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Letzte Aktualisierung: 21.06.2018

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Das kleine Muttermal an der gewissen Stelle

Das Volkstheater mit „Zartbitter“ im Ledermuseum Offenbach

von: von Ingeborg Fischer und Karl-Heinz Stier

(27.11.2016)  Ein solch modernes 2-Personen-Stück, das auch noch die Homosexualität zum Thema hat, erwartet man als Freund des Volkstheaters Hessen eigentlich nicht. Den Mut, nach „Verspekuliert“ und „Meister – Heister“ – erfolgreiche Stücke von Adolf Stoltze -, mit einer Satire aufzuwarten, ist zu bewundern. Und es beweist die Vielschichtigkeit des Volkstheaters.

Das Werk des Autors Lars Lienen – in Frankfurter Mundarteinfärbung geändert – erzählt von Zu- und Abneigung der Schokoladenherstellerin Jule Schneider (Iris Reinhardt Hassenzahl) zu ihrem neuen Mitarbeiter Tom (Sebastian Huber), der ihr von ihrer Chefin in die kleine Chocolaterie am Zoo in Frankfurt zur Seite gestellt wird. Jule, unangefochtene Künstlerin im Schokoladenherstellen, ist empört. Doch sie muss feststellen, dass Tom ihr durchaus das Wasser reichen kann. Zwar bedient er sich unverfroren mit Jules Gewürzen („mein Chili is weg!!“). Aber seine Kreationen sind köstlich. „En Idiot, der gude Schoklad määcht“ keift sie.


Iris Reinhardt Hassenzahl und Sebastian Huber
***

Als sich Tom jedoch als „Schwuler“ outet, legt Jule empört so richtig los. Sie, seit 2 Jahren verheiratet – mit Kinderwunsch - lässt kein Klischee aus, wenn sie über den Christopher Street Day, über „Homos“ und „Schwulies“ und den „Popoprinz“ schimpft. Aus ihrem knallroten Riesenmund quasselt sie unentwegt und aufgeregt mit dem Idiom, den man hierzulande so nett findet und selbst nicht frei davon ist. Iris Reinhardt Hassenzahl beherrscht dieses „Frankforterisch“ perfekt, wie sie ja schon oft bewiesen hat. Der Neuling beim Volkstheater Sebastian Huber tat sich etwas schwerer, was eigentlich erstaunlich ist. Denn er ist - schließlich in Dietzenbach aufgewachsen. Den homosexuellen Mann spielte er nicht ganz so glaubwürdig, aber angenehm war es dennoch, dass er nicht die üblichen Klischee-Töne und Gestiken anschlug.

Das kleine Muttermal an der gewissen Stelle bei Jules Ehemann verrät dann – durch abgehörte Handy-Nachrichten offenbart - Erstaunliches, was die beiden Protagonisten zu Komplizen werden lässt. Mit eingespielter Musik von „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Tatort“ glaubt der Zuschauer dann, dass das Spiel der beiden zum Krimi wird. Aber mitnichten, mehr sei nicht verraten.

Das Bühnenbild mit den Requisiten (Claudia Rohde), das eine kleine Chocolaterie zaubern sollte, war etwas irritierend. Auf der einen Seite sind Jule und Tom mit Mobiltelefonen ausgestattet und modern gekleidet, andererseits ist das Mobiliar wohl aus dem frühen vorjährigen Jahrhundert, ein altmodisches Wandtelefon wird bedient und ein Radio mit Tasten und magischem Auge steht im Regal. Das machte den Betrachter ein wenig ratlos. Die Regie führte Steffen Wilhelm.

Weitere Aufführungen sind nicht mehr vorgesehen. Alles in Allem: Es ist gut, dass es dieses Volkstheater Hessen gibt, allen Widrigkeiten zum Trotz. Mit Engagement, Herzblut, aber ohne festes Haus und Subventionen behauptet es sich und das gilt es zu unterstützen. Ja, und Vergnügen macht ein Besuch allemal.