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Letzte Aktualisierung: 18.01.2021

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Modelleisenbahnanlagen als Architekturvorbilder

Neue Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum

von Karl-Heinz Stier

(18.05.2018) In vielen Hobbykellern schlummern Modelleisenbahnanlagen – zur Freude der Kinder, die gerne die Eisenbahnzüge dirigieren, zur Freude erwachsener Männer, die vor allem zur Weihnachtszeit ihre Anlagen mit neuen Baulichkeiten anreichern.

Bildergalerie
Villa im Tessin
Foto: Karl-Heinz Stier
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Moderne Kirche
Foto: Karl-Heinz Stier
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Herzstück: große Modellanlage
Foto: Karl-Heinz Stier
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Kuratoren: Karin Berkemann und Daniel Bartetzko
Foto: Karl-Heinz Stier
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Grund genug für das Deutsche Architektenmuseum in Frankfurt unter dem Titel „märklinMODERNE – vom Bau zum Bausatz und zurück“ die damals schon feststellbaren moderne Architektur bei den Modellbauten in einer Ausstellung vom 19. Mai bis 9. September nachzuverfolgen. Flachdach, Rasterfassade und Glaskuppel fanden sich in den Katalogen der Häuschen-Hersteller wie Faller, Vollmer oder Kibri als romantisierende Altbauten.

Dazu gehört nach Mitteilung der Austellungskuratoren Daniel Baretzko und Karin Berkemann die „Villa im Tessin“. („Für 4,75 Mark und paar Groschen für eine Tube Plastikkleber konnte sich jeder seine eigene Villa leisten“). 1961 präsentierten  die Brüder Hermann und Edwin Faller den  gereiften Bausatz. Das reale Vorbild, ein futuristisches Wohnhaus in der Nähe des Gotthardtunnels, hatten die Brüder mehrfach inspiriert. Sockelgeschosse in Bruchstein, kastenförmige Obergeschosse, riesige Fensterflächen und Flachdächer (!) kennzeichneten ihre Entwürfe und spätere Bausätze.

In der Zeit von  1961 bis 1984 wurden 400 000 Häuschen verkauft, in den 90iger und in den 2000er Jahren wurden sie erneut aufgelegt und jetzt sind sie immer noch ein Renner, so dass  die Firma derzeit eine erneuten Auflage plant. Keine der Häuser ist eine exakte Kopie. Der Plastik-Miniatur setzt man quergerichtete, grandios sinnfreie Schmetterlingsdächer auf. Ihre Obergeschosse sind verdreht.

Ausgewählt zur Präsentation haben die Kuratoren das Faller-Modell „Moderne Kirche“ (ab 1965), ,,die fast wie eine freigeistig-amerikanische Drive-In-Church aussieht. Im Faller-Katalog  befindet sich direkt daneben ein Miniatur-Geistlicher, der seine Kleidung klar als evangelisch kennzeichnet. Produziert wurde der Bausatz von zwei Bürgern altkatholischen Glaubens. Die Fallers verkauften mit großer Selbstverständlichkeit ihre Kleinkirchen und Bergkapellen als „immer dankbare Modelle“. „Auch in unserer Zeit ist die Kirche ein dominierender Mittelpunkt des Dorfes“, so die Bauherren und weiter: „In diesem Umbruchsjahr brachte die Moderne Kirche einen neuen Stil und einen Hauch von Urbanität ins Sortiment“. Das große Vorbild ist ausgerechnet eine römisch-katholische Kirche: St. Katharina überragt seit 1965 das ländliche Gütenbach, dem Heimatort der Faller-Werke.

In den Katalogen der Modellbaubücher finden sich zwischen 60iger und 80iger Jahren auch Hochhäuser. Der Bausatz war relativ teuer und aufwendig zu bauen. Der DDR-Spielzeughersteller VERO  orientierte sich bei seinen Modellbausätzen „Wohnhausgruppe“ und „Hochhaus“ allgemein am standardisierten ostmodernen Wohnungsbau um 1970. In der Ausstellung werden stellvertretend dafür Fotografien von Erfurter PH16-Hochhäusern gezeigt.

Herzstück der Ausstellung ist inmitten der Ausstellung im 3. Obergeschoss eine große Modellanlage mit vielen Hochhäusern, kleinen Häusern, abgewandelten Modell wie die Villa im Tessin als Reihenhausfertigung. Hier kann man feststellen, dass Modellbauhäuser verwandt mit Architektenmodellen sind. Der entscheidende Unterschied: auf einer Modellplatte würden maßstäblich eingedampfte Großbauten alle Dimensionen sprengen. In der Regel sind die Miniaturen stilisiert: Die Kunst der Auslassung und des Maßstabssprung ist gefragt. Und die des Schummelns: selbst wenn Modellhäuser realitätsnah wirken, sind sie doch befreit von Bauvorschriften, Nutzervorschriften und den Gesetzen der Statik. Zum Beispiel kann das Faller-Hochhaus durch den Eingang eines Ladengeschäftes betreten werden, die DDR-Pendants von VERO ändern vom Erdgeschoss zu den oberen Etagen gar die Modellbahn-Nenngrößen. Doch was zählt, ist der stimmige Gesamteindruck, ohne dass sich ein Bastler durch allzu krude Details auf dem Arm genommen fühlt.

Öffnungszeiten des Museums Schaumainkai 43 sind Di, Do – So von 11 bis 18 Uhr, Mi von 11 bis 20 Uhr

Weitere Infos unter  www.dam-online.de