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Letzte Aktualisierung: 18.06.2019

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MRE-Netz Rhein-Main feiert seinen neunten Geburtstag

Aktiv für verantwortungsvollen Antibiotikaeinsatz im Kampf gegen resistente Keime

von Ilse Romahn

(12.06.2019) Das 2010 gegründete MRE-Netz Rhein-Main feiert am Mittwoch, 12. Juni, seinen neunten Geburtstag. Im Rahmen einer Feierstunde im Gesundheitsamt Frankfurt gibt die Leiterin des Netzwerks, Prof. Ursel Heudorf einen Rückblick und Ausblick.

Mehr als 300.000 Flyer zu verschiedenen Themen wurden verteilt, zahlreiche Fortbildungen für Ärzte und Hygienefachpersonal, mehr als 500 Informationsveranstaltungen in Pflegeeinrichtungen mit mehr als 8000 Teilnehmern wurden durchgeführt. Der Internetauftritt https://www.mre-rhein-main.de und das Informationstelefon (069)21248884 werden gut genutzt. 

Hessen liegt im so genannten VRE-Gürtel, einer vom Saarland bis Sachsen-Anhalt reichenden Region mit besonders hohen Raten an VRE (Vancomycinresistente Enterokokken) in Blutkulturen von Patienten. Deswegen hatte das Netzwerk im vergangenen Jahr zwei Studien durchgeführt. Das Netzwerk ließ im Institut für medizinische Mikrobiologie der Universität Gießen Proben aus 17 Krankenhäusern der Region (vom Rheingau-Taunus-Kreis im Westen bis zum Main-Kinzig-Kreis im Osten) mittels Ganzgenomsequenzierung untersuchen. „Wir waren sehr erstaunt, dass in praktisch allen teilnehmenden Kliniken ein einziger VRE-Typ mit dem identischen Subtyp vorhanden war. Das hatten wir so nicht erwartet. Weitere Untersuchungen zeigten, dass dieser VRE weder eine besondere Beständigkeit gegen Desinfektionsmittel, noch eine bessere Übertragbarkeit oder eine stärker krankmachende Wirkung besitzt. Eine wirkliche Erklärung für den VRE-Gürtel konnten wir somit nicht finden“, sagte Heudorf. In einer weiteren Studie in einer Klinik mit einem großen Einzugsgebiet konnte gezeigt werden, dass dort im Jahr 2016 noch verschiedene VRE-Typen gefunden wurden, aber seit 2017 sich ebenfalls nur noch dieser eine VRE-Typ findet.

„Ein zentrales Ziel unseres Netzwerks ist, die Rehabilitation von Patienten mit MRE zu ermöglichen und zu verbessern. Nach dem Erstellen von Hilfeangeboten und einer ersten großen Untersuchung im Jahr 2014 werden wir in diesem Jahr eine weitere Untersuchung von Rehabilitations-Patienten auf multiresistente Erreger anbieten“ berichtet Heudorf. 18 Kliniken haben ihre Teilnahme bereits angekündigt. „Dabei wollen wir nicht nur auf multiresistente Erreger (MRE) untersuchen sondern uns auch dem Antibiotika-Einsatz in den Rehabilitationseinrichtungen widmen“.

Das MRE-Netz Rhein-Main hat bereits 2016 eine Arbeitsgruppe „Antibiotic Stewardship“ gegründet, die sich mit dem sachgerechten Einsatz von Antibiotika in Kliniken befasst. Dr. Rolf Tessmann, Chefarzt an der Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinik und Leiter der Arbeitsgruppe, berichtet im Rahmen der Geburtstagsfeier des Netzwerks über die bisherige Arbeit und die Erfolge. In einigen Kliniken konnten erhebliche Einsparungen an Antibiotika erreicht werden. Dr. Arne Behm, Facharzt für Urologie, und Mitglied der Hessischen Urologen Genossenschaft, wird zu „Urologische Antibiotikatherapie und Katheterversorgung – mit Sinn und Verstand?“ referieren, ein Thema, das gerade in der Versorgung von älteren oder pflegebedürftigen Patienten große Bedeutung hat.

