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Letzte Aktualisierung: 16.11.2018

Kultmusical „Rocky Horror Show“ fasziniert in der Alten Oper

von Fiona und Michael Hörskens

(11.07.2018) Was für ein krasser Gegensatz! Die ehrwürdige Alte Oper in Frankfurt war Schauplatz einer der bizarrsten und schrillsten Inszenierung der Musical-Szene. In dem noblen Ambiente des Hauses ging die legendäre „Rocky Horror Show“ über die Bühne.

Bildergalerie
Schrill, skurril und bizarr: Die Rocky Horror Show in der Frankfurter Alten Oper
Foto: BB Promotion / Hauer
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Der diabolische Dr. Frank’n’Furter rockte die Szenerie
Foto: BB Promotion / Hauer
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Aristokratisch cool fungierte Schauspieler Sky du Mont als Erzähler bei der Inszenierung in der ehrwürdigen Alten Oper.
Foto: BB Promotion / Fouad
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Der schräge Trip ist eine ebenso skurrile wie witzige Story um Einfalt und Exzess, Ausschweifung und Anstand, Rausch und Rechtschaffenheit, Trieb und Ekstase. Die Inszenierung des Spektakels wurde wieder von BB Promotion arrangiert. Die Mannheimer Agentur ist bekannt für ihre Kompetenz in der Unterhaltungsbranche und erhielt gerade vor einigen Wochen beim Live Entertainment Award (LEA) in der Frankfurter Festhalle die Auszeichnung  als Veranstalter des Jahres. 

Um es gleich zu sagen: Richard O’Brien‘s Kult-Stück kam in der Alten Oper sowohl musikalisch als auch choreographisch verdammt gut rüber. Das ganze Ensemble zeigte eine beeindruckende Leistung, absolut überzeugend ebenso der seriöse Sky DuMont als Erzähler und aberwitzigem Kontrapunkt mit seinem dunklen Anzug, blütenweißen Hemd und Fliege. Das Publikum war vom ersten Moment an elektrisiert. Viele Besucher begleiten die Aufführung stilgerecht in schrägen Outfits. Die eingefleischten Fans der Rocky Horror Show kamen in Frank’n’Furter-Kostümen oder in der Verkleidung anderer Akteure. Vor der Aufführung konnten sich die Gäste auch mit allerlei Merchandise-Artikel eindecken, so wie es sich seit Jahrzehnten für die Rocky Horror Show gehört: Spritzpistolen, Konfetti oder Reis. Die Inszenierung in der Alten Oper verlief wie selbstverständlich interaktiv, auch die „Boaring“-Rufe des Publikums beim Auftritt Sky du Mont als beabsichtigter Teil der Show hallten durch die Alte Oper.

Passend der Termin der Inszenierung in Frankfurt: Die Show fand im LGBT Pride Month statt, dem Monat für Lesben, Schwule oder anderweitig sexuell orientierten Menschen. Was ja auch Thema des Kult-Musical ist. Die skurille Geschichte  mit Sex, Trash und Rock’n’Roll wurde erstmals am 16. Juni 1973 am Royal Court Theatre in London (wo sonst?!) aufgeführt, und zieht auch über 40 Jahre nach seiner Premiere die Fans von einst und inzwischen deren Töchter und Söhne von heute in den Bann. Die Besucher in der Frankfurter Alten Oper erlebten zeitlos faszinierende Songs, eine frivol-freche Handlung, schräge Figuren und schrille Kostüme. Dies alles macht die Show noch immer zu einem Spektakel der ganz besonderen Art.

