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Letzte Aktualisierung: 19.04.2024

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Politik, kinderleicht serviert

Buchempfehlung: Durchs irre Germanistan

von Norbert Dörholt

(26.01.2024) Der Titel des Buches verrät schon Einiges: „Durchs irre Germanistan – Notizen aus der Ampel-Republik“. Geschrieben haben es zwei renommierte Autoren, Henryk M. Broder und Reinhard Mohr. Man könnte es auch „Von der Ideologie zur Idiotie“ titeln. Wir hatten in Frankfurt-Live schon auf dieses „Muss“ auf dem deutschen Büchermarkt hingewiesen, wollen aber noch ein wenig länger dabei verweilen und in loser Folge Textauszüge veröffentlichen, weil es gar so schön geschrieben ist.

Bei der Lektüre dieses Buches schwankt man zwischen Entsetzen und, Dank dem Humor der Autoren, Amüsement.
Foto: Foto: Europa-Verlag München
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Die jeweiligen Kapitel über Personen und Zustände sind kurz gefasst und die Texte mit einem kräftigen Schuss Humor gewürzt. „Leider gehört auch Humor zur Mangelware in der Ampel-Republik, denn Ironie passt nicht zur woken, politisch korrekten, achtsamen, diversen und nachhaltigen Gesellschaft, die niemanden zurücklassen will und eben deshalb nicht vorwärtskommt“, haben die Autoren selbst zum Thema Humor angemerkt.

Als Leseprobe haben wir das Thema „Politik, kinderleicht serviert“ ausgesucht, köstlich geschrieben, obwohl einem manchmal das Lachen im Hals stecken bleibt:

„Am Anfang war der »Wumms«, dem alsbald der »Doppel-Wumms« folgte. Es fehlten nur noch »Peng, Peng« und »Krawumm« – Loriots »Krawehl, Krawehl!« ist nur was für feuilletonistische Feinschmecker. Sprachliche Holzklötzchen, die eine Stärke signalisieren sollen, die die eigene Autorität nicht hergibt. Man kennt das vom Schulhof, wenn die »Halbstarken« von heute, die man keinesfalls »kleine Paschas« nennen sollte, sich »Respekt!« verschaffen wollen nach dem Motto: »Hast du Problem?! Kriegst du Problem!«

Wie von selbst schlossen sich Gaspreisbremse, Mietendeckel und Rettungsschirme aller Art an. Bremse, Deckel, Schirm – darunter können sich auch Achtjährige etwas Handfestes vorstellen. Und klar, in der bunten Bullerbü-Republik wird niemand zurückgelassen, schon gar nicht Kinder, der Reichtum unserer Zukunft, die wir von ihnen ja nur geleast haben: Bremse angezogen, Deckel drauf und Schirm darüber. Misslich nur, dass inzwischen ein Großteil der Kleinen nicht mehr richtig lesen und schreiben lernt und viele ohne jeden Abschluss die Schule verlassen. »Dass die Kindernachrichtensendung Logo vor allem von Erwachsenen gesehen wird, spricht Bände«, stellte der ehemalige ZDF-Chefredakteur Peter Frey jüngst nüchtern fest.

Ob da des Kanzlers Lieblingswort vom »Unterhaken« hilft? Es stammt zwar aus Zeiten der alten Arbeiterbewegung, als die Männer noch Schwielen an den Händen hatten und zu Bier und Korn filterlose Zigaretten rauchten, liefert aber immer noch ein ebenso einfaches wie eindrückliches Bild von »Solidarität«: Gemeinsam schaffen wir das. Das Problem besteht jedoch darin, dass die Lebenswelten der verschiedenen sozialen Schichten so weit auseinanderliegen, dass selbst der stärkste Arm den des Schwächeren gar nicht erreichen kann, weil der in einem ganz anderen Stadtteil wohnt und sich kein Lastenfahrrad Babboe City-E für 3349 Euro leisten kann, um den kleinen Paul-Matteo zum Yoga-Unterricht zu bringen.

