Das Online-Gesellschaftsmagazin aus Frankfurt am Main

Letzte Aktualisierung: 15.10.2019

Werbung

Großes Kino am Ufer des Rheins

Festival des deutschen Films in Ludwigshafen

von Michael Hoerskens

(26.07.2019) Das 15. „Festival des deutschen Films“, welches vom 21. August bis 8. September in Ludwigshafen am Rhein über die Bühne geht, bietet wieder einen bunten Reigen interessanter Produktionen mit hochkarätigen Schauspieler/innen. Insgesamt werden auf dem Gelände der Parkinsel 84 Filme in verschiedenen Kategorien gezeigt.

Festivaldirektor Dr. Michael Kötz (links) und Programmdirektorin Daniela Kötz (daneben) informierten über das Programm des Festivals des deutschen Films
Foto: Hörskens
***

Festivaldirektor Dr. Michael Kötz und Programmdirektorin Daniela Kötz informierten vorab auf einer Pressekonferenz über das diesjährige Programm. Dabei gibt es einige Neuerungen. So wird den Besuchern am Sonntag, 25. August, eine kostenlose Filmakademie angeboten. Dabei erfahren die Kinofans, wie ein Film hergestellt wird oder was einen guten Streifen ausmacht. In einer neue Rubrik mit dem Titel „Welt-Kino“ werden ausländische Produktionen gezeigt, damit die Besucher des Festivals in andere, fremde Kulturen eintauchen können. Weitere Rubriken sind „Klassisch erzählt“, in der das Genre  Unterhaltungsfilme bedient wird, „Stilbewusst erzählt“, wo neue deutsche Produktionen mit hohem künstlerischem Anspruch gezeigt werden, oder „Eigenwillig erzählt“ mit sehr individuellen und eigenwillig erzählten Werken. Die Filme laufen in drei Kinos des Festivalareal, dazu kommt noch ein Open-Air-Kino direkt am Rheinufer. Und nach jedem Film finden im Gesprächszelt Diskussionen mit Schauspielern und Regisseuren statt.

Selbstverständlich sind auch wieder große Darsteller/innen zu sehen. Allen voran Mario Adorf. Der deutsche Weltstar ist Hauptdarsteller in dem Dokumentarfilm „Es hätte schlimmer werden können“ - einem Personenporträt über sein Leben. Er spielte zahleiche Bösewichte wie in den Winnetou-Western, verkörperte den NS-Sympathisanten Alfred Matzerath in Schlöndorffs Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“, konnte aber auch in Komödien überzeugen wie in der TV-Serie „Kir Royal.“ In dem Dokumentarfilm über seine Person begegnet er selbst nun Stationen seines Lebens. Dabei kommt er daher, so wie er ist - sympathisch, offen und auch selbstironisch.

Einen anderen großen Mimen des deutschsprachigen Film erlebt man in dem österreichischen Streifen „Der Trafikant“. Hier glänzt  der im Februar verstorbene Schweizer Schauspieler Bruno Ganz als Psychiater Sigmund Freud. Dieser gehört zu den Kunden des Kioskbesitzers Otto, einem einbeinigen Kriegsinvaliden. Und der Erfinder der Psychoanalyse wird Gesprächspartner des jungen Franz. Als der Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland droht, geht Freud nach London, Otto wird denunziert und als Dissident abgeholt. Kurz darauf erhält Franz ein Paket mit Ottos persönlichen Dingen.

Ein Film der besonderen Art heißt „Hiwwe wie driwwe“, für alle nördlich der Mainlinie wohnenden Bundesbürger die Übersetzung: „Hüben wie drüben“. Man erfährt hier, dass etwa eine halbe Million Pfälzer in Amerika leben, die ihren Dialekt leben und pflegen. Das Pennsylvania Dutch ist eine Variante des Pfälzischen und wird dort gesprochen, seit vor über 300 Jahren Siedler/innen aus der Pfalz vor Elend und Unterdrückung aus ihrer Heimat flüchteten und in die USA auswanderten. Noch heute feiern sie ihre Wurzeln und damit ihren Dialekt auf zahlreichen Festen. Eine vergnügliche Spurensuche für alle Pfälzer/innen und solche, die es werden wollen.

Doch auch viele andere Filme des Programms wecken Interesse und Vorfreude. Krimis wie ein Frankfurt-Tatort („Die Guten und die Bösen“), ein Spreewaldkrimi („Zeit der Wölfe“) oder der Thriller mit dem Titel „Das Ende der Wahrheit“, der Geschichte eines BND-Agenten, sorgen für Spannung. Aufwühlend das Drama „Weil Du mir gehörst“, bei der eine Mutter mit viel Raffinesse nach der Scheidung den Kontakt der Tochter zu ihrem Vater hintertreibt.

