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Letzte Aktualisierung: 20.09.2019

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Hohes Niveau und viele Besucher

Festival des deutschen Films in Ludwigshafen beendet

von Michael Hoerskens

(09.09.2019) Hochklassische Filme, großartige Schauspieler*innen und beeindruckende Regieleistungen erlebten die über 120 000 Besucher des diesjährigen Festivals des deutschen Films in Ludwigshafen. Mehrere Preise würdigten die Leistungen der Filmschaffenden, auch Frankfurt war dabei vertreten.

Bildergalerie
Neben drei Kinosälen gab es beim Festival des deutschen Films auch Aufführungen im Open Air Kino direkt am Rhein
Foto: Hörskens
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Das Team vom Frankfurter Tatort bei den Filmgesprächen, die nach den Vorführungen stattfanden
Foto: Hörskens
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Julia Koschitz und Felix Klare (2.u.3.v.l.) sowie Lisa Marie Trense (vorne) wurden in Ludwigshafen begeistert gefeiert
Foto: Hörskens
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Bei den Auszeichnungen wurde der „Preis für Schauspielkunst“ 2019 an Julia Koschitz verliehen. Die in Brüssel geborene Österreicherin, die in Frankfurt ihr Abitur „baute“, nahm die Auszeichnung mit sehr viel Dankbarkeit entgegen. „Ich werde mich in dunklen Zeiten an diese Preisverleihung erinnern, wenn ich mal wieder auf ein gutes Drehbuch warte oder einen guten Auftrag“ sagte sie. „Ich fühle mich wahnsinnig privilegiert, einen Beruf ausüben zu dürfen, den ich liebe, der mich persönlich fordert, von dem ich lernen kann als Mensch und der mich tatsächlich noch niemals gelangweilt hat.“ Und Julia Koschitz ergänzte noch:  „Ein schöner Teil an dieser Arbeit ist, dass es ein Prozess ist, an dem viele Menschen beteiligt sind. Diesen möchte ich an einem Abend wie diesem besonders danken.“ Die Schauspielerin war in mehreren Filmen auf den Festival zu sehen.

"Glaubwürdigkeit ist das Stichwort. Julia Koschitz stellt sie in all ihren Rollen her, so gut der Film es freilich insgesamt zulässt“ sagte Festivaldirektor Dr. Michael Kötz in seiner Laudatio. „Nach über 50 Filmen, in denen sie ihr außergewöhnliches Können mit Bravour bewiesen hat, wurde es Zeit, dringend Zeit, auf diese großartige Künstlerin mit Nachdruck hinzuweisen.“

Den „Regiepreis Ludwigshafen“ erhielt der Frankfurter Regisseur Rainer Kaufmann. Michael Kötz würdigte Kaufmann bei der Preisverleihung „Meister der Filmregie“ und lobte: „„Ich kenne keinen deutschen Filmregisseur, der es in vergleichbarem Ausmaß geschafft hat, mit dem eigenen Älterwerden – in diesem Jahr ist er 60 – zugleich nahezu das gesamte Spektrum des Lebens in immer neuen Geschichten auf eine Weise zu spiegeln, dass die meisten seiner Filme eine tiefe nachhaltige Wirkung hinterlassen“, so der Festivaldirektor. „Das ist Filmkunst in seiner schönsten Ausprägung, das ist Filmkunst für das Leben.

„Ich bedanke mich für den Preis dieses wunderbaren Festivals, das dem Publikum so zugewandt ist. Hier ist ein Publikum, das gerne ins Kino kommt. Als Geschichtenerzähler stößt man hier auf ein Publikum, das noch gerne Geschichten im Kino erlebt“, freute sich Rainer Kaufmann.  Im Rahmen der Galaveranstaltung vor 2500 Gästen zeigte das Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein Kaufmanns aktuellen Kinofilm „Und wer nimmt den Hund?“ mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur in den Hauptrollen. Beide erhielten bereits den „Preis für Schauspielkunst“ des Festivals 2016 bzw. 2017.