Nur bei verantwortungsvollem Einsatz von Antibiotika kann die weitere Resistenzentwicklung von Bakterien vermindert werden. Deswegen hat das Netzwerk gemeinsam mit Experten aus verschiedenen Fachgesellschaften Flyer zur Information von Patienten zu Antibiotika bei Atemwegsinfektionen, Harnwegsinfektionen und – zuletzt 2018 – bei Ohrenschmerzen entwickelt. Studien zeigen, dass bei diesen Infektionen häufig keine Antibiotika notwendig sind, sei es, weil sie durch Viren verursacht sind oder auch durch Ruhe und „Hausmittel“ gut zu beherrschen sind.

Die Verbesserung des Antibiotika-Einsatzes wird in Hessen großgeschrieben. Die Landesärztekammer Hessen führt in Zusammenarbeit mit Experten aus verschiedenen Kliniken in Hessen Fort- und Weiterbildungsprogramme durch und bildet Antibiotika-Experten für die Kliniken aus. Im ambulanten Bereich informiert die Kassenärztliche Vereinigung Hessen regelmäßig ihre Ärzte über einen sachgerechten und leitlinienbasierten Einsatz von Antibiotika und kann bereits deutliche Erfolge nachweisen. Für 2019/2020 plant das MRE-Netz Rhein-Main gemeinsam mit den anderen Hessischen MRE-Netzwerken und mit Unterstützung der Landesärztekammer, Kassenärztlicher Vereinigung und dem Hessischen Ministerium für Soziales und Integration weitere Aktivitäten zum Rationalen Antibiotika-Einsatz. So ist vorgesehen, Teile des RAI-Projekts (Rationale Antibiotikatherapie durch Information und Kommunikation; https://www.rai-projekt.de im Internet) auch in Hessen einzuführen.

„Ein weiteres Projekt liegt mir sehr am Herzen“, so die Kinderärztin Heudorf: „Uns haben viele Anfragen zum Vorgehen bei MRE in Förderschulen erreicht“. Dort werden oft schwerst- und mehrfach beeinträchtigte Kinder unterrichtet, die mit Kathetern versorgt sind, viele medizinische Behandlungen und Krankenhausaufenthalte hinter sich haben. Damit ist auch ein höheres Risiko verbunden, mit antibiotikaresistenten Erregern besiedelt zu sein. Das führt zu Unsicherheit in den Förderschulen. Gemeinsam mit Vertretern von Fördereinrichtungen und in Abstimmung mit anderen Netzwerken und Experten hat das MRE-Netz Rhein-Main jetzt einen Musterhygieneplan für Förderschulen erstellt. „Wir streben an, dass dieser Musterhygieneplan– nach Abstimmung zwischen dem Sozial- und Kultusministerium – als Erlass für die Schulen herausgegeben wird, in Ergänzung zu dem Erlass des Kultusministeriums aus dem Jahr 2014 zum Schulbesuch von Kindern mit MRE. Ziel ist es, mehr Sicherheit und damit einen für die betroffenen Kinder besseren Umgang zu erreichen und übertriebene und einschränkende Maßnahmen zu vermeiden. Das ist mir als Kinderärztin ein großes Anliegen.“

Auch in diesem Jahr verleiht das MRE-Netz wieder MRE-Siegel an teilnehmende Einrichtungen, die die Kriterien erfüllt haben und aktiv im Netzwerk teilnehmen. In diesem Jahr sind es 80 der inzwischen über 350 teilnehmenden Einrichtungen: 29 Krankenhäuser, 7 Rehabilitationskliniken, 36 Alten- und Pflegeheime, 3 Ambulante Pflegedienste und 5 Rettungsdienste. Heudorf dankt den Einrichtungen und betont: „Die Herausforderungen durch multiresistente Erreger werden nicht kleiner – aber in unserem Netzwerk werden wir gemeinsam besser“. (ffm)