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Letzte Aktualisierung: 13.12.2018

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Leuchtende Aphorismen

TU Darmstadt nimmt Kunstwerk „HLR Lichtenberg1“ in Betrieb

von Ilse Romahn

(11.01.2018) Leuchtende Aphorismen in Binärcode und Klartext aus den „Sudelbüchern“ des Universalgelehrten Georg Christoph Lichtenberg sind als Lichtinstallation an der Fassade des Hochleistungsrechner-Gebäudes der TU Darmstadt zu sehen.

Das Kunstwerk „HLR Lichtenberg1“ der Künstlerin Karwath+Todisko nimmt gleichermaßen Bezug auf den Namenspaten wie auf die Rechenvorgänge im Inneren des Gebäudes.

Das Gebäude L5|08 auf dem Campus Lichtwiese beherbergt seit 2013 den Lichtenberg-Hochleistungsrechner der Technischen Universität Darmstadt, der fast eine ganze Etage des Bauwerks füllt. Die Lichtinstallation an der Fassade des Gebäudes steht sinnbildlich für die Rechenprozesse, die im Inneren des Gebäudes ablaufen. Deren Grundlage bilden Binärcodes. Mittels Binärcode können auch Informationen auf eine Fläche, bestehend aus einzelnen Leuchtelementen, übertragen werden.

Der Titel der Installation bezieht sich auf den Namensgeber des Hochleistungsrechners, Georg Christoph Lichtenberg, der 1742 in Ober-Ramstadt bei Darmstadt geboren wurde, in Darmstadt zur Schule ging und in Göttingen studierte, forschte und lehrte. Lichtenberg ist heute vor allem für seine schriftstellerischen Arbeiten bekannt. In sogenannte „Sudelbücher“ notierte er ein umfangreiches aphoristisches Werk, das ihn als vielseitig interessierten und ironisch-humorvollen Menschen zeigt. Viele Gedanken Lichtenbergs lesen sich erstaunlich aktuell. Für die Texte, die auf der Lichtinstallation „HLR Lichtenberg1“ erscheinen, wurden vor allem Gedanken über Lehre, Forschung und das universitäre Leben ausgewählt; aber auch dem pointierten Witz und dem Absurden wird Beachtung geschenkt. Die an den heutigen Sprachgebrauch angepassten und teilweise fragmentierten Sätze füllen einen Tag.

In Lichtenbergs Schriften findet sich ein erstaunlicher Gedanke, der sich zumindest als Vorahnung des Internets und seiner Möglichkeiten der grenzenlosen, nicht an physische Medien gebundenen Kommunikation begreifen lässt. Diese Vision macht für Karwath+Todisko einen Teil des Reizes aus, die mehr als 200 Jahre alten Schriften in einen zeitgenössischen Kontext zu stellen, wie es nun mit dem Kunstwerk geschieht: „Was mich allein angeht denke ich nur, was meine guten Freunde angeht sage ich ihnen, was nur ein kleines Publikum bekümmern kann schreibe ich, und was die Welt wissen soll wird gedruckt. […] Wäre es möglich auf irgend eine andere Art mit ihr zu sprechen, daß das Zurücknehmen noch mehr stattfände, so wäre es gewiß dem Druck vorzuziehen.“

(Lichtenberg, Georg Christoph, Sudelbücher l, Heft B [272], Promies, Wolfgang (Hrsg.), München 1968. Schreibung nach der Quelle.)

Die Installation an der Ostfassade des Gebäudes besteht aus 96 einzelnen Leuchtelementen, die in einem Raster (12 x 8 Elemente) angeordnet eine große Leuchtfläche bilden. Auf diesem Raster werden Lichtenbergs Gedanken als 8-stelliger Binärcode angezeigt. Im Wechsel mit diesem nicht direkt lesbaren Code erscheint der Text auch als lesbare, laufende Pixelschrift. Der dafür verwendete Pixelfont ist in Zusammenarbeit mit dem renommierten niederländischen Schriftengestalter Lucas de Groot entstanden, der unter anderem auch den Font „Calibri“ schuf.

Die verwendeten Leuchtelemente sind Leuchtkästen aus lackiertem Aluminiumgehäuse mit vorderseitiger Acrylglasabdeckung. Dabei handelt es sich um ein Black&White-Acrylglas, das bei Hinterleuchtung hell und sonst dunkel erscheint. Die Leuchtkästen wurden auf eine lackierte Unterkonstruktion aus Metall montiert; eine Verkabelung läuft von jedem einzelnen Kasten bis zum Einführungspunkt ins Gebäude und dann weiter zum Steuerungsrechner. Die Kästen werden mit LED-Technik hinterleuchtet.

Konzipiert wurde das Kunstwerk als Auftragsarbeit der TU von der unter dem Pseudonym Karwath+Todisko arbeitenden Künstlerin Inna Wöllert.

Karwath+Todisko studierte an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Heute lebt und arbeitet sie in Darmstadt.

Die Werke von Karwath+Todisko beschäftigen sich mit Räumen und ihren Eigenheiten. Ausdrucksmittel sind oft die nicht-materiellen Phänomene Luft, Licht, Klang. Die Betrachtenden werden irritiert, provoziert und angeregt, sich intensiver mit den einzelnen Kunstwerken und ihrer Umgebung auseinanderzusetzen. Im Fall von „HLR Lichtenberg1“ geschieht dies durch die auffällige Laufschrift: Die Texte erschließen sich erst nach und nach, gleichsam wie beim Buchstabieren. Wer sie aufnehmen möchte, muss verweilen und sich auf die ungewöhnliche Darstellung einlassen – ein subtiler Grad von Interaktion.