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Letzte Aktualisierung: 10.12.2018

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Mystische Unterwelt in den Ardennen

Die Grotte de Han im UNESCO Geopark Famenne-Ardennen in Belgien

von Karin Willen

(21.11.2018) Sie dienten als Unterschlupf vor Unwettern, als Verstecke vor Feinden, als Kartausen für Eremiten und vorchristliche Weihestätten: Grotten und Höhlen. Ihr Baumeister ist die Natur – wie in der Grotte de Han.

Bildergalerie
Im Reich der Stalagmiten und Stalagtiten: die Grotte de Han in den belgischen Ardennen
Foto: Karin Willen
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Fluss untertage: Die Lesse hat sich über Jahrmillionen durchs Gebirge gefräst
Foto: Karin Willen
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Bunte Phantasie an Felswand: Ton-und Lichtshow untertage
Foto: Karin Willen
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Touristen erschnuppern: Bär im Gehege des Wildparks
Foto: Karin Willen
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Über Jahrmillionen schaffte die Natur in den Ardennen wahre unterirdische Wunderwelten. Seit über hundert Jahren sind sie in der Grotte de Han im UNESCO Geopark Famenne-Ardenne in Südbelgien zu besichtigen. Im Winter kann man sich dort bei 13 Grad Celsius fast sogar aufwärmen.

Noch in der Eiszeit floss das Flüsschen Lesse in Südbelgien um das Kalksteinmassiv von Boine herum. Warum der Nebenfluss der Maas dann seine Richtung wechselte, durch ein Loch im Berg verschwand und nach 14 Kilometern an der anderen Seite wieder heraustrat, weiß kein Mensch. Herausgekommen ist jedenfalls eine der attraktivsten Tropfsteinhöhlen Europas: die Grotte von Han-sur-Lesse in der Gemeinde Rochefort.

Das Wasser drang bis in die ältesten Schichten der Erdgeschichte ein. Das zeigen heute 400 Millionen Jahre alte versteinerte Muscheln an manchen Wänden der Grotte. Das Höhlensystem selbst ist eine Folge der Erosion des vor 360 Millionen Jahren entstandenen Kalkgesteins. Das stetig eindringende Wasser löste die Kalklagen auf. Zusammen mit mechanischen Verwerfungen und Einbrüchen entstanden so Höhlen und Gänge. Bizarre und formenreiche Stalagmiten und Stalagtiten wuchsen als Ablagerungen gelösten Kalkgesteins.

Phantasie anregende Unterwelt

Seit 1857 wird die Höhle für den Tourismus erschlossen. Jüngste Neuerung ist eine Licht- und Tonshow, die die Geschichte der Höhle in opulenten bunten Bildern erzählt. Die Show steht fast am Ende des zwei Kilometer langen Ganges durch die Phantasie anregende Unterwelt. 17 Kilometer davon sind bislang erforscht.

Der Weg führt unter gewaltigen „Draperien“ – steinerne Vorhänge – mit mehr als zwei Metern Höhe entlang, vorbei an filigranen Tropfsteinsäulen, deren größte – das „Minarett“ – 12.000 Jahre für seine mehr als fünf Meter brauchte. An manchen Abschnitten spiegeln sich weiß schimmernde Stalagmitengruppen im Flüsschen als begänne hier das kalte Reich der Eiskönigin. Dabei hat die vertikale Höhle überall und zu jeder Jahreszeit 13 Grad Celsius. Die größte ihrer Hallen ist stolze 62 Meter hoch.

Faszination untertage

Wer durch die LED-illuminierten vielfältigen Formen und Farben der Gesteine und ihrer Spiegelungen im Wasser noch nicht verzaubert worden ist, wird spätestens im sogenannten „Waffensaal“ von der Faszination untertage eingeholt. Dort hat der Event-Designer Luc Petit mittels Video-Mapping und Laser eine phantasiereiche, musikuntermalte Show an die Wände projiziert, deren Bilder die Geschichte der Höhle erzählen – so weit wir sie bis jetzt kennen.

Am Ende der Besichtigung geht es auf einer großen Hängebrücke über dem unterirdischen Fluss zum Ausgang der Grotte, begleitet von einem traditionellen Böllerschuss, dessen Widerhall in der Höhle den Krach potenziert. Daran haben sich die Archäologen vor der Höhle längst gewöhnt und arbeiten unbeeindruckt weiter.

Eingang zur göttlichen Unterwelt

Vermutlich sollte der Lärm früher einmal böse Geister vertreiben. Der Wiederaustritt des Flusses unter dem weiten Gewölbe galt in vorchristlicher Zeit wahrscheinlich als Eingang zu einer göttlichen Unterwelt. Das legen zumindest 2,5 Tonnen Keramik aus der Bronzezeit nahe, die die Höhlentaucher geborgen haben. Einer von ihnen, Marc Jasinski, vermutet, dass die Höhle ein wichtiges keltisches Heiligtum war, in die tiefer einzudringen wohl zu gefährlich schien. Vor allem Schwerter, die noch in ihren Scheiden steckten, weisen darauf hin. Sie wurden mit Tausenden von Speeren, Pfeilspitzen, Keramiken, Goldschmuck am Austritt des Flusses aus der Höhle gefunden. Dort, wo die Archäologen heute immer noch tauchen und bergen.

Fundstücke aus der Bronzezeit

Die Votivgaben, die die Menschen im Laufe von Tausenden von Jahren dem Fluss übergaben, stammen aus dem Rheinland, Schweizer Jura, Frankreich und Großbritannien. Die meisten Fundstücke können der Bronzezeit zugeordnet werden, die ältesten Spuren der Besiedlung der Höhle sind aus dem Mesolithikum. Ein großer Teil der Fundstücke wird in dem Museum „PrehistoHan“ in der Domäne von Han-sur-Lesse gezeigt.

Seltene Wildtiere ganz nah

Neben dem prähistorischen Museum gehört zur Domäne auch ein 250 Hektar großer Wildtierpark, in dem auch der Eintritt des Flusses ins Massiv liegt. Er bietet unverstellten Blick auf kapitale Hirsche, auf Rehe, Elche, Bisons, Wölfe sowie Przewalski- und Tarpanpferde und andere Wildtiere. Mit Glück zeigt sich auch der Luchs, während der Braunbär offenbar selber gern die Gäste erschnuppert. Eine Hängebrücke über einem Ottergelände führt zu einem schönen Panoramablick auf das sanfte Lesse-Tal und die Schlucht von Belvaux.

INFOS
Adresse: Domaine des Grottes de Han, Rue J. Lamotte, 2, B-5580 Han-sur-Lesse, reservations@grotte-de-han.be, Telefon: +32 84 377213.

Wunder der Unterwelt: Zum Eingang zur Tropfsteinhöhle gelangt man mit einer über 100 Jahre alte Straßenbahn in zum Teil offenen Waggons durch den Wildtierpark.

Safari: Das Wildtiergehege kann auf einem umzäunten Spazierweg, der Picknickmöglichkeiten hat oder per Safaribus besucht werden.

Abenteuer: Die Domäne bietet auch Übernachtungen im Gehege in Baumhäusern und –zelten mit morgendlicher Pirsch unter Anleitung eines Rangers. Man kann auch in einer Jagdhütte bei den Bären übernachten.

TIPP

Die Führungen in der Grotte sind auf Französisch und Niederländisch; as Wichtigste wird in anderen Sprachen zusammengefasst. Die Deutschkenntnisse der Führer sind aber unterschiedlich. Fragen Sie vorab an der Information nach einem Führer, der gut Deutsch spricht.