Kostenfrei dagegen ist die unmittelbar kindgerechte Ansprache auf dem »Regenbogenportal« des Bundesfamilienministeriums. Dort werden die lieben Bürgerinnen und Bürger nach Art der Sendung mit der Maus mit den großen Fragen unserer Zeit konfrontiert, allen voran mit dieser: »Bin ich transgeschlechtlich?«

Wer sonst außer der Bundesregierung sollte da Bescheid wissen. Mehr noch: Sie fühlt in erster Person mit: »Woher weiß ich das? Nimm dir Zeit. Probiere es aus. Fühlst du dich als Mädchen wohler? Oder fühlst du dich als Junge wohler? Wichtig ist: Es soll dir jetzt gut gehen. Wie du in zehn Jahren leben wirst, ist egal. Als Mann? Als Frau? Das musst du im Moment noch nicht entscheiden. Muss ich entweder Junge oder Mädchen sein? Nein, du musst dich nicht entscheiden. Viele Menschen sind nicht nur Mann. Und nicht nur Frau. Man kann beides sein.«

Das ist das Schöne an dieser Ampel-Politik: Man muss sich nicht entscheiden, man kann alles sein und alles wollen: gutes Klima, gute Arbeit, gute Löhne, gutes Essen, gutes Leben und ein gutes Gefühl, wenn man sich bei der Geschlechtszugehörigkeit nicht festlegen muss. Wie im Swingerklub: alles kann, nichts muss. Das einzige Problem ist die Wirklichkeit, wo die Dinge unschön aufeinandertreffen.

Dann allerdings kann man immer noch »ein Zeichen setzen« und eine »tragfähige Lösung« finden, die auch das Rentensystem »zukunftsfest« macht, während der »Hochlauf der Elektromobilität« schon in trockenen Tüchern ist (ganz schlechtes Sprachbild!), ein Musterfall der »Freiheitsenergien«, mit der Deutschland den »menschengemachten Klimawandel« praktisch im Alleingang »aufhalten« will. Dabei »leisten wir schon enorm viel«, wobei »deutlich gemacht« werden muss, dass wir »mehr Geld in die Hand nehmen müssen«, um die »Menschen draußen mitzunehmen«, und das natürlich im rasanten »neuen Deutschland-Tempo«, wie der Kanzler auch nach einem 49 Stunden lang tagenden Koalitionsausschuss nicht müde wird zu betonen, was uns daran erinnert, dass er die grandios gescheiterte Kollegin Lambrecht nach einem quälend langen Jahr voll irritierender Peinlichkeiten noch kurz vor ihrem Rücktritt als »erstklassige Verteidigungsministerin« bezeichnet hatte.

Wir sehen: Loriot lebt! Unvergänglich seine legendäre Bundestagsrede, die im Kern die zentralen Grundsätze politischer Rhetorik in Germanistan ungeschminkt und schonungslos auf den Punkt bringt:

»Meine Damen und Herren! Politik bedeutet, und davon sollte man ausgehen, das ist doch, ohne darum herumzureden, in Anbetracht der Situation, in der wir uns befinden. Ich kann meinen politischen Standpunkt in wenigen Worten zusammenfassen: erstens das Selbstverständnis unter der Voraussetzung, zweitens, und das ist es, was wir unseren Wählern schuldig sind, drittens die konzentrierte Beinhaltung als Kernstück eines zukunftweisenden Parteiprogramms.« Wer braucht da noch eine Zeitenwende?“

Um wen handelt es sich nun bei den Autoren? Sie waren schon vor ihrem Buch, ein Spiegel-Bestseller, keine Unbekannten. Der eine heißt Henryk M. Broder, Jahrgang 1948, geboren in Katowice/Polen, Abitur und Führerschein in Köln. Autor für St. Pauli Nachrichten, Spiegel, profil, Zeit, Weltwoche, FR, FAZ, SZ und andere Mainstream-Medien. Seit 2011 Reporter bei der WELT-Gruppe. Henryk M. Broder hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und ist Gründer und Mitherausgeber des Autorenblogs achgut.com „Achse des Guten“. Er lebt in Augsburg, Berlin und Franzensbad.

Der andere Autor ist Reinhard Mohr, Jahrgang 1955. Er studierte Soziologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main und arbeitete u.a. für die taz und die FAZ, den Spiegel und den Stern. Im Europa Verlag erschien 2021 sein Buch „Deutschland zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung“. Reinhard Mohr lebt in Berlin Prenzlauer Berg und schreibt als freier Journalist vor allem für Welt am Sonntag und NZZ.

Und hier noch eine erfreuliche Neuigkeit zum Abschluss: Die um zehn neue Texte erweiterte vierte Auflage des Buches ist diese Woche in den Hande gekommen. („Durchs irre Germanistan – Notizen aus der Ampel-Republik“, ISBN-Nummer lautet 978-3-95890-593-1, 20 Euro)