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Letzte Aktualisierung: 30.11.2021

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Von einer, die zum Ungehorsam aufruft

Karin Storch und ihr Blick auf Frankfurt während der 68er-Bewegung

von Amt für Kommuniksation und Stadtmarketing Frankfurt

(29.01.2018) Die junge Frankfurterin Karin Storch wird mit der Theodor-Heuss-Medaille geehrt. Sie erhält die Auszeichnung für ihre Abiturrede an der Elisabethenschule – zum Schuljahresende 1967 hatte Storch auf die Missstände der demokratischen Erziehung hingewiesen.

Karin Storch
Foto: ZDF Karsten Bänsch
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Tief erschüttert vom Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der wenige Tage zuvor bei einer Demonstration gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi in West-Berlin von einem Polizisten erschossen worden war, hoffte Karin Storch bei ihrer Abiturfeier „um Verständnis für das, was ich jetzt zu tun versuche: Kritisch denken, indem ich verantwortlich rede über das Thema ‚Erziehung zum Ungehorsam an einer demokratischen Schule‘“.

In ihrer Rede stellte sie fünf Fragen: Warum werden uniformierte Staatsdiener zur Knüppelgarde? Warum gehen die Berliner Vorfälle unsere Schulen etwas an? Wo liegen die Grundlagen der Erziehung zum Ungehorsam? Wird dieser Ungehorsam gelehrt – Wie sieht die Schulwirklichkeit aus? Wie sehen die Forderungen für die Zukunft aus?

Karin Storch wurde Journalistin, arbeitete Jahrzehnte lang für das ZDF, unter anderem als Auslandskorrespondentin. Heute lebt sie in Potsdam und hält sich oft in Italien auf. Im Sommer letzten Jahres hat sie an einer islamischen Hochschule in Indonesien im Namen von „Senior Experten Service“ ehrenamtlich Grundlagen für ein Stadtfernsehen vermittelt.

Das Amt für Kommunikation und Stadtmarketing Frankfurt hat Karin Storch anlässlich des Jubiläums der 68er-Bewegung Fragen gestellt – diesmal sind es sechs:

Warum geht uns 1968 heute noch etwas an?
Seit den sechziger Jahren hat es in der Bundesrepublik keine nennenswerten Schüler- oder Studentenunruhen mehr gegeben. Dabei gäbe es wirklich Anlass, die Welt, das Umfeld und Frankfurt zu verbessern.

Ist Erziehung zum Ungehorsam 2018 immer noch ein Auftrag der Schule?
Die Schule bildet die Bürger von morgen aus. Das Wahlrecht ist von 21 Jahren zu meiner Zeit auf 18 herabgesetzt worden, 17-Jährige melden sich zur Berufsarmee. Gemeinschafts-, Sozial-, Gesellschaftskunde, wie immer man es etikettieren mag, kann nicht früh genug beginnen. Soziale Netzwerke benötigen Wegweiser. Politische Bildung sollte man nicht jedem überlassen, der ein Handy besitzt und ein Video hochladen kann.

Wie ungehorsam waren Sie? Und sind es noch?
Brav war ich, gemessen an dem, was ich im Leben an politischem Engagement in manch anderen Ländern gesehen habe. Mit Folter und Gefängnis musste ich nie rechnen. Ich habe das Glück, in einer Demokratie zu leben. Ungehorsam hat sich bei mir in Misstrauen verwandelt, in Hinterfragen. Verlautbarungen zu ignorieren, das gehörte zu meinem Beruf als Journalistin.

Wie haben Sie 1968 in Frankfurt erlebt?
Frankfurt 1968 war eine Stadt des Aufbruchs und Abbruchs, der Hausbesetzungen, des Umdenkens, auch des Neu-Sprechs (Horkheimer, Adorno, Habermas und andere an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Anm. d. Red.). Ernsthaft zum Studieren kam ich nicht, da es unzählige Sit-ins, Teach-ins, Demonstrationen gab. Wir versuchten beispielsweise immer wieder die Auslieferung der BILD-Zeitung durch Sitzblockaden zu verhindern, als diese von einem Frankfurter Verlagshaus gedruckt wurde. Springer war der Buhmann. Die Stadt setzte Wasserwerfer und Polizisten mit Schlagstöcken ein. Zwei Lager standen und saßen sich ziemlich unversöhnlich gegenüber.

Ist Frankfurt ein Ort des Ungehorsam, beziehungsweise warum war ausgerechnet Frankfurt neben Berlin Hauptschauplatz der 68er Bewegung?
Frankfurt hatte die „Frankfurter Schule“. Kritische Theorie war die Leitlinie. Professoren der Soziologie und der Politikwissenschaften an der Goethe-Uni beeinflussten die Studierenden damals mehr, als diese sich eingestanden haben mögen. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund SDS, Männer wie Daniel Cohn-Bendit, diskutierten Tag und Nacht in Bockenheim über die beste Ausrichtung der Gesellschaft. In Frankfurt gab es zudem ein gesellschaftspolitisch orientiertes Verlagswesen (Fischer, später 2001) und eine muntere, vielfältige Presse: Die Frankfurter Neue Presse, die Frankfurter Rundschau, die Frankfurter Allgemeine, Abendausgaben, dazu die BILD. Und, ganz wichtig; Magazine wie Pardon, mit 320.000 Exemplaren Auflage mal die größte satirische Zeitschrift Europas, dann noch die Titanic. Alle legten Finger in Wunden, übten politischen Einfluss aus.

Was würden Sie den heutigen Abiturienten mit auf den Weg geben?
Wie vor fünfzig Jahren: André Gide: Seid Salz, nicht das Öl im Getriebe der Welt. Muckt auf, demonstriert vor dem Außenministerium in Berlin, wenn Euch die Panzerlieferungen an die Türkei empören, geht auf den Römer, wenn Euch die Ausländerpolitik der Stadt nicht passt.

Information: Die Theodor-Heuss-Medaille wird seit 1965 jährlich von der gleichnamigen Stiftung vergeben. Preisträger 2017 sind: Patrick Dahlemann, Aslı Erdoğan, Dunja Hayali und Marcus da Gloria Martins.