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Letzte Aktualisierung: 21.08.2019

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Wer ist Abu Bakr al Baghdadi?

Von dem angeblich getöteten Terroristenführer ist ein neues Video aufgetaucht

von Shams Ul-Haq

(08.05.2019) Wer ist dieser Mann, der für die Terrorakte auf der Welt verantwortlich ist? Er ist viel größer und grausamer als Usama Bin Laden, der sich am 4. Juli 2014 zum Kalifen über alle Muslime in der Welt in der Moschee An-Nuri in Mossul (Irak) ausrief und den weltweiten Dschihad predigte. Von seinen Kämpfern wird er heute noch als Al Shabah „Das Gespenst“ gefeiert. Es existierte seitdem nur ein Video von ihm aus der Moschee und jetzt ein aktuelles, das einen sichtlich gealterten und erschöpften Mann zeigt.

Der Frankfurter Journalist Shams Ul-Haq ist Autor des vielbeachteten Buches „Eure Gesetze interessieren uns nicht“ (Orell Füssli Verlag, 18 Euro), für das er undercover in zahlreichen Moscheen in Deutschland, Österreich und der Schweiz recherchiert hat.
Foto: Shams Ul-Haq
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Das Video wurde vor einigen Wochen an einem geheimen Ort in Syrien aufgekommen. Es beweist, dass die Social Media des IS immer noch sehr aktiv ist, da dieses sehr professionell aufgenommen wurde. IS Propaganda Videos werden durch das Mediennetzwerk Bank Al-Ansar unterstützt. Dabei leistet der Pressesprecher vom IS, Abu Hassan Al Mahajir, eine sehr professionelle Arbeit. Sehr wahrscheinlich befindet er sich unter den drei Männern, die in dem aktuellen Video zu sehen sind.

Es wurde, wie auf dem Video zu sehen ist, eine weiß-blaue Mappe für die zukünftige Netzwerkstrategie durch den Führer erstellt, mit dem Namen „Wilayat Turkey“. Daraus lässt sich schließen, dass der IS Chef vermutlich in dem Grenzgebiet von Syrien und Türkei sein könnte.

1971 als Ibrahim Awad Ibrahim al – Badri, Sohn ungebildeter Bauern, geboren, wurde später Abu Bakr Al Baghdadi genannt, ist in Samara aufgewachsen und besuchte die Hochschule in Bagdad für islamisches Recht. Anfangs studierte er noch islamische Rechtsprechung, wechselte dann später zur Koranwissenschaft. 1999 schloss er sein Magisterstudium ab. Eine angebliche Doktorarbeit von ihm ist verschwunden. Es heißt, sie sei gestohlen worden.

Er hatte jungen Menschen in der Moschee neben seinem Elternhaus Religionsunterricht erteilt, weil er den Koran auswendig kannte, hatte aber nur durchschnittliche Noten, so dass er das ersehnte Jurastudium nicht verwirklichen konnte. Mathe zählte zu seiner Stärke. In seiner Jugend spielte er gerne Fußball und nannte seine Mannschaft Mullah´s. Danach interessierte er sich für Schach; später bezeichnet er jeden anderen Sport als Sünde und stellte ihn in seinem IS unter Strafe.

Bekannte sprachen von ihm als einen gutherzigen Jungen. Später zog er sich immer mehr zurück und wurde immer wütender. Alles war in seinen Augen plötzlich eine Sünde. Al Baghdadi hatte zwei Frauen und mehrere Kinder. Nachdem er von seinem Heimatort nach Bagdad gezogen ist, lebte er im Stadtteil Tobtschi am westlichen Rand von Bagdad, wo Schiiten und Sunniten wohnten. Die Moschee in Bagdad wurde sein zweites Zuhause.

Amerika verübte am 20. März 2003 einen Angriff auf den Irak. Hätte dieser Krieg nicht stattgefunden, dann gäbe es den Islamischen Staat nicht, und Al Baghdadi wäre weiterhin ein friedlicher Spieler in seiner Fußballmannschaft. Nachdem die Amerikaner Sadam Hussain und Usama Bin Laden für den Anschlag 9/11 verantwortlich gemacht hatten und der Irak durch die USA zerschlagen wurde, folgte im Irak die Gründung von Al-Qaida. Diese wurde durch Abu Musab Al-Zarqawi geleitet.

Zu dieser Zeit lebte Al Baghdadi noch in Tobtschi. Der Sieg Amerikas machte ihn sehr wütend. Er begann sich zu radikalisieren und wurde zu einem Dschihadisten. Mit einer kleinen Miliz fing er an, die amerikanischen Soldaten einzeln zu bekämpfen.

