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Letzte Aktualisierung: 08.02.2023

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Lara protects me. Eine georgische Erzählung

Ausstellung im Museum Angewandte Kunst bis 20. Januar 2019

von Ilse Romahn

(25.09.2018) Tbilisi – zu Deutsch Tiflis – sei das neue Berlin, heißt es. Lange Partynächte und Raum für persönliche Entfaltung locken immer mehr Menschen in die Hauptstadt Georgiens. Als jahrhundertealter Knotenpunkt zentraler Handelsrouten brachte Tiflis die Völker zusammen – unfreiwillig, durch Besetzungen und Eroberungen, oder offenherzig, als Zuflucht für anderenorts Verstoßene. Dabei kam es selten zu Verschmelzungen. Vielmehr lernten die Kulturen durchlässige Grenzen zu schaffen und es entstand ein eklektisches Nebeneinander.

Plakat zur MAK-Ausstellung
Foto: Museum Angewandte Kunst
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Im Rahmen des diesjährigen Gastlandauftritts Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse zeigt das Museum Angewandte Kunst die Ausstellung Lara protects me. Eine georgische Erzählung. Eine geheimnisvolle Botschaft, die Kuratorin Dr. Mahret Kupka auf ihrer Reise durch Georgien fand, wird zum Ausgangspunkt einer Suche. Wer ist die mysteriöse Lara, die die Botschaft verfasste? Was können zeitgenössische Kreative über sie erzählen? Künstler*innen, Designer*innen, Kurator*innen und Autor*innen geben mögliche Antworten und laden ein, ihr Land und seine Geschichte zu erkunden. Anhand ihrer Videoarbeiten, Fotografien, Kunst- und Designobjekte ergibt sich ein facettenreiches Bild eines neuen georgischen Selbstverständnisses und einer jungen dynamischen Kunstszene, die sich zwischen Mode, Musik und Kunst bewegt.

Mit Situationist präsentiert sich ein international anerkanntes Modelabel, das für seinen rauen, ungewöhnlichen Stil bekannt ist, der oftmals georgische Schrift und Symbolik aufgreift. Das Label des autodidaktischen Modedesigners Irakli Rusadze (*1991) steht für nicht-heteronormative, minimalistische Mode. Die Ausstellung zeigt die enge Verflochtenheit des Labels mit der jungen Kunstszene in Tiflis, etwa mit dem Künstler Giorgi Geladze (*1996). Er verarbeitet alltägliche Sätze der georgischen Sprache und verwandelt sie in Algorithmen, die in verschiedenen Materialien, Kombinationen, Farben und Formen unterschiedliche Gefühle erzeugen. Der in Berlin lebende Fotograf David Meskhi (*1979) zeigt Fotografien, die ebenfalls für Situationist entstanden sind, daneben weitere Arbeiten, etwa aus einer Serie über Turner – ein Motiv, zu dem er immer wieder zurückkehrt.

Tamra ist das Modelabel der Künstlerin, Modedesignerin und Dokumentarfilmerin Tamuna Karumidze (*1975). In ihrer Kollektion Dreamcatchers beschäftigt sie sich mit der georgischen Skateboarder-Szene und der Identität der georgischen Jugend. Um diese Thematik geht es auch in ihrem international preisgekrönten Dokumentarfilm When the Earth Seems to be Light, einer Gemeinschaftsproduktion mit David Meskhi und Salome Machaidze. Für Lara protects me hat sie ein bewegliches textiles Objekt geschaffen.

Die Fotografin Dina Oganova (*1987) porträtiert in ihrer Serie My Place junge Georgier*innen, die in den letzten Jahren der Sowjetunion geboren wurden und im unabhängigen Georgien aufgewachsen sind. Alle zehn Jahre will die Fotografin zu ihren Protagonist*innen zurückkehren, um sie in der Privatsphäre ihres Schlafzimmers zu fotografieren und ihre Geschichten sammeln. In Salome Jokhadzes (*1997) bunten Grafiken der Serie Contemporary Georgia trifft das neue Lebensgefühl auf georgische Tradition: So sieht man zum Beispiel comichafte Darstellungen von Frauen in georgischer Tracht oder einen Skateboarder in einer traditionellen Tanzpose.

