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Letzte Aktualisierung: 22.05.2019

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So schön ist Thessaloniki

Antike Stadt mit pulsierendem Leben

von Karin Willen

(10.05.2019) Das Herz der Hafenstadt Thessaloniki liegt am Meer und erschließt sich am besten im Fluss des griechischen Flanierens – der Volta. Neuerdings muss man aber aufpassen, dass man nicht mit Tretrollern kollidiert.

Bildergalerie
Scharnier zwischen Wasser und Burg in Thessaloniki: Aristotelesstraße
Foto: Karin Willen
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Die neue Fortbewegung zwischen dem Weißen Turm und dem Hafen: Miet-Tretroller
Foto: Karin Willen
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Hier wohnte Kemal Atatürk: Traditionelles Haus in der Oberstadt
Foto: Karin Willen
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Pole Position auf 500 Jahr osmanischer Geschichte: Kafenio mit Blick auf Atatürks Haus
Foto: Karin Willen
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Man muss wohl in einer antiken Stadt wohnen, um von seiner vergleichsweise jungen Art déco-Meeresmeile so gar kein Aufhebens zu machen: Fast so viele stylische Häuser aus dem frühen 20. Jahrhundert wie am berühmten Ocean Drive in Miami Beach reihen sich am Leoforos Nikis. Gut, die Gebäude sind nicht so bonbonfarben verputzt und mit ausdrucksstarken „Augenbrauen" versehen wie in Florida, auch nicht so elegant floral ornamentiert wie in Paris, aber dafür hat man von ihnen aus einen wunderbaren Blick über den Thermaischen Golf bis hin zum Olymp in der Ferne – vor allem aber pulst in ihnen das ganz normale urbane Leben.

Der Weg führt ins Kafenio

In fast jedem zweiten Gebäude zwischen dem Weißen Turm und dem Hafen gibt es im Erdgeschoss oder im ersten Stock ein Kafenio, eine Ouzeria, eine Bar oder ein Restaurant, aus denen temperamentvolle griechische Satzfetzen schallen. Und abends ab 17 Uhr, wenn ganz Saloniki, wie Einheimische ihre Stadt nennen, unterwegs auf der abendlichen Volta ist, gibt der gemächliche Strom der Spaziergänger das Tempo vor. Das Ziel dieses gemeinschaftlichen Schlenderns ist meist ein tavernenblauer Stuhl oder eine bequemere Gasthaussitzgelegenheit, auf der man weiter tut, was man vorher flanierend getan hat: palavern, schauen und beschaut werden.

Neuerdings ist das Flanieren aber nicht mehr ganz so entspannt und ungefährlich wie früher. Auf dem Gehweg am Kai markieren zwei gelbe Streifen die Flitzerzone. Ganz schnelle Zeitgenossen bahnen sich da ihren Weg mit elektrischen Leihrollern der US-Firma Lime, die sie an jeder Ecke für Kleingeld mieten können. Die Elektro-Tretroller sind der Renner in Saloniki.

Malerische Lage

Die Stadt mit der malerischen Lage in der Nordägäis ist eine Millionenmetropole und dank der größten griechischen Universität eine lebendige kosmopolitische Studentenstadt. Warum sie ein fast geschlossenes Art déco-Ensemble an der Uferstraße und weitere dekorative Gebäude aus dieser Zeit an anderen Plätzen hat? Ganz einfach: Nach einem verheerenden Brand 1917, der vor allem die Viertel um den Hafen in Schutt und Asche gelegt hatte, musste wiederaufgebaut werden. Und das tat man im modernen Stil der Zeit.

Der Hauptstrom der schlendernden Spaziergänger endet am zentralen Aristoteles-Platz, jenen schicken, von Rundbögen gesäumten Arkaden mit Cafés, Geschäften und Restaurants, wo die Apartments unbezahlbar sein sollen. Und schon ist man der Antike ganz nahe. Der ovale Platz mit der überlebensgroßen Statue des großen Philosophen verbindet die Uferstraße über die Fußgängerzone Aristotelesstraße mit den Resten des einstigen römischen Marktes Forum Romanum, der im 4. Jahrhundert Thessalonikis Zentrum war. Die von gesichtslosen Plattenbauten eingerahmten Katakomben und Torbögen aus dem 2. Jahrhundert wurden 1966 bei Abrissarbeiten entdeckt.

