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Letzte Aktualisierung: 14.06.2019

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Welt-MS-Tag in Frankfurt: behindertengerechten Linienbus präsentiert

DMSG-Hessen-Geschäftsführer Bernd Crusius: „Ohne Barrierefreiheit ist Teilhabe nicht möglich"

von Sonja Thelen

(06.06.2019) In Deutschland leben elf Millionen Menschen mit Behinderung. „Aber ohne Barrierefreiheit ist Teilhabe nicht möglich", betonte der Geschäftsführer der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) Landesverband Hessen, Bernd Crusius, anlässlich des „11. Welt-MS-Tags", den die MS-Selbsthilfeorganisation in Frankfurt mit einer auffälligen Aktion beging.

Welt-MS-Tag Frankfurt_Bus_Begruessung: Claudia Hontschik (v.l.), Sören Schmidt, Bernd Crusius, Christian T. Haas.
Foto: Sonja Thelen/DMSG Hessen
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Auf dem Roßmarkt präsentierte die DMSG Hessen den Prototyp eines alters- und behindertengerechten Linienbusses, den „Easybus 2.0", der von Hochschule Fresenius, DB Regio Bus und IVECO Bus entwickelt wurde. Zudem sprachen der Beauftragte für Menschen mit Behinderung der Stadt Frankfurt, Sören Schmidt, die MS-betroffene Pädagogin und Autorin Claudia Hontschik über die Herausforderungen, denen sich eine Rollstuhlfahrerin im öffentlichen Raum gegenüber sieht, sowie der Vorsitzende des Ärztlichen Beirats der DMSG Hessen, Prof. Björn Tackenberg über Fortschritte in der medikamentösen MS-Therapie.

Mobilität und Barrierefreiheit sind unerlässlich für ein selbstbestimmtes Leben mit MS. Daher hatte die DMSG Hessen zum 11. Welt-MS-Tag eine auffällige Aufklärungsaktion vorbereitet und stellte auf dem Frankfurter Roßmarkt den alters- und behindertengerechten „Easybus 2.0" vor. „Als Selbsthilfeorganisation für Multiple Sklerose Erkrankte ist Teilhabe ein zentrales Anliegen. Dazu gehört selbstverständlich auch, dass Menschen, die wegen ihrer Einschränkung einen Rollstuhl oder einen Rollator nutzen, sich so selbständig wie möglich im öffentlichen Raum und Nahverkehr bewegen können. Doch nach wie vor ist ein Einstieg in viele öffentliche Verkehrsmittel für Mobilitätseingeschränkte mit großen und oft unüberwindbaren Hürden verbunden. Die Entwicklung des Easybusses ist der Schritt in die richtige Richtung hin zu einer inklusiveren Gesellschaft", sagte der Geschäftsführer der DMSG Hessen, Bernd Crusius, in seiner Begrüßung und betonte: „Ohne 2

Barrierefreiheit ist Teilhabe nicht möglich." Eine Ansicht, die Sören Schmidt teilt, Beauftragter für Menschen mit Behinderung der Stadt Frankfurt: „Barrierefreiheit und Inklusion gehören zusammen und haben in der Stadt Frankfurt einen hohen Stellenwert."

Welche Veränderungen am „Easybus" vorgenommen wurden, erläuterte Prof. Dr. Christian T. Haas (Direktor des Instituts für komplexe Systemforschung an der Hochschule Fresenius). Die neue Innenraumkonzeption des Busses geht auf eine Kooperation der Hochschule Fresenius mit DB Regio Bus und IVECO Bus zurück. Beim Umbau wurden sowohl bauliche Erfordernisse als auch psychologische Gesichtspunkte zur einfachen und sicheren Nutzung berücksichtigt. So ist beim „Easybus" die vordere Tür breiter als sonst, um einfacher mit Rollatoren zusteigen zu können. Eine breite Klapprampe an der Tür bietet noch zusätzliche Unterstützung beim Einstieg. Im Innenraum gibt es gesicherte Abstellplätze für Rollatoren, große Freiflächen für Rollstühle und E-Scooter, die durch Klappsitze zusätzlich variabel sind, sowie Halter für Krücken und erhöhte, mit Podesten unterbaute Sitze. Farbliche Markierungen erleichtern unsicheren Fahrgästen die Orientierung und weisen im zusätzlich verbreiterten Gang den Weg zum geeigneten Sitzplatz. Auch wurden die Sitze anders angeordnet: So findet sich im vorderen Bereich eine Dreier-Sitzgruppe, die es ermöglicht einen Rollator vor sich zu positionieren. Eine höhere Positionierung einzelner Sitze erleichtert das Hinsetzen und Aufstehen. „Durch diese Umbauten und Anpassungen konnten wir für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste, die mit dem Rollstuhl, Rollator oder Gehstöcken unterwegs sind, erhebliche Verbesserungen erzielen. Im Vergleich zu einem herkömmlichen Linienbus-Modell ist der Ein- und Ausstieg sowie das Einnehmen und Verlassen eines Sitzplatzes erheblich einfacher und gelingt mobilitätseingeschränkten Personen im Schnitt 20 Prozent schneller. Auch kleine Anpassungen wie die Ausrichtung der Sitze in Fahrtrichtung oder die Ermöglichung einer einfachen Kontaktaufnahme zum Fahrer tragen erheblich zum Sicherheitsempfinden bei", verdeutlichte Prof. Haas.

