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Letzte Aktualisierung: 25.06.2019

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Historiker als „Lumpen-Sammler“

„Des Kaisers Spuren. Wilhelm II. im Schloss Bad Homburg“

von Ilse Romahn

(21.03.2019) Das Programm „Des Kaisers Spuren. Wilhelm II. im Schloss Bad Homburg“ setzt sich am Donnerstag, 4. April, 19 Uhr, mit einem Blick auf „Lumpen“ – kleine und randständige Dinge – im Besitz des letzten deutschen Kaisers fort.

Dr. Torsten Riotte von der Goethe-Universität Frankfurt und Yannick Schwarz von der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten folgen den Empfehlungen des Geschichtstheoretikers Siegfried Kracauer (1889-1966) und erläutern verschiedene Bad Homburger Objekte, die das tägliche Gewebe seines Lebens wirklichkeitsnah vermitteln. Sie bringen damit Dinge zum Sprechen, die in der Regel vernachlässigt werden, etwa ein Schürhaken aus dem Königsflügel des Bad Homburger Schlosses, in dem sich die musealen Appartements Wilhelms II. und seiner Gattin befinden.   

1969 hatte Kracauer sein Buch „Geschichte – Vor den letzten Dingen“ veröffentlicht. Auf dem Höhepunkt eines von methodischer und analytischer Strenge geprägten Zugriffs der Wissenschaft auf die Geschichte war es eigentlich völlig unzeitgemäß. Heute zählt es jedoch zu den wichtigsten theoretischen Arbeiten des 20. Jahrhunderts. Niemand argumentierte je so klar dafür, dass Historiker „Lumpen“ aufsammeln: Sie sollten schärfer auf die Realität einzelner Dinge und Phänomene schauen, damit aber auch auf die Widersprüche der Wirklichkeit stoßen. Kracauer kritisierte, dass zu seiner Zeit die meisten Geschichtswissenschaftler den Fundstücken und Ereignissen der Vergangenheit zu sehr mit abstrakten Begriffen und Theorien begegneten.