Die Künstlerinnen Tamar Chaduneli (*1991) und Ana Chaduneli (*1990) haben für Lara protects me eine Serie von Zeichnungen angefertigt. Tamar Chaduneli studiert seit 2017 an der Städelschule in der Klasse von Willem de Rooij. In ihrer Praxis vereint sie verschiedene analoge und digitale Techniken wie etwa Zeichnungen, Malerei, Animationen und

Videospiele
Die 2017 von Gvantsa Jishkariani und Nata Kipiani als experimenteller Kunstraum gegründete Patara Gallery befindet sich in einem ehemaligen Kiosk in einer Fußgängerunterführung im Stadtzentrum von Tiflis. Zwischen Souvenirläden und Handyshops stellt sie auf nur zwei mal zwei Metern die Arbeiten internationaler Künstler*innen einem Laufpublikum vor. In Frankfurt wird die kleine Galerie in Originalgröße im Ausstellungsraum reproduziert und präsentiert zeitgleich die in Tiflis gezeigten Ausstellungen.

Elektronische Musik spielt in Georgiens Hauptstadt eine wichtige Rolle. Der Soundkünstler und Musiker Irakli Kiziria (*1977), Mitbegründer des Technoduos und Labels I/Y und des Intergalactic Institute for Sound, bespielt die Ausstellung mit einer Klanglandschaft, die die Atmosphäre der Hauptstadt wiederspiegeln soll. Dazu hat er Klänge der Metropole eingefangen und mit luftigen elektronischen Sounds vermengt. Die so entstandenen Ambient-Tracks sind Teil eines neuen Albums, das als limitierte LP im Museum Angewandte Kunst erhältlich ist. Album und Soundinstallation entstanden in Zusammenarbeit mit Zuska Babunashvili (*1994) alias Zesknel, Resident DJ im Bassiani Club in Tiflis. Der Club, der vor allem für seine liberale Atmosphäre bekannt ist, war jüngst durch gewaltsame Drogenrazzien in den internationalen Medien vertreten. Nachdem der Club im Mai 2018 von der Polizei gestürmt wurde, folgte eine spontane Massentanz-Demo, die friedlich gegen die brutalen Polizeieinsätze und politischen Missstände im Land demonstrierte. Eine der spannendsten Publikationen aus Georgien ist mit dem zweisprachigen Magazin Danarti vertreten. Das im Jahr 2011 von Elene Abashidze, Ana Chorgolashvili and Natuta Bagrationi gegründete Magazin beschäftigt sich mit so unterschiedlichen Themen wie dem Wandel der Architektur in Tiflis oder LGBTQ+-Fragestellungen. In Frankfurt wird die fünfte Ausgabe präsentiert. Sie trägt den Titel „Die 90er überleben" und ist im Dezember 2017 erschienen. Hier haben sich die Macher*innen von Danarti den Altlasten dieser Dekade gewidmet und dadurch eine Reihe wichtiger Debatten angestoßen.

Im Museum Angewandte Kunst entsteht durch diese verschiedenen Stimmen ein vielschichtiges Bild des postsowjetischen Georgiens. Sie lassen die Aufbruchstimmung und den Zeitgeist einer neuen georgischen Generation spürbar werden – einer Generation, die in der Zeit eines tiefgreifenden politischen Umbruchs aufgewachsen ist, der von Krieg und sozio-ökonomischen Krisen geprägt war. Selbstbewusst blickt sie nach vorn und stellt sich mit kreativer Selbstermächtigung den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Die Ausstellung wird von einem gleichnamigen Katalog begleitet, in der ausgewählte Akteur*innen zu Wort kommen (Revolver-Verlag, 22 Euro).

Podiumsdiskussion Do, 8. November, 19 Uhr Post-Soviet Lifestyles? Kunst, Mode, Musik, Architektur und Design aus dem jungen Georgien

Führungen mit der Kuratorin
Mi, 26. September, 18.30 Uhr; Mi, 7. November, 18.30 Uhr; So, 20. Januar, 15 Uhr

Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, Fankfurt am Main   www.museumangewandtekunst.de