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Letzte Aktualisierung: 21.07.2017

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Im Laboratorium des energieeffizienten Wohnens

Frankfurter Passivhausbau genügt höchsten Ansprüchen

von: Ilse Romahn

(26.03.2013)  Wo Frankfurt ist, ist vorne. Ob Skyline, Flughafen oder Internationalität seiner Bürger, die Stadt zählt sich weltweit zu den Topadressen. Jetzt will die Mainmetropole zur Hauptstadt der Passivhausbranche avancieren. Was Rang und Namen hat, kommt vom 19. bis zum 21. April zur 17. Internationalen Passivhaustagung an den Main.

Den inoffiziellen Titel einer Passivhaushauptstadt hat sich Frankfurt nach Einschätzung von Werner Neumann, dem Leiter des städtischen Energiereferats, längst verdient. „Pro Einwohner haben wir die größte Passivhausfläche in Deutschland“, sagt er. Mehr als 300000 Quadratmeter besonders energieeffizienter Wohnfläche, dazu Schulen, Kindergärten, Sporthallen und Feuerwachen stehen auf der Liste, seit die Kommune sich vor rund zwanzig Jahren auf den Weg zur Green City machte, und das Stadtparlament 2007 Passivhaus als Baustandard festlegte. Dem Klimaschutz zuliebe hat seither energieeffizientes Bauen Vorrang, so weit wie möglich sollen Strom und Wärme gespart werden. Das Ziel, „mit weniger Mitteln viel zu erreichen, lässt sich in Städten gut umsetzen, weil sie dicht besiedelt sind“, meint Neumann.

Energieeeffizient bauen und leben
Dass die Bewohner solcher Häuser im Winter frieren, im Sommer schwitzen und ansonsten im eigenen Mief hocken, weil kein Fenster geöffnet werden kann, gehört für Stefanie und Hans-Dieter Rook zu den gängigen Vorurteilen beim Stichwort Passivhaus. „Leben tun wir hier total normal“, lachen die beiden. Das Architekten-Paar plante und baute 2008 im begehrten Frankfurter Nordend den Scheffelhof. In der Gruppe aus zehn Einfamilienhäusern mit einem zentralen Hof als Spielplatz und Treffpunkt leben inzwischen 44 Menschen, unter ihnen 24 Kinder. Die Rooks wollten von Anfang an energieeffizient bauen. Zum einen mit Blick auf die immer weiter steigenden Preise für Strom und Heizung. Zum anderen, weil Hans-Dieter Rook während des Studiums in Kassel Erfahrungen sowohl mit Baugruppen als auch mit nachhaltiger Bauweise sammelte – sein Lehrer Wolfgang Feist leitet heute das Passivhausinstitut in Darmstadt.

'Extrem hoher Wohnkomfort'
Stefanie Rook schätzt die praktischen Seiten ihres Heims. Immer gute Luft, mindestens zwanzig Grad in jedem Raum und Heizkosten, die niedriger sind als die Gebühr für den Gaszähler. „Extrem hoher Komfort“, fasst die Architektin und Mutter von drei Kindern die Vorteile zusammen. Die Technik macht’s möglich. Zentrales Element ist die mit einem Wärmetauscher ausgestattet Lüftungsanlage. Luft funktioniert als Wärmeträger und dient so als Heizung. Im Prinzip saugt die Anlage feucht-warme Luft aus Küche und Bad ab, führt Gerüche und verbrauchte Luft nach Außen ab und zieht anschließend frische Luft in die anderen Wohnräume hinein. Der permanente Austausch sei als angenehm sanfter Zug spürbar, so Stefanie Rook.

Der Austausch sorgt zudem für Frischluft rund um die Uhr, ohne dass ein Fenster geöffnet werden muss. „In einem normalen Haus müsste man im Winter die Fenster aufmachen. Das kostet Energie“, sagt Rook. Trotzdem nutzt die Familie im Sommer die Option nachts die Fenster zu öffnen, um das Haus zu kühlen. Innen zeige das Thermometer in der heißen Jahreszeit aber selten mehr als 25 Grad Celsius an. Dreifach verglaste Fenster und Lüftungsanlage schätzen die Bewohner des Scheffelhofs nicht nur aus Energiespargründen, sondern auch mit Blick auf das Wohnen in zentraler innerstädtischer Lage. Weder Abgase noch Lärm dringen von der nahegelegenen Friedberger Landstraße nach innen.