Diese Auszeichnung erhielt in diesem Jahr neben Julia Koschitz auch Bjarne Mädel. „Ich musste schon den Ernst-Lubitsch-Preis mit meinem Filmpartner Lars Eidinger teilen, dieser Preis ist nur für mich“, sagt Schauspielpreisträger Bjarne Mädel in seiner Erwiderung der Laudatio und lieferte einen hoch amüsanten und kurzweiligen Exkurs. Weil er immer gefragt würde, ob er wirklich so sei, wie in seinen Rollen, sprach ironisch von seinem wahren und eigentlichen Ich, das er gar nicht kenne.

„Bjarne Mädel erschien und scheint ihnen einer von ihnen zu sein“ sagte Festivaldirektor Kötz und meinte das Kinopublikum. „Sie lieben ihn dafür, dass er in allem, was er macht, zugleich auch einen neuen Typ Mann verkörpert: einen, der keinen Herrschaftsanspruch erhebt, einen, der jederzeit auch über sich selber lachen könnte, der es nicht nötig hat, sich stärker zu geben als er ist, der kein Heldentum braucht, um ein Held zu sein – ein Held der Situationen, die er – zumindest als Schauspieler – beherrscht wie kaum ein anderer.“ Bjarne Mädel spiele stets so, als könne das unmöglich nur gespielt sein. Dass er sein Spiel in kammerspielartigen Szenen lückenlos durchhalte, das sei einfach großartig, so Kötz. Nach der Preisverleihung wurde der Film„25 km/h“ von Regisseur Markus Goller gezeigt bei dem Mädel mit Lars Eidinger ein Brüderpaar spielt, welches mit fast 50 Jahren einen Jugendtraum erfüllt und mit Mofas vom Schwarzwald aus durch Deutschland kurvt.

Die „Ahnentafel“ des Preises für Schauspielkunst beim Ludwigshafener Festival, dem zweitgrößten Filmfestivals Deutschlands, enthält große Namen: Mario Adorf (2015), Bruno Ganz (2013), Klaus Maria Brandauer (2006) sind hier ebenso zu finden wie Hannelore Elsner (2009), Corinna Harfouch (2015) oder Andrea Sawatzki (2011), die früher als Frankfurter Tatort-Kommissarin ermittelte.

Und noch einmal Frankfurt, noch einmal Tatort, auch noch einmal Hannelore Elsner. Sie erleben wir in ihrer letzten Rolle vor ihrem Tod als pensionierte Kommissarin, die in ihren alten Fällen nochmal recherchiert. Und dabei auf eine Geschichte stößt, die mit einem aktuellen Fall der aktuellen Frankfurter  Tatort-Kriminalisten zu tun hat. Ein Ermordeter wird gefesselt in einer Hütte gefunden, Hauptverdächtiger ist ein ehrenwerter Polizist. Zu der Filmführung auf der Ludwigshafener Parkinsel kam fast das gesamte Filmteam, Wolfram Koch alias Kommissar Brix war jedoch wegen Dreharbeiten in Budapest verhindert. Dafür waren aber die bekannten Protagonisten, vor allem die Schauspielerinnen Margarita Broich und Zazie de Paris angereist und nahmen am Filmgespräch nach der Vorstellung teil.

Zu den Highlights des Festivals zählte der Film „Nur eine Frau“, der die wahre Geschichte einer Türkin erzählt, die 2005 in Berlin von ihren Brüdern wegen ihrer westlich-orientierten Lebensweise brutal ermordet wird. Verletzung der Ehre wirft ihre Familie der jungen Frau vor. Ein sehr mutiger Film der Produzentin, der TV-Moderatorin Sandra Maischberger, hervorragend inszeniert von Regisseurin Sherry Horman. Und mit glänzend agierenden Darstellern.