Von der Antike bis heute

Es gibt außerordentlich viel Geschichtliches zu entdecken beim Bummeln. Darunter auch die gut erhaltene Rotunda des Kaisers Galerius und sein Triumphbogen. Der kolossale Rundbau, nur mit dem Pantheon in Rom vergleichbar, wurde 380 unter Theodosius in eine Kirche transformiert und ist damit eines der ältesten erhaltenen Gotteshäuser der Christenheit. Während der osmanischen Zeit wurde er dann als Moschee genutzt. Heute ist das Gebäude ein Museum.

Griechenlands zweitgrößte Stadt hat sich von der fast dörflichen Oberstadt Ano Polis im Norden immer weiter hinunter ausgebreitet bis ans Ufer und dabei immer wieder die Geschichte überbaut. Das kann man ganz eindrücklich erfahren, wenn man oben vom Trigonion-Turm entlang der byzantinischen Stadtmauer Richtung Ägäis spaziert. So labyrinthisch die gepflasterten Gassen auf dem Oberstadthügel sind, so klar planvoll rechteckig gegliedert verlaufen die Straßenzüge der weißen Stadt, die seit der Römerzeit entstanden, weiter unten Richtung Meer. In der Oberstadt, in der Apostel-Paulus-Straße, wohnte übrigens der Gründer der modernen Türkei, Kemal Atatürk. Das Haus ist heute ein Museum und das türkische Konsulat. Dort zeigen ganze Straßenzüge noch anschaulich, dass Makedonien 500 Jahre lang unter osmanischer Herrschaft stand.

Frappé ist Kult

Unter dem bronzenen Aristoteles auf dem gleichnamigen Platz wird klar, dass die modernen Griechen kalten Kaffee lieben; auch am Abend muss es nicht immer Ouzo oder Wein sein. Thessaloniki ist Frapedoupoli, Frappéstadt. Tatsächlich steht vor vielen Gaststätten ein Café Frappé auf dem Tisch. Das aufgeschäumte kalte Getränk aus sprühgetrocknetem grobkörnigen Kaffee mit Eiswürfeln wurde 1957 in Thessaloniki auf der Herbstmesse von einem Nescafé-Liebhaber entdeckt. Weil gerade kein heißes Wasser da war, lieh er sich einen Schoko-Shaker, um sein Instantkaffeepulver mit kaltem Wasser zu verbinden. Voilà: die Urform des Café Frappé. Selbst im Winter, wenn es in Nordgriechenland ungemütlich feuchtkalt werden kann, bevorzugen viele kalten aufgeschäumten Kaffee, im Sommer genießen sie ihn auch gern mit Eiskugeln.

Aber auch hier gehen die Wurzeln wie in der Architektur deutlich tiefer. Die Kafenio-Kultur auf den bastbezogenen Holzstühlen und runden Blechtischen hat dem schaumigen Kult um den kalten Kaffee Jahrhunderte voraus. Seit alters sind Kaffeehäuser in Griechenland Mittelpunkte des sozialen Lebens. Man trinkt Kaffee, Ouzo, Retsina oder den geharzten Tresterschnaps Tsipouri, isst ein paar Appetithäppchen von der Meze, während man sitzt, sinniert, Backgammon spielt, die Katzen um die Beine streichen lässt und Neuigkeiten austauscht. Bis man heute unten am Hafen an den Tisch kommt, sollte man allerdings nicht zu sehr ins Gespräch vertieft sein und dabei unbemerkt die weiße Linie überqueren. Denn so schnell können die Tretrollerfahrer ihre Handbremse gar nicht ziehen im

Informationen:

ANREISE

Das Star Alliance Mitglied Aegean Airlines fliegt von Frankfurt in etwa zwei Stunden direkt und nonstop nach Thessaloniki.

UNTERKUNFT

Im idealen Abstand zur pulsierenden Stadt liegt etwa eine Stunde entfernt das Miraggio Thermal Spa Resort an der Spitze der Halbinsel Kassandra direkt am Meer mit Blick auf den Berg Athos. Das 14 Hektar große Resort in Form eines Amphitheaters liegt an einem schönen Abhang in einer der unberührtesten und am wenigsten erschlossenen Gegenden in Griechenlands Norden. Man kann am Strand unter Palmen im Thermalbad schwimmen, falls einem das türkisblaue Mittelmeer zu kalt sein sollte. Der große Thermal-Spa im Gebäude hat sich unter anderem auf antike Baderituale und Massagen spezialisiert. Vom Yachthafen aus führen Boote in einen traumhaften Sonnenuntergang.

AUSKÜNFTE

Griechische Zentrale für Fremdenverkehr
Holzgraben 31
60313 Frankfurt am Main
Tel. 069-257827-0