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Letzte Aktualisierung: 23.07.2019

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Wanderbienen auf Tour in Kriftel

Mit Rund- und den Schwänzeltanz kommunizieren die Bienen

von Adolf Albus

(10.05.2019) Er ist neu, bunt und transportiert drei Völker: der in der Raiffeisenstraße in der Nähe von Friedhof und Elisabethenstraße abgestellte Bienenwagen. Wer davor steht, bekommt es erst einmal mit der Angst zu tun.

Foto: van de Loo
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Nicht vor den munteren Nützlingen, die hier kreuz und quer um ihr mobiles Zuhause schwärmen, sondern vor ihren Feinden. Die werden nämlich in einer Art Comic auf der Vorderseite aufgezählt. Da geht es Bienen an den Kragen: Hornissen und Vögel schnappen in der Luft nach ihnen, Waschbären stehlen ihren Honig. Als schlimmster Feind gilt die seit den 70er Jahren bekannte Varroamilbe, die ganze Bienenvölker auslöschen kann.

Bei so vielen Feinden ist es gut zu wissen, dass sie auch zahlreiche Freunde hat. Sie standen am Sonntag, den 5. Mai, am Bienenwagen in Kriftel: allen voran Imker Andreas Wolf von der Künstlergruppe „finger“ und der Erste Beigeordnete Franz Jirasek, der das Projekt unterstützt. Und auch viele Krifteler, darunter Familien mit Kindern, schauten im Laufe des Nachmittags vorbei, um beim Infotag die geöffneten Bienenkästen in Augenschein nehmen und viel Wissenswertes über Bienen zu erfahren.

Hintergrund: Die Wanderbienen des Regionalparks RheinMain sind zurzeit wieder auf großer Fahrt. Diesmal sind fünf Bienenwagen mit insgesamt mehr als 600.000 Bienen an verschiedenen Stationen im Rhein-Main-Gebiet anzutreffen. Bereits zum zweiten Mal besuchen die Regionalpark-Wanderbienen auf ihrer Reise entlang der Regionalpark-Rundroute Kriftel. „Kaum angekommen, schwärmen sie aus, um die nähere Umgebung zu erkunden, Gerüche und Informationen zu sondieren“, erläutert Andreas Wolf, der das Projekt mit Florian Haas ins Leben gerufen hat.

 

Bienen können tanzen

Er erläuterte den interessierten Kriftelern: „Sind die Bienen mit dem wegen seiner vielen Streuobstbäume idealen Standort vertraut, fangen sie an zu tanzen. Es ist tatsächlich so“, führt Imker Wolf aus. „Sammelbienen teilen ihren Stockgenossinnen durch Tänze mit, wo sie Nahrung gefunden haben“. Die Zuhörer erfahren, dass der Bienentanz bereits von Aristoteles (384-322 vor Christus) beschrieben wurde. Wolf: „Entschlüsselt wurde er von dem Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Karl von Frisch im frühen 20. Jahrhundert.“ Es gibt zwei Tanzformen, den Rundtanz und den Schwänzeltanz. Bienen kommunizieren so mit ihresgleichen. „Wenn sie reden könnten, würden sie sich sicher über unsere industrielle Landwirtschaft beschweren“, so Wolf. Sie sei eigentlich der größte Feind der Bienen. „Monokulturen und Pestizide sorgen für ein Insektensterben, mittlerweile sind 75Prozent der Arten bedroht.“

 

Stadtluft macht frei

Aber es gab auch Gutes zu berichten. Denn mittlerweile ziehe es die Bienen in die Städte. Ihren Nektar holen sich die Bienen auf Balkonen, in begrünten Innenhöfen, von benachbarten Schrebergärten oder aus dem nahegelegenen Stadtpark. Mit der Großstadt seien die Tiere vertraut. Unbeirrt vom Verkehrslärm flögen sie ihre Futterplätze an. Das Angebot sei reichhaltig: „Es gibt kaum einen besseren Ort als die Stadt, um Bienen zu halten“, sagt Wolf. Und er muss es wissen. Hat er doch mit seiner Künstlergruppe „finger“ schon seit zehn Jahren Bienenvölker auf Dächern von Hochhäusern und Museen mit Erfolg angesiedelt.

 

Zweibeiner helfen Sechsbeinern

Vier Wochen sind  drei Völker mit 70.000 fleißigen Einwohnern pro Stock in Kriftel noch zu Gange. Die Betrachter stehen davor und fragen sich: Sind unsere Insekten noch zu retten? Wie können wir Gärten und Landschaft für Insekten attraktiver gestalten? Diese Fragen werden auch auf dem zweiten Insektenfestival im Regionalparkportal Weilbacher Kiesgruben am 19. Mai (13 bis 17 Uhr) beantwortet.

„Es ist gut, dass wir etwas für die Bienen tun. Gerade vor dem Hintergrund des Bienensterbens ist dies ein wichtiges Projekt“, betont Franz Jirasek. In Kriftel würden beispielswiese Nester mit Erdbienen in Ruhe gelassen. Die friedliche Koexistenz mit den Völkern und frühe Aufklärung über die Notsituation der Bienen sei ein guter Weg, bereits Kinder für diese Problematik zu sensibilisieren. Jeder könne etwas tun. Ein Bienenhotel im Garten aufstellen zum Beispiel. Damit die Brummer weiter summen. Alexander van de Loo

 

Infokasten: Künstlergruppe FINGER

Die seit den 90er Jahren international agierende "gruppe finger" hat ihren Ursprung und permanenten Sitz in Frankfurt am Main. Ein breiteres Publikum konnte die Arbeitsweise der Gruppe 2002 während der Manifesta 4 in Frankfurt kennenlernen, in deren Rahmen finger das Projekt "evolutionäre zellen" präsentierte. Seither hat die Gruppe neben ihren internationalen Projekten und Ausstellungen auch im Rhein-Main-Gebiet längerfristige und permanente Projekte angesiedelt.

Die Künstlergruppe "finger" zeichnet sich seit 2007 durch ihre ganz eigene Vorgehensweise aus, die die Lebenswelt staatenbildender Insekten, der Honigbienen, in Analogie zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und Themen setzt.

Ausgangspunkt und Heimatflughafen ihrer Aktivitäten ist seit 2008 das Dach des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt am Main, auf dem eine öffentlich zugängliche, künstlerische Installation angesiedelt ist, in der etwa so viele Bienen leben, wie Frankfurt Einwohner hat.

Mehr zu dem Projekt unter www.wanderbienen.de