Das Prädikat „hervorragend“ gebührt ebenso dem Streifen „Now or never“, eine eher „schwarze Komödie“, aber mit viel Tiefgang und Hintersinn hinsichtlich eines brisanten Themas. Wir erleben eine Sterbeklinik in der Grenzstadt Konstanz. Die Patientenräume liegen auf deutscher Seite, das Sterbezimmer über einer markierten Linie in der Schweiz. Regisseur Gerd Schneider, ein katholischer Theologe, gelang eine wunderbare Inszenierung mit dem notwendigen Respekt hinsichtlich der Thematik. Die nachdenklich stimmte, aber gleichzeitig mit humorvollen Szenen Lachsalven hervorrief. Ein sehr gelungener Spagat zwischen Drama und Komödie.

„Atlas“ lautet der Titel eines wunderbaren Streifens, der stark von der Präsenz des Hauptdarstellers Rainer Bock lebt. Er spielt den wortkargen Walter, der als Möbelpacker oder besser: als „Entmieter“ für einen arabischen Immobilienclan schuftet, dabei alles tragen und auch ertragen muss. Eines Tages wird er sich einer sehr schwierigen Situation konfrontiert. Er trifft im Zuge einer bevorstehenden Wohnungsräumung seinen Sohn wieder, den er verlassen hat, als dieser noch ein kleiner Junge war. Nun hat dieses auch eine Frau und einen Sohn und ist in finanziellen Schwierigkeiten. Walter will helfen, begibt sich aber dadurch in große Gefahr. Und er gibt seine Identität gegenüber seinem Sohn  nicht preis. Noch nicht. Regisseur David Nawrath gelang eine überaus einfühlsame Geschichte über Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben und mit immensen Widrigkeiten zu kämpfen haben.

Zu Herzen geht ebenfalls der berührende Film „Weil Du mir gehörst“, in der nach einer Scheidung die Mutter, die die Trennung nicht überwunden hat, die achtjährige Tochter von ihrem Vater systematisch entfremdet. Es besteht ein gemeinsames Sorgerecht, doch Mutter Julia (bestechend: Julia Koschitz) die eigentlich liebevolle Beziehung des Kindes zum Vater (wunderbar dargestellt von Felix Klare) mit üblen Methoden zerstört. Bei einem Gerichtsprozess wird zugunsten der Mutter entschieden, der Vater muss hilflos und verzweifelt dem Entzug der eigenen Tochter zusehen. Doch er kämpft weiter. Großartig verkörpert die junge, erst achtjährige  Darstellerin Lisa Lisa Marie Trense das kleine Mädchen. Nach der Vorstellung des Films ernteten diese drei Hauptdarsteller minutenlang tosenden Applaus. Zurecht.

Ein „Heimspiel“ in Ludwigshafen hatte der Streifen „Hiwwe wie driwwe“ von Christian Schega und Benjamin Wagener. Darin geht es um den pfälzischen Dialekt, der in manchen Teilen der USA noch gesprochen wird und mit dem Begriff „Pennsylvania Dutch“ rangiert. Schon vor über 300 Jahren verließen Siedler wegen Elend und Unterdrückung ihre pfälzische Heimat und wanderten nach Amerika aus. Viele ließen sich in Pennsylvania nieder, wo sie weiterhin ihre Sprache pflegten. Noch heute pflegen ihre Nachkommen eine Abart des Pfälzischen, feiern ihre Wurzeln und den Dialekt im Alltag und besonders auf Straßenfesten. Wer weiß aber in der Heimat noch, was ein „Schnickelfritz“ ist? Antwort darauf gibt der Doku-Film, bei dem die Macher vor Ort recherchierten interessante Leute trafen und Spuren der pfälzischen Seele auf beiden Kontinenten entdeckten. Pfälzisch als rheinfränkischer Dialekt wird übrigens auch gut von denjenigen verstanden die das Mainfränkisch beherrschen, etwa im Rhein-Main-Gebiet.