Zahlreiche Preise für Projekte in und um Frankfurt
Für ihr Projekt erhielten die Rooks den Green Building Award, mit dem Frankfurt und Darmstadt sowie der Regionalverband FrankfurtRheinMain Architekten, Bauherren und Planer für ihren Beitrag zum Klimaschutz würdigen. Zu den Preisträgern gehören unter anderem das Opus House in Darmstadt, das Graue Haus in der Taunusgemeinde Oberursel oder Campo Bornheim in Frankfurt. Campo Bornheim war mit mehr als 14000 Quadratmetern Wohnfläche bei der Fertigstellung 2009 das größte innerstädtische Wohnquartier Deutschlands im Passivhausstandard. Bauherr des von international renommierten Architekten entworfenen Komplexes war die AGB Frankfurt Holding. Die städtische Gesellschaft ist einer der Pioniere im Passivhausbau. Sie realisierte schon Anfang des 21. Jahrhunderts im Stadtteil Bockenheim Mehrfamilienhäuser; bisher baute sie insgesamt 2000 Wohnungen im Passivhausstandard, darunter auch Objekte im benachbarten Offenbach.

Stadt setzt Maßstäbe für energieeffizientes Bauen
Die Stadt fördert die Umsetzung von Projekten über Förderprogramme und knüpft den Verkauf kommunaler Grundstücke an eine Verpflichtung der Bauherren auf den Passivhausstandard. Die Kommune schreibt sich eine Vorreiterrolle bei öffentlichen Bauten zu: Die Riedberg-Schule, entstanden im gleichnamigen neuen Stadtteil, war bei ihrer Eröffnung 2004 die europaweit erste Passivhaus-Schule. Ursprünglich als Niedrigenergiehaus geplant, investierte Frankfurt noch einmal 600000 Euro in die Passivbauweise. Diese Mehrkosten machen sich bezahlt – in acht Jahren rund

300.000 Euro Heizkosten gespart, lautet die Bilanz.
Weniger Betriebskosten, minimierte Gesamtkosten, das rechnet sich nicht nur für kommunale Haushalte, sondern auch für Unternehmen. Werner Neumann blickt dabei auf die Bürohochhäuser der Skyline. „Es wird drei bis viermal weniger Energie verbraucht als vor zwanzig Jahren, zehnmal weniger als in den ganz alten“, rechnet er vor. Die beiden ersten Bürogebäude im Passivhausstandard errichteten mit der Caritas und der Stiftung Waisenhaus soziale Institutionen. Die Stadt baut auf ihrem Weg zur Green City indes auch auf Partner auch aus der Wirtschaft. Der Tower 185, die renovierten Bürotürme der Deutschen Bank oder ein Bau der Kreditanstalt für Wiederaufbau erhielten Zertifizierungen nach in der Immobilienbranche international anerkannten Nachhaltigkeits-Standards.

Frankfurt plant den Ausbau seiner Spitzenposition im Passivhausbau. Rund 50 Projekte stehen auf der Liste, bis 2015 soll sich die Zahl der energieeffizienten Wohneinheiten verdoppeln, und im Stadtteil Höchst das weltweit erste Klinikum nach Passivhausstandard entstehen. Die Umwelt und Werner Neumann freut’s: „Frankfurt ist von Kopf bis Fuß auf passiv eingestellt!“ Besucher und Bürger können sich davon auf Stadtbesichtigungen unter dem Titel „KlimaTours“ überzeugen.

Margarete Lausberg

Am 19. und 20. April ist die 17. Internationale Passivhaustagung zu Gast in Frankfurt. In der weltweit größten Fachausstellung zur Passivhaustagung zeigen Hersteller aus aller Welt ihre neuesten Entwicklungen. Die Ausstellung ist kostenlos und für alle Interessierten offen. Öffnungszeiten: Freitag, 19. April, 9 bis 19 Uhr und Samstag, 20. April, 9 bis 17 Uhr im Congress Center der Messe. Für Fachleute findet im Congress Center zeitgleich das wissenschaftliche Tagungsprogramm statt. Mehr als hundert Referenten berichten über ihre Erfahrungen mit Passivhaus-Projekten in der Praxis. Schwerpunkte sind in diesem Jahr unter anderem die energetische Sanierung und der zusätzliche Einsatz erneuerbarer Energien zur Versorgung von Gebäuden mit Strom. Eine Reihe von Vorträgen beschäftigt sich mit Entwicklungen in der Stadt Frankfurt, die zum zweiten Mal Gastgeber der Passivhaustagung ist.

Weitere Informationen unter www.passivhaustagung.de/ und KlimaTours: www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=4576&_ffmpar[_id_inhalt]=7226687