Nicht zuletzt verspricht die zynisch-sarkastische Komödie „Now or Never“  Lust auf Leinwand-Genuss. Eine Sterbeklinik in Konstanz. Kleines Problem: Weil in Deutschland die Sterbehilfe gesetzlich nicht erlaubt ist, liegt das Sterbezimmer auf der anderen Seite der Grenze - in der Schweiz. Die junge, hübsche Rebecca hat einen Hirntumor und möchte nochmal ordentlich auf den Putz hauen, etwa mit einer Rock’n’Roll-Party. Dann will sie noch einen Wunderheiler in den Bergen aufsuchen und bringt mit all ihren Ideen das Team fürs geordnete Sterben an den Rand der Verzweiflung. Als Eröffnungsfilm läuft am 21. August „Wendezeit“, eine Liebesgeschichte im Räderwerk der Politik zu Zeiten des Kalten Krieges.

Erneut gibt es in diesem Jahr es auf dem Festival des deutschen Films ein Open-Air-Kino. Unter dem Sternenhimmel werden hier neun cineastische Leckerbissen serviert. Besonders freuen können sich die Besucher auf die Produktionen „Stan & Olli“ oder „Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit“. Erstgenannter Film erzählt die Geschichte der beiden Champions aller Komiker. Die Filme von Stan Laurel und Oliver Hardy blasen noch heute zu Generalattacken auf das Zwerchfell aller Leinwandfans weltweit. Der Streifen „Stan & Ollie“ ist eine großartige Hommage an die beiden Stars von einst. Über Vincent van Gogh gibt es rund 40 Filme. Die neue Produktion von Regisseur Julian Schnabel lässt die Verrücktheit des Malergenies erkennen, erzählt die Reise eines Mannes in sein selbst gewähltes Exil. „Man hat das Gefühl, selber Vincent van Gogh zu sein“, sagt Schnabel, dem ein eindrucksvolles Künstlerporträt gelungen ist.

Schließlich ist auch wieder an das jüngste Publikum gedacht. Beim Kinderfilm Festival mit neun Produktionen wird unter anderem eine Neuverfilmung der „Immenhof“-Reihe aus den 1950er Jahren zu sehen sein. Im Streifen „Rocca verändert die Welt“ meistert eine Elfjährige, deren Vater als Astronaut ins All fliegt und deren Oma ins Krankenhaus kommt, problemlos ihren Alltag. Der Animationsfilm „Die sagenhaften Vier“ wiederum ist eine freie Adaption der „Bremer Stadtmusikanten“ der Kurzfilm-Oscar-Preisträger Christoph und Wolfgang Lauenstein, bei der das tierische Quartett einem Meisterdieb das Handwerk legt.

Natürlich werden in Ludwigshafen wieder Preise vergeben. Zunächst zwei Preise für Schauspielkunst. Einmal gibt es den für Julia Koschitz. Mit ihr zeichnet das Festival eine Repräsentantin des jungen deutschen Films aus, eine „Verwandlungskünstlerin“, wie Festivaldirektor Dr. Michael Kötz sie beschreibt. „Was immer sie spielt, es findet vor allem auf ihren Gesicht statt, genauer gesagt in ihren Blicken, denen man nicht entkommen kann. Dabei wirkt sie introvertiert und extrovertiert zugleich“, so Kötz. Die Preisverleihung findet am Mittwoch, 4. September, um 19 Uhr vor 2500 Gästen in zwei Kinozelten zeitgleich statt. Im Anschluss an die Verleihung zeigt das Festival „Im Schatten der Angst“ von Till Endemann, ein psychologischer Thriller mit fast unheimlichem Tiefgang.

Der andere Preis für Schauspielkunst geht an Bjarne Mädel. „ Er ist ein echter Solitär unter den Schauspielern des Landes. Was ihn charakterisiert, sind die staunend geöffneten Augen, mit der er in die Welt schaut und die stets lauernde Ironie jedes sich allzu seriös gebenden Herrentums“, erklärte Michael Kötz.  Mädel symbolisiere eine jungshaft-lässige Variante des Mannseins. Damit sei er die Verkörperung des Wunschbildes vom Mann der Gegenwart: ohne herrischen Gestus und jederzeit zur Selbstironie bereit, sagte der Festivaldirektor und ergänzte: „Ein Held ohne Heldentum und dennoch mit einer beeindruckenden Präsenz.“ Die Verleihung geht am 1. September über die Bühne, gezeigt wird dann ein  abenteuerlich-komisches Road Movie  mit dem Titel „25 km/h“. Zwei Brüder reisen dabei im Alter von fast 50 Jahren mit Mofas quer durch Deutschland.