Dann war da noch eine liebevolle Hommage an die zwei größten Komiker auf der Leinwand: „Stan & Ollie“ würdigte die Stars, die noch heute ein Millionenpublikum rund um den Globus zum Lachen bringen. Der Film, gezeigt im Open Air Kino,  erzählt einfühlsam die Geschichte von Stan Laurel und Oliver Hardy, als die beiden nach schwieriger werdenden Zeiten in Hollywood sowie vielen Problemen ein Comeback starteten und durch Großbritannien und Irland tingelten. Große Klasse die beiden Hauptgarsteller Steve Coogan und John C. Reilly, die dem Original verblüffend ähnlich sehen und deren Slapstick perfekt kopierten.

Eine - überaus verdiente - Würdigung an einen großen Schauspieler sahen die Besucher auch in der Dokumentation „Es hätte schlimmer kommen können“, in der Mario Adorf Stationen seines Lebens und Wirkens schildert. Er erzählt von seiner Kindheit in der Eifel, seinem Studium in Mainz bis hin zu seinen langen Zeit in Rom. Oft als Darsteller fieser Bösewichte hat er eine bestimmte Rolle nie vergessen. „Noch heute sagen Leute zu mir: Dass Sie damals Winnetous Schwester erschossen haben, verzeihen wir Ihnen nicht“. Und er fügt schmunzelnd hinzu: „Das war ein Fehler“. Mario Adorf glänzte in vielen Rollen. Unvergessen brillierte er als Alfred Matzerath in Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“.

Schließlich erlebte das Kinopublikum beim Festival des deutschen Films letztmals Bruno Ganz in einem Film. Der dieses Jahr verstorbene Schweizer Schauspieler verkörperte in der österreichischen Produktion „Der Trafikant“ den Psychiater Sigmund Freud. Dies mit all seinem großen Können. In dem Streifen verlässt der 17-Jährige Franz im Jahr 1938 sein Heimatdorf und beginnt in Wien beim Trafikanten Otto, einem Kriegsinvaliden des Ersten Weltkrieges,  eine Lehre. Dieser hält nichts von den politischen Entwicklungen der damaligen Zeit und hält mit seien Meinung nicht hinterm Berg. Was den neuen Machthabern und ihren zahlreichen Mitläufern sehr missfällt. Die Tragödie bahnt sich an, auch der junge Franz ist betroffen.

Am Ende des Festivals vergab eine Jury nochmal Auszeichnungen. Der Filmkunstpreis ging an „Sag Du es mir“, Regie & Buch: Michael Fetter Nathansky. Die Juroren haben zudem an „Atlas“, Regie: David Nawrath, Drehbuch gemeinsam mit Paul Salisbury, und „Es gilt das gesprochene Wort“, Regie: Ilker Çatak, Drehbuch gemeinsam mit Nils Mohl, „lobende Erwähnungen“ vergeben.

Den  Publikumspreis „Rheingold“ heimste „Crescendo“, Regie: Dror Zahavi, Drehbuch gemeinsam mit Johannes Rotter, ein. Den Medienkulturpreis, der an einen Fernsehfilm, der eine cineastisch besonders gelungene „Kino-Qualität“ hat, geht erhielen zwei Streifen:   Und wer nimmt den Hund?“, inszeniert von Rainer Kaufmann sowie  „Im Schatten der Angst“, inszeniert von Till Endemann, geschrieben von Rebekka Reuber und Marie-Therese Till.

„Wir sind süchtig nach Geschichten, besonders solchen mit Atmosphäre“, sagte Dr. Michael Kötz in seiner Eröffnungsrede beim Festival des deutschen Films auf der Parkinsel in Ludwigshafen. „Wir lieben Sie seit unseren Tagen in der Höhle im Wald, wo uns nur die Erzählungen von dem, was andere Stammesmitglieder erlebten, davor bewahrt haben, deren Fehler zu begehen. Zugleich müssen wir damals an den Lagerfeuern gelernt haben, dass die erzählten Erlebnisse anderer unser Leben nicht nur praktisch erleichtern, sondern auch sinnlich erweitern, es vergrößern durch die Welt der Phantasie. Heute brennt unser Lagerfeuer hier in der Höhle vor der Leinwand. Wir fühlen uns aufgehoben in der Menge und das macht glücklich.“