe. Der Auslastungsgrad lag bei 91,4 Prozent. Gesamtzahl der Besucher: 123 000 Besucher. Bei der Gesamtfinanzierung hätten die Sponsoren eine wichtige Rolle gespielt. Zugleich gab er bekannt, dass die stellvertretende Intendantin und Chefdramaturgin Marion Tiedtke 2020 wieder in ihre Musikhochschule in Frankfurt zurückkehren werde. Wie das Personaltableau dann aussehen werde, könne er heute noch nicht sagen.