Der Regiepreis Ludwigshafen wird in diesem Jahr an Rainer Kaufmann verliehen. Der Frankfurter studierte in seiner Heimatstadt Germanistik und in München Filmregie. Seinen Durchbruch im Kino hatte der Regisseur mit dem Streifen „Stadtgespräch“, in dem Katja Riemann eine umtriebige Radiomoderatorin spielte. Ein Kino-Hit war auch seine Roman-Verfilmung „Die Apothekerin“, ebenfalls mit Katja Riemann. Doch auch bei dramatischen, tiefgründigen Filmen führte Rainer Kaufmann Regie, etwa bei „Blaubeerblau“, der in einem Sterbehospiz spielt oder „Marias letzte Reise“ mit Monika Bleibtreu als krebskranke Bäuerin.  „Kaufmann will mit seinen Werken möglichst viele Menschen erreichen, und zwar so, dass denen das Herz aufgeht“, betonte Festivaldirektor Kötz. In Ludwigshafen wird unter anderem Kaufmanns Komödie „Und wer nimmt den Hund?“ mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur gezeigt. Es  geht dabei um ein Ehepaar, das nach 20 Jahren Ehe in einer Paartherapie landet.

Und es gibt noch den Ludwigshafener Filmkunstpreis, bei dem eine dreiköpfige Jury die Entscheidung trifft, sowie den Ludwigshafener Publikumspreis „Rheingold“, bei der die Besucher mit Stimmzetteln nach jeder Vorstellung unter allen Filmen ihren Favoriten auswählen. Beide Auszeichnungen sind mit 30 000 Euro dotiert. Ein Medienkulturpreis wird dann noch für einen besonders cineastischen gelungenen Fernsehfilm vergeben.

„Wir haben vor 15 Jahren ziemlich klein angefangen“, berichtete Michael Kötz. „Wenn man damals gesagt hätte, dass inzwischen das Festival des deutschen Films in der Fachwelt des Films und Fernsehens so sehr beliebt ist und jedes Jahr von etwa 120 000 Menschen besucht wird, so hätten wir das für eine Vision gehalten.“ Mittlerweile ist es zum zweitgrößten Filmfestival Deutschlands avanciert und wurde von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum schönsten Festival Deutschlands benannt. Dies sei, so Kötz,  auch der Verdienst von zahlreichen Sponsoren, unter anderem des Ludwigshafener Chemiekonzerns BASF. Ein Grund für den Erfolg, neben der Qualität der Filme, sieht Kötz in dem Ambiente: „Weil man sich hier einfach wohlfühlt – an diesem magischen Ort auf der Parkinsel am Rhein, wo man sich unter hohen, ehrwürdigen Bäumen unter Vogelgezwitscher vor oder nach den Aufführungen mit FreundInnen treffen oder neue Leute kennenlernen und entspannt das Leben genießen kann. Dies während vor den Augen der Gäste Personenschiffe und Lastkähne Richtung Süden oder Norden vorbeifahren.“ Und gleich nebenan werden die Stars auf dem Roten Teppich begrüßt.

Daneben gibt es ein breites Gastronomie-Angebot in einem Zelt sowie einem Gartenlokal am Rheinufer mit kulinarischen Köstlichkeiten wie Indischem Curry oder Grünen Spätzle mit Bergkäse. Dazu findet man eine Auswahl gut sortierter Weine. Dem Rebensaft aus der benachbarten pfälzischen Weinregion wird daneben in einer besonderen Veranstaltung gehuldigt: Am 8. September heißt es ab 17 Uhr „Film & Wein“. WinzerInnen aus acht Weingütern offerieren dabei nach dem Streifen „Nachts baden“ neue und bewährte gute Tropfen.

Tickets (9,50 Euro) für das Festival des deutschen Films können ab dem 26. Juli in Vorverkaufsstellen in Ludwigshafen und Mannheim, aber auch online über das Internet gekauft werden (tickets.fflu.de). Für SchülerInnen und StudentInnen gibt es einen Sonderpreis für 6,50 Euro. Zum Festivalgelände fährt ab Berliner Platz bzw. S-Bahn-Haltestelle Ludwigshafen-Mitte ein Shuttle-Bus.

Weitere Informationen zu Programm, Anfahrt oder Parkmöglichkeiten: www.fflu.de oder Telefon 0621 / 121 824 70.