„Die im ‚Easybus‘ umgesetzten Ergebnisse der Studie sind mittlerweile als Ausstattungsvarianten für den Iveco Crossway Low Entry bei der Bestellung auswählbar und im Produktionsprozess verankert", erläuterte Jochen Grau (Marketing Bus bei Iveco Magirus AG) den aktuellen Status bezüglich der Fahrzeugkonfiguration. Guido Verhoefen, Leiter Marketing und Geschäftsentwicklung bei DB Regio Bus, sagte: „Als größter Busbetreiber in Deutschland ist für uns klar: Für viele Menschen bietet der Nahverkehr echte Lebensqualität, in dem sie mit uns eigenständig mobil bleiben. Das spornt uns an, unser Produkt gerade auch speziell für ältere und mobilitätseingeschränkte Bürger zu gestalten. Sei es für den Weg vom Seniorenheim zum Arzt oder zur nächsten Einkaufsmöglichkeit. Und die sehr positiven Rückmeldungen aus dem ersten Regelbetrieb des Easy Busses in Aschaffenburg und Passau geben uns recht."

Die in Frankfurt lebende MS-betroffene Autorin, Pädagogin und Supervisorin Claudia Hontschik betonte in ihrer kurzen Rede, die Wichtigkeit eines weltweiten Aktionstages, um auf die Lebenssituation von MS-Betroffenen aufmerksam zu machen und die Barrieren aufzuzeigen, „die uns immer wieder ausgrenzen. Ich möchte, dass all diese Barrieren verschwinden". Die Herausforderungen, denen sie sich als Rollstuhlfahrerin tagtäglich gegenüber sieht, ist auch Thema in ihrem 2018 erschienenen Buch „Frau C. hat MS", aus dem Claudia Hontschik anschließend im behindertengerechten Easybus vorlas.  

Um allerdings Forderungen nach Barrierefreiheit und Teilhabe deutlich Nachdruck zu verleihen und voranzutreiben, sei die Arbeit der DMSG Hessen von zentraler Bedeutung, betonte der Vorsitzende des Ärztlichen Beirats der DMSG Hessen, Prof. Dr. Björn Tackenberg. Die Begleitung und Betreuung eines MS-Patienten baue auf den Säulen Beratung, Selbsthilfe und medikamentöser Therapie auf. Zugleich hob der Neurologe die immensen Fortschritte in der medikamentösen Therapie von MS-Betroffenen in den letzten Jahren hervor, sodass das Ziel einer anti-entzündlichen Immuntherapie in greifbare Nähe rücke.

Zudem stellten sich auf dem Roßmarkt Selbsthilfegruppen aus Frankfurt sowie die Frankfurter MS-Beratungsstelle, die ihren Sitz in der Wittelsbacherallee 86 hat, an einem Infostand vor. Doris Althofen, Leiterin der Beratungsstelle, stand vor Ort für Fragen zur Verfügung. Auch konnten Interessierte an der am Infostand aufgebauten Fühlstraße Symptome von Multiple Sklerose nachempfinden, wie Gleichgewichtsprobleme, eingeschränkter Tastsinn, Taubheitsgefühle oder Sehstörungen.

www.dmsg-hessen.de

Das Spendenkonto der DMSG Hessen: Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE74 550 205 000 007 605 200, BIC: BFSWDE33MNZ