Die anarchistisch-abstruse Geschichte ist wahrlich höllisch-diabolischer Frevel und göttlicher Genuss zugleich, ein Festival der Obsessionen und Gelüste - bad, bizarre and bloody brillant. Das junge, biedere Paar Brad Majors und Janet Weiss bleiben auf dem Weg zu ihrem ehemaligen Lehrer, einem gewissen Dr. Everett Scott, bei einem nächtlichen Unwetter mit einer Autopanne auf einer einsamen Landstraße liegen. In der regnerisch-stürmischen Novembernacht bahnen sie sich in der gottverlassenen Gegend den Weg zu einem nahegelegenen Schloss, wo sie sich Hilfe erhoffen.  Aus dem von Blitz und Donner umgarnten mystisch anmutenden Gebäude dringt ein flackernder Lichtschein, ein Kaminfeuer scheint friedliche Atmosphäre zu vermitteln. Nachdem Brad etwas zögerlich die Glocke an der Eingangstür gezogen hat, erscheint eine mysteriöse Gestalt, der kauzige Diener Riff Raff. Total durchnässt bitten sie ihn, telefonieren zu dürfen. Es wird ihnen Einlass gewährt. Janet und Brad ahnen nicht, was sie erwartet.

Statt der erhofften Gelegenheit zum Telefonieren begegnet ihnen hier reichlich Unerwartetes: Das untadelige Pärchen trifft den exzentrischen, diabolischen  Hausherrn Dr. Frank‚n‘Furter  vom Planeten Transsexual aus der Galaxie Transylvania. Der „Master“  zelebriert  eine ganz spezielle Party:  Er präsentiert seinen skurrilen Mitbewohnern und Gästen in dieser Nacht seine neueste und bisher größte Schöpfung, das blonde und muskelbepackte Retortenwesen Rocky. Dieses hat er in erster Linie zu seinem – auch sexuellen – Vergnügen erschaffen. Brad und Janet tut sich zusehends ein Abgrund verbotener Lüste auf. Es beginnt für die unschuldigen Seelen eine Reise in nie erahnte Sphären, der die beiden bald  auf Gedeih und Verderb in eine fantastische Galaxie zieht und sie am Ende mit Haut und Haaren verschlingt.

Die  konservativen Wertvorstellungen des entsetzten Liebespaares werden durch den animalischen Transvestiten Frank’n‘Furter quasi in den Orbit gekickt, der schließlich beide  täuscht und verführt. Im Laufe der Nacht erleben Janet und Brad  ungeahnte Liebeserfahrungen. Am Ende ruft Frank’n‘Furter jedoch durch seine Unmäßigkeit unter seiner Gefolgschaft eine Revolte hervor, die in seiner Entmachtung und Tötung sowie der Rückkehr der übrigen Aliens auf ihren Heimatplaneten gipfelt, während Brad und Janet gerade noch davonkommen. Sie bleiben auf der Erde zurück.

Music und Action –  es war ein Erlebnis zu sehen, wie Frank’n’Furter und das gesamte Ensemble quirlig über die Bühne wirbelten. Der Meister irgendwie elegant in schwarzem Mieder, mit Strapsen, Netzstrümpfen und sogar sicher auf High Heels stehend. Auch die anderen Figuren des Stückes glänzen mit einer charmant-obszöne Schamlosigkeit und sexueller Genusssucht,  besonders Frank’n‘Furter verkörpert genial eine Selbstverliebtheit im Stil von Dorian Gray. Und dann noch das unbedarfte Liebespärchen Janet und Brad, das sich zunächst geschockt von der erotisch-bizarren, animalisch-skurrilen Szenerie zeigt. Und sich am Ende doch in Erotikwäsche dem Unvermeidlichen stellt.

Natürlich sind ebenso die Songs ein Grund, weshalb die Rocky Horror Show Kult geworden ist. Ohrwürmer wie das zuckersüße „Don’t dream it, be it“, das melancholische „I’m going home“. Ebenso berührt die wunderbare Melodie „Science Fiction double feature“, als Prolog wie als Abspann-Melodie einfühlsam interpretiert, die Sinne. Rockige und vitale Songs wie „Touch-A, Touch-A, Touch-me” oder das unverwüstliche “Time warp” bringen enormen Schwung in den Saal.

Die Rocky Horror Show ist Kult und bleibt von bleibender Vitalität. Das liegt auch daran, dass das Musical 1975 als „The Rocky Horror Picture Show“ verfilmt wurde und noch immer in Kinos läuft. Das Stück strahlt so etwas wie ewige Jugend aus. Also: Let‘s do the Time Warp again!