Ungefähr nach einem Jahr wurde er von den Amerikanern verhaftet und in das Gefängnis Camp Bucca gebracht. Dieses Camp gilt gleichermaßen als US-Gefängnis und als IS-Schule. In diesem Camp saßen damals ca. 20.000 Häftlinge ein. Viele waren ehemalige Offiziere Saddam Husseins, andere Islamisten. Ebenso viele Sunniten - und Schiitenführer waren dort interniert.

In dem Camp hat Al Baghdadi bereits seine Netzwerke aufgebaut, indem er ehemalige Kämpfer von Saddam Hussain und Al-Qaida für sich gewann. Die Gefangenen hatten ihn ins Herz geschlossen. Er war bereits im Camp Bucca sehr aktiv, verrichtete dort die Gebete als Imam.

Da er seit seiner Kindheit den Koran auswendig konnte und über eine sehr schöne Stimme verfügte, war er ein Trost für die Gefangenen. Damit stabilisierte er noch mehr sein Netzwerk und gründete schon hier seinen Islamischen Staat. Er hat seine Vertrauenspersonen stets geheim gehalten.

Alle Gefangenen mussten gelbe Kleider tragen. In der Hitze kamen sie sehr ins Schwitzen, durften die Kleider aber nicht abnehmen. Man wirft den amerikanischen Soldaten vor, dass sie die Gefangenen unmenschlich behandelten. Dadurch wurde der Hass gegen die Amerikaner größer. Nach ungefähr einem Jahr Haft kam Al-Baghdadi aufgrund des Mangels an Beweisen aus dem Gefängnis frei, in den nachfolgenden Jahren auch seine mitgefangenen Brüder.

Im Jahr 2010 verübte er die schlimmsten Terroranschläge im Irak, zusammen mit Al-Qaida und Al-Nusrafront. Im Jahr 2013 wurde der Islamische Staat offiziell gegründet, und er trennte sich von den anderen Terrororganisationen.

Sogar Bin Laden kritisierte ihn für seine grausamen Taten. Er lässt Europäer vor der Kamera abschlachten, lässt sie die gleiche Kleidung in gelb tragen, welche er in dem Gefängnis Camp Bucca tragen musste. Mehrere tausend Menschen wurden von ihm in schlimmster Weise hingerichtet, welche es in islamistischen Szenen nie zuvor gab. Al Baghdadi sagte sich von al Quaida los, der IS kontrollierte und baute seine Netzwerke in riesigen Gebieten wie in Syrien, Libyen, Türkei, Irak, Afghanistan.

Al Quaida verurteilte die Gewalt. In einem offenen Brief 2014 verfassten über 120 islamische Gelehrte weltweit ein Rechtsgutachten (Fatwa) an ihn, an seine Terroristen und Anführer. Für seine Behauptung, Kalif zu sein, brauche er die Zustimmung aller Muslime. Außerdem verurteilten sie seine und die Verbrechen der Terroristen.

Der 48-jährige Al Baghdadi hatte damals bereits im Camp Bucca hunderte Mitglieder für sich gewonnen und somit eine der größten Netzwerke aufgebaut. Daher vermutet man, dass seine damaligen Häftlingskollegen, mit denen er heute noch in Kontakt steht, ihn bei seinen terroristischen Anschlägen unterstützen, sowie das Geld zur Verfügung stellen, damit er das ganze finanzieren kann. Auf dem Video macht er einen erschöpften Eindruck, laut Aussage vom IS wurde das Video im April gedreht. Er hatte die gleiche Art und Weise zu reden, wie der damalige Führer von Al Qaida Abu Musab al-Zarqawi. Man muss in der Zukunft weiterhin mit der Angst leben. Die wahre Strategie des IS ist für jeden ein großes Rätsel. Es wird mit weiteren Anschlägen auf die Andersgläubigen gerechnet.

Der Inhalt von Baghdadis Rede ist jedoch weniger aufschlussreich als sein Einfluss. Die Gesamtzahl der Wörter, die Abu Bakr al-Baghdadi auf dem Video zum besten gab, hat sich verdoppelt, und mit dieser Verdoppelung erhalten wir nicht nur eine neue explizite Nachricht, sondern auch ein neues Profil des Mannes. Er ist nicht wie Osama Bin Laden, der Spross einer der reichsten und berühmtesten Familien Saudi-Arabiens war und daher sein öffentliches Image nicht kontrollieren konnte. Dagegen gelang es Baghdadi, sein Image sorgfältig zu verwalten.

Sein einziger vorheriger Auftritt brachte ihn zu Begriffen, die aus der frühen islamischen Geschichte bekannt waren. Er zitierte den Nachfolger und Schwiegervater des Propheten, Abu Bakr, und verglich sich mit ihm. Er trug die Farben der Abbasiden. Er hielt eine Rede mit religiöser Terminologie, religiöser Diktion und Grammatik. Diese Selbstdarstellung wurde fast komisch überarbeitet. Das ist wahrscheinlich auch so.