(24.07.08) Vom 19. bis 30.Mai 2008 tagten die Vertragsstaaten zur Konvention über die biologische Vielfalt in Bonn (CBD –Convention on Biological Diversity). Die Vertreter der Vertragsstaaten - die etwa alle zwei Jahre zusammenkommen – trafen sich dieses Jahr bereits zum neunten Mal.
Gegen das Prinzip der Angst – Ungehorsam und EigeninitiativeDr. Vandana Shiva, Bürgerrechtlerin, Widersacherin gegen Patentierung von Saat-gut und Medikamenten, war in Bonn dabei. Auf einem Symposion der Freiburger Kant-Stiftung nennt sie Zahlen: allein in den USA haben Konzerne gegen 500000 Bauern geklagt und in ihrem Heimatland Indien haben sich 200000 Bauern wegen vergleichbarer Klagen das Leben genommen.
Dies motivierte Dr. Shiva, 1991 in Indien die Aktion ‚Navdanya’ zu gründen, die in Deutschland von Brot für die Welt unterstützt wird. Heute sind 47000 indische Kleinbauern in Kooperativen organisiert. Es wird Saatgut verteilt und Saatgutbanken werden weiter aufgebaut. Die Bauern gewinnen dadurch Unabhängigkeit und entscheiden selbst, was sie anbauen.
Die Ergebnisse einer neuen UN-Studie zur Technologie-Bewertung in der Landwirtschaft belegen, dass artenreiche, ökologische Landwirtschaft mehr Erträge bringt und stützen damit die Aktion, die Dr. Shiva ins Leben gerufen hat, faktisch. In Frankfurt, wo Vandana Shiva im Anschluss an die Bonner Tagung an der medico internatiol Konferenz „Solidarität heute!“ im Juni teilnahm, rief sie zu zivilem Ungehorsam auch gegen herrschende Gesetze im Sinne von Gandhi auf. Sie ist Mitunterzeichnerin des Bonner Manifestes „Zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung von Gemeinschaftsgütern“
www.kantstiftung.de

Dr. Shiva und Silke Helfrich (Heinrich-Böll-Stiftung)
***Nach der Konferenz in Bonn machte auch der stellvertretende Umweltminister Venezuelas, Dr. Miguel Rodríguez, Station in Frankfurt. Er betonte das Recht auf Wasser und berichtete über Aktivitäten der venezolanischen Bevölkerung, die selbst Leitungen verlegt und an so genannten Wassertischen das Wasser selbst verwaltet. Er sprach von der Misión Árbol, der Baum-Mission, durch die die Wiederaufforstung zerstörter Waldflächen gewährleistet wird, von den Waldschutz-Komitees der Bewohner, von den Pflanzenschutzstätten, von dem Verzicht auf Maisanbau zugunsten Biosprit, von den erdgasbetriebenen Fahrzeugen , die mehr und mehr auf Venezuelas Straßen unterwegs sind.
von rechts nach links der venezolanische Generalkonsul César Mendez-Gonzales in Frankfurt, die Übersetzerin, Vizeminister Dr. Rodriguez, Projektmitarbeiter
***Fazit zur Konferenz in BonnEs gab keinen Jubel über erfolgreiche Vereinbarungen. Die NGOs beklagen, dass Beschlüsse entweder nicht getroffen wurden oder nicht verbindlich sind sowie die finanzielle Zurückhaltung der Staaten. Kritisiert wird, dass umweltschädliche Subventionen nicht abgebaut werden und dass es keine Einigung gab, ‚Gentech-Bäume’, die die Artenvielfalt besonders bedrohen, zu verbieten. Pat Mooney, Preisträger des alternativen Nobelpreises aus Kanada, hatte sich für dieses Verbot besonders eingesetzt. Ebenso sprach er sich aus gegen Experimente mit dem Meer. Kritisiert wurde auch, dass es keinerlei Sanktionen bei Missachtung der verbindlichen Vereinbarungen gebe.
Gelobt wird die Verabschiedung von Kriterien für marine Schutzgebiete in der Hohen See. Gelobt wird die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die sich um die Folgen von Agrosprit kümmert. Dramatisch sind die Nahrungsmittelpreise auch in den Entwicklungsländern angestiegen. Widerstand, ja sogar Aufstände hat es bereits gegeben, weil den Menschen das Geld für die tägliche Ernährung fehlt. Gelobt wird die Einrichtung eines Biodiversitäts-Rates, der ähnlich wie der Weltklimarat mit anerkannten Wissenschaftlern arbeiten soll.
Pat Mooney warnt allerdings vor zuviel Vertrauen in wissenschaftliche und regierende Gruppen. Anerkennung fand auch die Tatsache, dass sich in Sachen gerechter Vorteilsausgleich zumindest etwas bewegt hat. Ungeklärt ist hier allerdings die Verbindlichkeit. Und es bleibt die Frage, ob im japanischen Aichi-Nagoya 2010 verbindliche ABS-Regeln, die das 3. Ziel „Zugang und Vorteilausgleich“ der CBD betreffen, vorliegen?
Zu schwach finden nicht nur einige das Signal, das von Bonn ausgegangen ist. Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger artikuliert sein Fazit zum Bonner Großereignis wie folgt: „Das zentrale Ziel der UN-Konferenz, das Artensterben bis 2010 zu stoppen, wird mit den Bonner Beschlüssen nicht erreicht.“
Heimatlicher NachschlagDas Thema Biodiversität spielt überall eine Rolle – auch in und um Frankfurt herum. 2004 haben sich Organisationen und Einrichtungen der Rhein-Main Region zum Netzwerk ‚BioFrankfurt’ zusammengeschlossen. Mehr Informationen zu dem Netzwerk finden Sie im Wissenschaftsmagazin der Johann Wolfgang Goethe Universität „Forschung Frankfurt“ (Heft 1.2008) oder unter
www.biofrankfurt.deMitautor des Beitrags ist Professor Bruno Streit, der bei C.H.Beck Wissen das Buch „Was ist Biodiversität? Erforschung, Schutz und Wert biologischer Vielfalt“ (7,90 €) herausgegeben hat.
Fotos: Renate Feyerbacher