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Letzte Aktualisierung: 18.04.2019

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Oberbürgermeister Feldmann: ‚Paulskirche wird unter Wert verkauft‘

Bürgerdialog über Demokratie-Monument soll Mitte des Jahres beginnen

von Ilse Romahn

(04.02.2019) „Die Paulskirche steht für den Freiheitswillen der Bürger dieser Stadt und dieses Landes“, sagt Oberbürgermeister Peter Feldmann. „Sie definiert Frankfurt und wie die Frankfurterinnen und Frankfurter denken.“

Das Bauwerk im Herzen der Stadt sei ein großartiges Symbol der deutschen Demokratie und nationalen Einheit. „Es ist unsere Geschichte, auf die man stolz sein kann. Doch im Vergleich zu anderen Ländern gehen wir mit dem großen Symbol Paulskirche sehr bescheiden um, wir verkaufen sie unter Wert.“

Mitte des Jahres soll daher ein Bürgerdialog über die Geschichte und Zukunft der Paulskirche initiiert werden. In Frankfurts Partnerstadt Philadelphia zelebriere man den Ursprung der amerikanischen Demokratie und Unabhängigkeit regelrecht: „Jedes US-amerikanische Schulkind erfährt von dieser Geschichte hautnah“, sagt das Stadtoberhaupt. In Frankfurt sei die Paulskirche dagegen in einem Dornröschenschlaf. „Es gibt Bürgerinnen und Bürger, die ein Demokratiezentrum in der Paulskirche oder in ihrer direkten Nachbarschaft fordern. Darüber sollten wir sprechen. Ein solches Demokratiezentrum wäre eine große Chance, die Paulskirche endlich wieder von der lokalen auf die nationale Bühne zu bringen“, erklärt Feldmann. Gerade in Zeiten wieder erstarkenden Rechtspopulismus sei eine bundesweite Debatte über demokratische Werte und Prinzipien wichtig.

Der Bürgerdialog beginne vor dem Hintergrund, dass das Gebäude der Paulskirche an einigen Stellen in den kommenden Jahren saniert werden muss. Zugleich steht 2023 ein besonderes Jahr an: Dann jährt sich die Revolution von 1848 zum 175. Mal.

„Wir müssen die Paulskirche wieder stärker in den Mittelpunkt unserer Stadt, aber auch unseres Landes stellen. Aus Geschichte zu lernen, heißt, für die Zukunft besser gewappnet zu sein.“ Dazu gehöre auch, die Paulskirche mehr zu öffnen und wieder zu einem Ort der Diskussion zu machen. „Ich würde mir wünschen, dass auch in der Paulskirche das Engagement und die Internationalität unserer Stadt sichtbar werden“, sagt der Oberbürgermeister.

Zur Paulskirche
Die Paulskirche war von 1848 bis 1849 Sitz der Frankfurter Nationalversammlung. Der Kirchenbau war 1833 eingeweiht worden, das Parlament bediente sich ihm als damals größtem und modernstem Versammlungsraum. Dafür wurden schwarz-rot-goldene Fahnen an Wände und Fenster gehängt, die Orgel verdeckt. Am 18. Mai 1848 trat die Nationalversammlung erstmals zusammen, bald darauf wurde Johann von Österreich das erste parlamentarisch gewählte Staatsoberhaupt Deutschlands. Die junge Demokratie blieb nicht von Dauer, nein: Sie scheiterte. Aber sie blieb bis heute im kollektiven Gedächtnis. John F. Kennedy sagte am 25. Juni 1963 in der Paulskirche: „Keine parlamentarische Versammlung hat jemals größere Anstrengungen unternommen, etwas Vollkommenes ins Werk zu setzen. Und obwohl ihre Bemühungen scheiterten, kann kein anderes Gebäude in Deutschland begründeten Anspruch auf den Ehrentitel ‚Wiege der deutschen Demokratie‘ erheben.“

1944 wurde die Paulskirche komplett zerstört. Ihr Neuaufbau begann kurz nach Kriegsende. Eingeweiht wurde sie am 18. Mai 1948 anlässlich der Hundertjahrfeier der Deutschen Nationalversammlung. Seitdem dient sie ausschließlich als Ort der Erinnerung an den Beginn der deutschen Demokratie.

Von 1988 bis 1991 wurde die Paulskirche renoviert. 1991 wurde im Untergeschoss das kolossale Wandgemälde „Der Zug der Volksvertreter zur Paulskirche“ des Berliner Malers Johannes Grützke feierlich enthüllt. Eine Dauerausstellung zeigt die Entwicklung der deutschen Einheit und Demokratie in ihren wechselvollen Stationen. Der Versammlungssaal im Obergeschoss ist staatlichen oder städtischen Veranstaltungen vorbehalten – der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und der Goethepreis der Stadt Frankfurt werden an diesem historischen Ort verliehen. (ffm)